VIII. Kurzbiografien von Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern

Gerd (Gerhard) Arntz - Maler und Graphiker

* Remscheid (Bergisches Land), 11. Dezember 1900 - † Den Haag, 4. Dezember 1988

Gerd Arntz gilt als einer der Väter des modernen Piktogramms.
Emigration in die Niederlande: 1934, wohnhaft dort bis zu seinem Tode.

Elisabeth Augustin - Schriftstellerin und Übersetzerin

* Berlin, 13. Juni 1903, † Amsterdam, 14. Dezember 2001

Emigration in die Niederlande: 1933, dort als auf Niederländisch schreibende Autorin tätig, u.a. De Uitgestootende, Volk zonder Jeugd (Romane, beide 1935), Moord en doodslag in Wolhynie (Roman 1936), Mirjam (Roman 1938)
Während der Besatzung erlebte Augustin die Deportation und die Ermordung ihrer Mutter.  Nach dem Krieg blieb sie in den Niederlanden.

Kurt Baschwitz - Journalist, Publizistikwissenschaftler

* Offenburg (Baden), 2. Feber 1886, † Amsterdam, 6. Januar 1968

Emigration in die Niederlande: 1933
Während der Besetzung des Landes tauchte Baschwitz unter, wurde gefasst, entging der Deportation und veröffentlichte unter dem Pseudonym Casimir C. Visser die wissenschaftliche Untersuchung über den Hexenwahn Van de heksenwaag te Oudewater en andere te weinig bekende zaken.
Nach dem Krieg nahm er an der Universität Amsterdam eine Professur für Presse und öffentliche Meinung an und wurde erster Direktor des von ihm mitgegründeten Instituts für Pressewissenschaft.

Max Beckmann - Maler, Graphiker und Bildhauer

* Leipzig, 12. Februar 1884,  † Neuyork, 27. Dezember 1950

Heute gilt Max Beckmann als einer der renommiertesten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. Nachdem seine Werke 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst in München gezeigt wurden, ließ sich Beckmann in Amsterdam nieder, wo er bis 1947 blieb, etwa ein Drittel seines Werkes entstand dort.

Werner Blumenberg - Journalist, Widerstandskämpfer, Historiker

* Hülsede (Niedersachsen), 21. Dezember 1900, † Amsterdam, 1. Oktober 1965

Vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Blumenberg als Herausgeber sozialdemokratischer Zeitungen tätig. Nach ihren Verboten gründete er mit der Sozialistischen Front die bedeutendste sozialdemokratische Widerstandsgruppe.
Emigration in die Niederlande: 1936
Blumenberg lebte von 1940-1945 im Untergrund, von 1945 bis 1965 leitete er die Deutschlandabteilung des Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis.

Ernst Busch - Sänger, Schauspieler und Regisseur

* Kiel, 22. Januar 1900, † Bernburg (Sachsen-Anhalt), 8. Juni 1980

Bis zur Machtübernahme war der linksgerichtete Busch einer der bekanntesten Theater- und Filmschauspieler Deutschlands (u.a. in der Rolle des Moritatensängers in Brechts Dreigroschenoper).
Emigration in die Niederlande: 1933, dort v.a. als Sänger tätig, weitere Stationen seines Exils: Belgien, Schweiz, UdSSR, Frankreich
Nach seiner Verhaftung 1943, Gefängnisaufenthalt in Berlin, Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Nach dem Krieg einer der herausragendsten Künstler der DDR.

Heinrich Campendonck - bildender Künstler, Akademie-Professor

* Krefeld, 3. November 1889, † Amsterdam, 9. Mai 1957

Campendonck war expressionistischer Maler, Mitglied des Blauen Reiters, bekannt v.a. aufgrund seiner Glasmalereien.
Emigration: 1934 nach Belgien, 1935 Berufung an die Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam.
Nach Ende des Krieges blieb Campendonck in den Niederlanden, 1951 erhielt er die niederländische Staatsbürgerschaft.

Wolfgang Cordan (eigentl. Heinrich Wolfgang Horn) - Schriftsteller, Übersetzer

* Berlin, 3. Juni 1909, † Chichicastenango (Guatemala), 29. Januar 1966

Emigration in die Niederlande: 1933, wo er als Journalist und Schriftsteller tätig war, u.a als Leiter der viersprachigen Kulturzeitschrift Centaur.
Während der Besatzung der Niederlande nahm Cordan als Hendrik van Hoorn aktiv am Widerstand teil. Nach dem Krieg lebte er zunächst einige Jahre in Italien, später in Mexiko.

Martin David - Geschichtswissenschaftler

* Posen, 1898, Sterbeort und -datum unbekannt

Emigration in die Niederlande: 1933, dort als Dozent an der Universität Leiden tätig,
Während der Besatzung: Deportation nach Theresienstadt
Nach dem Krieg: Rückkehr nach Leiden, Spezialgebiet für biblisches Recht, zahlreiche Veröffentlichungen.

Max Jakob Friedländer - Kunsthistoriker, Museumsdirektor

* Berlin, 5. Juni 1867, † Amsterdam, 11. Oktober 1958

Friedländer zählte zu den bedeutendsten Kunsthistorikern Deutschlands. Von 1928 bis zu seiner Zwangsentlassung war er Direktor der Berliner Gemäldegalerie.
Emigration in die Niederlande: 1939
Nach der Besetzung wurde Friedländer ein (auch von Hermann Göring) gefragter Experte für die niederländische Malerei, dieses Wissen rettete ihn vor der Deportation.
Nach dem Krieg: Professur in den Niederlanden.

Wolfgang Frommel - Schriftsteller und Herausgeber, Stefan George Forscher

* Karlsruhe (Baden), 8. Juli 1902, † Amsterdam, 13. Dezember 1986

Emigration in die Niederlande: 1939
Während der Besatzung rettete Frommel zusammen mit der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht zahlreichen (jüdischen) Jugendlichen das Leben.
Nach dem Krieg mitbegründete er die Zeitschrift und Stiftung Castrum Peregrini, Amsterdam.

Horst Karl Gerson - Kunstgeschichtswissenschaftler

* Berlin, 2. März  1907, † Groningen, 10. September 1979

Spezialkenner der niederländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Rembrandt-Experte.
Emigration in die Niederlande: 1932
Annahme der niederländischen Staatsbürgerschaft: 1940
Ab 1954 Direktor des Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie, von 1965 bis 1975 Professur an der Universität Groningen.

Kurt Gerron (eigentl. Kurt Gerson) - Schauspieler, Sänger, Regisseur

* Berlin, 11. Mai 1897, † Auschwitz, 28. Oktober 1944

Emigration in die Niederlande: 1935
Bis zu seiner Flucht aus Deutschland war Kurt Gerron einer der bekanntesten Filmschauspieler Deutschlands. In den Niederlanden wirkte er vor allem als Filmregisseur. Vor seiner Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt im Jahre 1944 spielte er in der von Rudolf Nelson geleiteten Hollandsche Schouwburg in Amsterdam. Bis heute bekannt ist er für einen von Josef Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilm Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet.

Karl Guttmann - Schauspieler, Theaterdirektor

* Bielitz (österreichisch Galizien), 30. Juli 1913, † Amsterdam, 6. Januar 1995

Emigration: 1942 nach Tel Aviv
Guttmann kam 1950 in die Niederlande, dort zunächst Regisseur an der Haagse Comedie, später Dramaturg am Rotterdams Toneel, ab 1960 Leiter des Zuidelijk Toneel- en Televisiegezelschap Ensemble. Europaweit wurde Guttmann bekannt durch seine Inszenierung des Tagebuch der Anne Frank 1956 in Amsterdam.

Hans Ludwig Cohn Jaffe - Kunstgeschichtswissenschaftler

* Frankfurt am Main, 14. Mai 1915, † Amsterdam, 24. Juli 1984

Emigration in die Niederlande: 1933
Nach seinem noch in Deutschland bestandenen Abitur studierte Jaffé von 1933  bis 1838 Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität von Amsterdam. Seit 1935 war er zudem als Assistent des Gemeentelijke Muesa tätig, ab 1938 schrieb er für De Groene Amsterdamer und hielt kunstgeschichtliche Lesungen an der Nieuwe Kunstschool von Amsterdam.
Nach zwei Jahren im Widerstand flüchtete Jaffe über Frankreich und die Schweiz nach England. Nach seiner Rückkehr nach Amsterdam wirkte er von 1947 bis 1961 als Konservator des Stedelijk Museum. Ab 1958 lehrte er an der Amsterdamer Universität und leitete von 1963 bis 1976 das Joods Historisch Museum. 

Hans Keilson - Schriftsteller und Psychologe

* Bad Freienwalde an der Oder (Brandenburg), 12. Dezember 1909, † Hilversum, 31. Mai 2011

Emigration in die Niederlande: 1936
Keilson überlebte die Besatzung untergetaucht und als Helfer des niederländischen Widerstands. Nach dem Krieg arbeitete er als psychologischer Berater der Hilfsorganisation Le Ezrat HaJeled, 1979 wurde er an der Universität Amsterdam über die Sequentielle Traumatisierung bei Kindern promoviert, von 1985 bis 1988 war er Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, 1996 wurde er zum Gastprofessor auf den Franz-Rosenzweig-Lehrstuhl der Universität Kassel berufen.

Hermann Kesten - Schriftsteller und Herausgeber

* Podwoloczyska (Österreichisch-Galizien), 28. Januar 1900, † Basel, 3. Mai 1996

Emigration in die Niederlande: 1933
Als Kesten im Sommer 1933 vom Amsterdamer Allert de Lange Verlag damit beauftragt wurde ein deutschsprachiges Programm aus hochkarätigen, seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit einem Publikationsverbot belegten Schriftstellern, zusammenzustellen, war er bereits ein bekannter Schriftsteller und Lektor. Bis zur Besetzung der Niederlande und dem Verbot des Verlages machte er, von Frankreich, Belgien und Amsterdam arbeitend, den Allert de Lange zu einem der führenden Exil-Verlage. Die Jahre 1940 bis 1945 verbrachte er in den USA. Nach Kriegsende machte sich Kesten vor allem als Herausgeber von Exilautoren und Essayist einen Namen. Von 1972 bis 1976 war er Präsident des P.E.N.-Clubs Westdeutschlands.

Irmgard Keun - Schriftstellerin

* Charlottenburg, 6. Februar 1905, † Köln, 5. Mai 1982

Emigration in die Niederlande: 1936
Seit der Veröffentlichung ihrer Romane Gilgi, eine von uns (1931) und Mädchen ohne Bleibe (1932) war Irmgard Keun eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen. Aufgrund eines Veröffentlichungsverbots 1936 verließ sie Deutschland und lebte bis 1940 in Belgien und Amsterdam. 1938 erschien im Amsterdamer Querido Verlag ihr u.a. das Exil in den Niederlanden thematisierender Roman Kind aller Länder.
Kurz nach der Besetzung der Niederlande kehrte Keun nach Deutschland zurück. Heute gilt sie als bedeutende Vertreterin der Literatur der Neuen Sachlichkeit.

Hans Ludwig Kunz - Schriftsteller und Herausgeber

* Görlitz (Schlesien), 15. Februar 1900, † Amsterdam, 6. Juni 1976

Emigration in die Niederlande: 1937
Während der Besatzungszeit wurde Kunz  vom niederländischen Widerstand geschützt, nach dem Krieg blieb er in den Niederlanden und machte sich als Vermittler zischen deutscher und niederländischer Kultur einen Namen.
Hans Ludwig Kunz verfasste seine literarischen Texte auf Deutsch und Niederländisch.

Fritz H. Landshoff - Verleger

* Berlin, 29. Juli 1901, † Amsterdam, 30. März 1988

Emigration: 1933
Auf Vermittlung des niederländischen Literaten und Übersetzers Nico Rost übernahm der promovierte Literaturwissenschaftler und Lektor Landshoff 1933 die Leitung der deutschsprachigen Abteilung des Querido-Verlages in Amsterdam und hatte großen Anteil daran, dass sie zu einem der bedeutsamsten Verlage der Exilliteratur wurde.
Während der Besetzung der Niederlande hielt sich Landshoff in England aus, später emigrierte er in die USA, von wo er nach dem Krieg nach Amsterdam zurückkehrte.

Klaus Mann - Schriftsteller und Herausgeber

* München, 1906, † Cannes, 21. Mai 1949 (Selbstmord)

Emigration: 1933 nach Paris, war jedoch bis 1939 oft in Amsterdam.
Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann, war in Deutschland auch wegen seiner Verwandtschaft (Sohn) zu Thomas Mann ein wohlbekannter Theater und Romanautor. Seine während des Exils (in Amsterdam) veröffentlichten Romane, Essays und Autobiographien wie auch die zwischen 1934 und 36 herausgegebene Kulturzeitschrift DIE SAMMLUNG weisen ihn heute als eine der wichtigsten Stimmen gegen den Nationalsozialismus aus.

Konrad Merz (eigentl. Kurt Lehmann) - Schriftsteller und Physiotherapeut

* Berlin, 2. April 1908, † Purmerend (Niederlande), 3. Dezember 1999

Emigration in die Niederlande: 1934
Kurt Lehmanns unter dem Pseudonym 1936 beim angesehenen Querido-Verlag erschienener Exilroman (und Erstling) Ein Mensch fällt aus Deutschland gilt bis heute als bedeutendes literarisches Zeugnis des deutschen Exils in den Niederlanden. Den Krieg über versteckt, blieb Lehmann anschließend in den Niederlanden.

Alfred Mozer - Europa-Politiker und Vater der EUREGIO

* München, 15. März 1905, † Arnheim, 12. August 1979

Emigration in die Niederlande: 1933
Vor und während der Deutschen Besatzung arbeitete Mozer für die niederländischen Sozialdemokraten sowie für den Widerstand. Nach der Befreiung blieb er in den Niederlanden, wo er 1946 Mitglied der Partij van de Arbeid wurde und als Hauptredakteur der Parteizeitschrift Paraat wirkte.
In den siebziger Jahren machte sich Mozer v.a. als Streiter für ein Europa der Regionen einen Namen. 1971 wurde er erster Vorsitzende der später EUREGIO-Rat getauften Vereinigung.

Rudolf Nelson (eigentl. Rudolf Lewysohn) - Kabarettist, Komponist

* Berlin, 8. April 1878, † Berlin, 5. Februar 1960

Emigration in die Niederlande: 1934
Seit der Jahrhundertwende war Rudolf Nelson eine feste Größe der Kabarettszene Berlins, in den zwanziger Jahren zählte das von ihm geleitete Nelson-Theater zu den besten Revuebühnen Europas.
1934 fand er im Amsterdamer Tuschinsky-Palais eine neue Wirkungsstätte, wo er bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht dem niederländischen Publikum in fast 100 Revuen weltstäditsche Unterhaltung bot. Den Holocaust im Versteck überlebt, kehrte Rudolf Nelson nach Kriegsende nach (West-)Berlin zurück.

Theo Olof (eigentl. Theodor Olof Schmuckler) - Geiger und Essayist

* Bonn, 5. Mai 1924, † Amstelveen, 9. Oktober 2012

Emigration in die Niederlande: 1933
Nach dem Besuch des musischen Gymnasiums in Amsterdam, gab Olof 1935 sein Konzertdebüt mit dem Concertgebouworkest Amsterdam unter der Leitung des aus Österreich stammenden, aus Deutschland geflüchteten Dirigenten, Bruno Walter. Zwischen 1950 und 70 war er Konzertmeister des Residentie Orkest Den Haag, anschließend Konzertmeister des Concertgebouworkest Amsterdam, daneben unterrichtete er bis 1982 am Koninklijk Conservatorium Den Haag. Außerdem gehörte Olof 1975 zu den Initiatoren des Klassik-Radiosenders Hilversum 4 (heute Radio 4).

Grete Weil - Schriftstellerin

* Egern (Oberbayern), 18. Juli 1906, † Grünwald bei München, 14. Mai 1999

Emigration in die Niederlande: 1935
Während der Besatzung war Weil im Widerstand tätig, nach der Ermordung ihres Mannes nahm sie eine Anstellung beim Jüdischen Rat von Amsterdam an.
Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück, dort entstanden zahlreiche Texte, in denen Weil ihre Amsterdamer Exil-Erlebnisse verarbeitete.

Henk Wielek (eigentl. Willy Kweksilber) - Journalist und Filmkritiker

* Köln, 13. März 1912, † Amsterdam, 7. September 1988

Emigration in die Niederlande: 1933
In Amsterdam war Wielek als freier Journalist für die sozialdemokratische Presse und das dt. Exilorgan Freie Presse tätig, daneben hielt er Vorträge für die niederländischen. Gewerkschaften und linken Parteien.
Während der Besatzungszeit tauchte Wielek unter, wurde verhaftet und im Durchgangslager Westerbork interniert.
Nach 1945 blieb Wielek in den Niederlanden.  Als Direktor des Bildungszentrums Vrij Nederland und Leiter der Kulturellen Abteilung des Sozialamtes Amsterdam, sowie als Vorstandsmitglied des Kulturellen Rates der Niederlande trat er für die Wiederbelebung des deutsch-niederländischen Kulturaustausches ein. Von 1973 bis 78 war er Mitglied des niederländischen Parlaments.


Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: November 2012