V. Literatur zur besonderen Gelegenheit

Das religiöse Erleben verband sich für die Menschen der frühen Neuzeit fest mit ihrem Alltag. Daher sind auch die zahlreichen Gelegenheitsgedichte, die das Leben des Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleiteten, von christlichen Werten durchzogen. Gelegenheitsgedichte gehörten zum guten Ton des geselligen Verkehrs. Familiäre Ereignisse wie Geburten, Taufen, Hochzeiten und Todesfälle wurden ebenso besungen wie etwa der Abschied für eine längere Reise, eine Promotion oder die Einführung in ein neues Amt. Die Dichter verfassten entsprechende Werke für den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis oder im Auftrage der jeweils Betroffenen.

Positive Ereignisse: Liebe, Freude, Hochzeit

Insbesondere die "Epithalamia" oder Hochzeitsgedichte entwickelten sich in den Kreisen des begüterten Bürgertums zu einem Statussymbol, für das man bekannte Autoren zu gewinnen suchte. Für diese Gedichte, die häufig nicht nur anlässlich der Trauung vorgetragen, sondern auch gedruckt und an die Gäste verteilt wurden, hatte sich ein festes inhaltliches Schema entwickelt. Es enthielt meist eine Lobrede auf Braut und Bräutigam, wobei Anspielungen auf ihre Namen oder – im Falle des Bräutigams – auf die Amtstätigkeit gebräuchlich waren. Das feurige Liebeswerben des Bräutigams wurde ebenso geschildert wie das – vorläufige – züchtige Weigern der Braut, die schließlich erobert werden konnte. Den Schluss bildete der Wunsch nach vielen Nachkommen, wobei sexuelle Anspielungen nicht fehlten – allen Gästen wünschte man eine Gute Nacht, außer natürlich dem glücklichen Paar...

Negative Ereignisse: Trauer, Verlust, Tod

Freude und Schmerz gehörten für die Menschen der Renaissance in ganz besonders enger Weise zusammen, daher war neben der Liebe der Tod ein viel besungenes Thema. Zahlreiche Gelegenheitsgedichte befassen sich mit dem Ableben naher Familienangehöriger oder Todesfällen im Hause von Freunden und Bekannten. Wie unterschiedlich die Herangehensweise an das unwiderrufliche Ereignis war, mögen zwei berühmte Gedichte Vondels verdeutlichen. In Kinder-Lyck (1632, der Titel bedeutet sowohl "Leichnam eines Kindes" als auch "kindlich", "wie ein Kind" und deutet somit auf das Ereignis als auch den Trostcharakter des Gedichtes hin) setzt sich der Autor mit dem Tod seines kleinen Sohnes Constantijn auseinander, der noch vor seinem ersten Geburtstag starb. Einer allgemeinen Auffassung der damaligen Zeit entsprechend ist „Constantijntje, 't zaligh kijntje“ („Konstantin, das selige Kind“) bereits in die Schar der Engel aufgenommen worden, wo es ihm wohl geht. Das Kind tröstet auf kindliche, liebevolle Weise seine Mutter. Sie soll ihre Tränen trocknen, denn ihm werden alle Himmelsfreuden zuteil, aus der verwirrten Welt ist er in die dauernde Freude gekommen: "Eeuwigh gaat voor oogenblick – Ewig geht vor Augenblick", schließt Vondel dieses Trostgedicht.

Ganz andere Töne finden wir in seinem "Uitvaert van mijn dochterken" (Begräbnis meines Töchterchens ), das ein Jahr später entstand und vom Ableben seiner achtjährigen Tochter Sara berichtet. Der grausame Tod, so wird geschildert, verschont die Alten und zielt mit seinem Pfeil auf die ganz Jungen. Er lacht noch, wenn die verzweifelten Mütter beim Abschied von ihren Kindern weinen. Liebevoll beschreibt der Dichter die unschuldigen Spiele seiner Tochter, die die Freude von Eltern, Nachbarn und Freunden war und mitten in ihrer kindlichen Tätigkeit vom Pfeil des Tods ereilt wurde. Bitter schließt Vondel, kein irdischer Zuspruch könne den Schmerz um den Verlust stillen. Der Kranz von Rosmarin, den die Spielkameraden ihrer toten Freundin geflochten haben, ist nur ein kärglicher Trost, der bald verwelken wird.


Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004