V. Krieg

Hilversum, 27. 6. 1938
[…] Denn der Wind weht sehr anders als noch vor fünf oder drei Jahren, ja, als noch vor drei Monaten. Mit antisemitischen Pamphleten wird das Land überschwemmt. Proteste und Eingaben der christlichen holländischen Intellektuellen gegen die Schmach der ministeriellen Fremdenmaßnahmen – d. h. Judenmaßnahmen“! – sind ganz und gar wirkungslos. Die anderen können machen, was sie wollen und in SA-Uniformen als Deutsche hier deutsche Vereine leiten. Die Nazis, hier auf ein Minimum in den Wahlen zwar zurückgedrängt, haben plötzlich Sitz und Stimme in der Regierung. Wenn auch nicht zugegeben, kurz gesagt: Holland bereitet sich langsam darauf vor, ein drittes oder viertes Österreich zu werden und bittet schon jetzt um gutes Wetter.[1]
(Georg Hermann, Brief an seine Tochter Hilde)

Seit dem Angriff auf Polen im September 1939 stand Deutschland mit England und Frankreich im Krieg. Aufgrund des Erfolges seines Blitzkrieges – Polen wurde innerhalb eines Monats besiegt – nahm Hitler an, mit dieser Taktik auch Frankreich und England schlagen zu können. Neben der im Frühjahr innerhalb von zwei Tagen ausgeführten, kampflosen Eroberung Norwegens, war dazu jedoch ein Einmarsch bzw. die Okkupation der sich neutral verhaltenden Niederlande notwendig.

Spätestens seit Anfang Mai 1940 wusste die niederländische Regierung, dass ihr Land von der Wehrmacht besetzt werden soll. Am 9. Mai fällte Adolf Hitler die Entscheidung, die Niederlande am folgenden Tag um 5.35 Uhr ohne Kriegserklärung anzugreifen. Die Ich-Erzählerin aus Elisabeth Augustins Erzählung Voor het raam erlebt die Besatzung folgendermaßen:

Stehe vor dem Fester in meinem Schlafzimmer, das ich einen Spaltbreit geöffnet habe, empfinde keine Kälte, keine Furcht, denke nicht an das, was weiter geschehen wird, was uns bevorsteht, und doch ist es, als wüsste ich, was den Mädchen und Georg und mir und den Leuten da hinter ihren Fenstern, in unsrer Straße, in der ganzen Stadt, in allen Städten und Dörfern dieses Landes bevorsteht. Ich sehe graue Uniformen, schwarze Stiefel marschieren, einen endlosen Strom, sehe Fahnen flattern, höre eine Stimme mit kantigem österreichischem Akzent brüllen und dann sehe ich wieder die Häuser hier in unsrem Viertel, hier in unsrer Stadt vor mir, die meisten leicht gebaut, ohne Keller, ohne Doppelfenster, ohne Jalousien, mit einer schmalen und oft steilen Treppe und ohne einen Notausgang. […]

Gestern kaufte ich noch ein paar Lebensmittel und Kerzen. Als in dem Laden auf die Deutschen geschimpft wurde, kam zu meinem Erstaunen kein Schuldgefühl, kein Bewusstsein einer Demütigung in mir auf. Ich merkte in den letzten Jahren kaum, dass sich eine Veränderung vollzog, dass ich mich nicht mehr mit meinen ehemaligen Landsleuten identifizierte, dass ich sie nun von außen her, mit den Augen einer Ausländerin sehe. […]

Es ist unruhig heute, immer wieder Luftalarm. Wir haben uns schon daran gewöhnt, setzten uns aber vorsichtshalber jedes Mal mit unserm Fluchtköfferchen im ersten Stock auf die Treppenstufen, um schneller flüchten zu können, wenn Bomben fallen sollten. […]

Die Deutschen haben die Maas und die Yssel überschritten, der Prinz und die Prinzessinnen sind nach England abgereist. Gibt es wirklich noch Holländer, die an den Sieg ihres Landes glauben? In den Extra-Ausgaben der Zeitung wird behauptet, die Lage für den Feind werde in Rotterdam brenzlig, die Bemannung eines feindlichen Panzerzuges sei getötet worden, Waalhaven werde von den Engländern bombardiert. Ich lasse mich dadurch nicht beirren, ich weiß, zu welchen Leistungen deutsche Soldaten fähig sind, weiß dass der Mann, der jetzt Befehl führt über das deutsche Heer, nicht ruhen wird bevor all seine Pläne verwirklicht sein werden. Hier wissen sie es noch nicht, glauben es nicht, hören nicht hin, wenn er seine Reden hält, lesen sein im Gefängnis geschriebenes Buch nicht. […]

Es ist vorbei, der Krieg zwischen Holland und Deutschland ist vorbei. Ich weinte, als ich es hörte. Saß mit Georg und den Mädchen vorm Radio und hörte die Rede des Oberbefehlshabers: Wir waren gezwungen die Waffen zu strecken, weil uns nichts andres übrig blieb.

Das Unvermeidliche ist also geschehen, die Deutschen marschieren in unsre Stadt ein. [...] Für mich bedeutet ihr Einzug das Ende dieser lächerlichen Illusion der Sicherheit, mit der wir uns fast sieben Jahre lang blauen Dunst vorgemacht hatten. Sie haben uns eingeholt, unsere Flucht war umsonst gewesen. Oder war sie das doch nicht? War es nicht doch besser gewesen fortzugehen, gezeigt zu haben, dass wir uns von dem distanzieren, was sich innerhalb der deutschen Grenzen abspielt?

Nochmals flüchten, von hier aus, wäre auf jeden Fall sinnlos. Wir können nichts anderes tun als abwarten, genauso wie die andern Einwohner dieses Landes und wie alle andern Emigranten.[2]

Als die deutsche Wehrmacht die Niederlande zu erobern begann, befanden sich rund 20.000 deutschsprachige Emigranten im Land. Etwa 16.000 von ihnen kamen, weil sie als Juden verfolgt worden waren.

Unter ihnen waren auch die Münchnerin Grete Weil und ihr Mann Edgar. In der Nacht zum 10. Mai erfuhren sie vom Einmarsch. In den nächsten Tagen mussten sie – als Ausländer und damit als mögliche Spitzel – in ihrer Wohnung bleiben. Sobald sie wieder auf die Straße durften, versuchten sie wie Hunderte andere über nahe gelegene Häfen aus dem Land zu fliehen. Nach langer Suche ergatterten Grete und Edgar Weil schließlich ein Taxi, das sie nach Ijmuiden brachte. Dort fanden sie einen Kartoffelkahn, der nach England fahren sollte. Sie schickten das Taxi fort und gingen auf das Schiff. Weitere Flüchtlinge kamen. Dann wurde auf einmal klar, dass die Hafenausfahrt wegen eines dort versenkten Schiffes unpassierbar war.

Dunkle Gestalten tauchen am Ufer auf. Einer schießt in die Luft, ein anderer ruft zum Boot herüber: „Gebt euer Geld her, sonst lassen wir euch nicht fahren.“ Allmählich wird uns klar, dass dieses Boot eine Falle ist. […] Wir stehen allein am Hafen von IJmuiden und haben keine Taxe. Da greift die nichtjüdische Frau des Paares, das mit uns gekommen ist, ein. […] Sie erspäht ein Taxi mit Amsterdamer Juden, das noch zwei Plätze frei hat. Geht zu den Leuten und sagt befehlend, sie müssten Edgar und mich mitnehmen.

Unwillig stimmen die zu. Doch als die Frau im Taxi hört, wie Edgar und ich ein paar Worte wechseln, schreit sie: „Kommt nicht in Frage, das sind ja Moffen.[3]


[1] Georg Hermann: Unvorhanden und stumm, doch zu Menschen noch reden. Briefe aus dem Exil an seine Tochter Hilde, Mannheim 1991, S. 155.
[2] Elisabeth Augustin: Vorm Fenster. In: Das Guckloch. Fünf Erzählungen, Mannheim 1993, S. 8ff.
[3] Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, Zürich 1998, S. 151f.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012