X. Moralische Wochenschriften

Ein im achtzehnten Jahrhundert neu entstandenes Genre ist das der Moralischen Wochenschriften , die in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden nach dem Vorbild dreier englischer Zeitschriften, nämlich "Tatler" (1709-1711), "Spectator" (1711-1712) und "Guardian" (1712-1713) entstehen. Die moralische Wochenschrift ist damit, wie schon vorher die Gelehrtenzeitschrift, eine gemeineuropäische Angelegenheit, die überall die Erkenntnisse der Aufklärung mit den Werten der bürgerlichen Moral zu verbreiten sucht. Im Gegensatz zu den Gelehrtenzeitschriften richtet sich der „Spectator“ jedoch auf ein sehr viel breiteres Publikum des mittleren bis gehobenen Bürgerstandes, das aufgeklärt und unterwiesen werden soll.

Spectator von 1711
Spectator von 1711
© Joseph Addison

Der „Spectator“: Aufbau, Absicht, Adressanten

Dies geschieht durch den als fiktive Figur eingeführten "Herrn Spectator", der in der Zeitschrift mittels (meist fingiert) eingesandter Briefe und anderer Beiträge die Sitten seiner Zeitgenossen satirisch aufs Korn nimmt. Für seine Kommentare ist eine vom Denken der Aufklärung beeinflusste, philosophisch-relativierende Haltung mit ironischem Unterton charakteristisch. Bestimmte Typen des gesellschaftlichen Lebens werden in den Wochenschriften immer wieder aufs Korn genommen: Der religiöse Heuchler, der den Zeitgenossen mit seiner pietistischen Konventikelei auf die Nerven geht, in Wahrheit aber stets auf den eigenen Vorteil bedacht ist, der gewinnsüchtige Kaufmann, der eingebildete Gelehrte, dessen Wissen sich letztlich als Schein erweist, der überhebliche Aristokrat, dessen Adel nicht auf einem angenehmen Betragen, sondern lediglich auf Geburtsdünkel beruht, der weibische Modegeck, dessen hohler Kopf nur dazu dient, die aus Paris stammende neueste Perückenmode zur Schau zu tragen. Es fehlen nicht zahlreiche weibliche Figuren wie das leichtsinnige Mädchen, das seine Ehre in Gefahr bringt, die unvorsichtige Mutter, die nur nach dem gesellschaftlichen Status der entsprechenden Heiratskandidaten für ihr Kind und nicht nach deren Tugend urteilt, die von der Wissenschaft ganz in Beschlag genommene Frau, die ihre eigentlichen Aufgaben als Ehefrau und Mutter vernachlässigt...Dieser Figurenreigen wird, mit den entsprechenden tugendhaften Gegenvorbildern, dem Leser auf unterhaltsame, doch zugleich belehrende Weise vor Augen geführt. Es sind Charaktere, die zugleich andere neue Genres, wie den „bürgerlichen Roman“ und das „bürgerliche Drama“ bevölkern. Wie in diesen tritt auch in den Wochenschriften – in Gestalt des "Herrn Spectator" – ein väterlicher Freund auf, der die Aufgabe hat, den Figuren die Augen über ihre Fehltritte zu öffnen und sie vor Schaden zu bewahren.

Justus van Effen vs. Jacob Campo Weyerman

Die wohl bekannteste moralische Wochenschrift in den Niederlanden ist "De Hollandsche Spectator" (Der Holländische Spectator) von Justus van Effen (1684-1735), der in 360 Nummern zwischen 1731-1735 erschien und in 6 Bänden im Jahre 1756 noch einmal herausgegeben wurde. Aus ganz anderem Holz als der ironisch-moralisierende van Effen war ein weiterer, eher berüchtigter Publizist geschnitzt, der in seinen zahlreichen Zeitschriften nicht vor persönlichen Angriffen auf bekannte Figuren des öffentlichen Lebens zurückschreckte und sich dafür häufig Verfolgungen ausgesetzt sah. Jacob Campo Weyerman (1677-1747), dessen bewegtes Leben zwischen zahlreichen Publikationen, unehelichen Kindern, Schulden, Erpressungen und Skandalen schließlich im Haager Gefängnis endete, konnte für viele Berichte auf eigene Erlebnisse in der niederländischen Gesellschaft zurückgreifen. Ungeschminkt prangert er in Zeitschriften wie "De Rotterdamsche Hermes" (Der Rotterdamer Hermes, 1720) oder "Den Vrolyke Tuchtheer" (Der fröhliche Zuchtmeister,1729-1730) den Sittenverfall in der niederländischen Gesellschaft an, versuchte aber gleichzeitig, aus manchen delikaten Informationen über bekannte Persönlichkeiten noch eigenes Kapital zu schlagen.


Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004