VI. Besatzung

Am 14. Mai 1940 ordnete der Leiter des niederländischen Heeres, General Winkelman, die Einstellung aller Kämpfe an. Der Krieg war vorbei. Zwei Tage später zogen deutsche Soldaten in Amsterdam ein. Ab sofort verwaltete eine deutsche Militärkommandantur von Den Haag aus das Land. Die befürchtete Verhaftung von politischen Gegnern und Juden blieb zunächst aus. Die niederländischen Kriegsgefangenen wurden schnell wieder frei gelassen. Die Zusammenarbeit zwischen den deutschen Militärs und den niederländischen Bürgermeistern und Behörden begann ohne größere Zwischenfälle.

Die Mehrheit der niederländischen Bevölkerung hegte keine Sympathien für die Deutschen. Aber sie war erleichtert, dass die Deutschen nicht so schlimm zu sein scheinen, wie es ihnen die Emigranten vorausgesagt hatten. Einige Maßnahmen, wie zum Beispiel die Verdunkelung, stießen auf breites Verständnis. Die Verweigerung jeglicher Mitarbeit stand nicht ernsthaft zur Debatte. Deutschland erschien unbesiegbar. Auf Hitlers persönlichen Befehl jedoch bleieb es nicht wie in Frankreich oder Belgien bei einer Militärverwaltung. Bereits am 19. Mai wurden die Niederlande zum Reichskommissariat erklärt und enger an das Deutsche Reich gebunden, von dem es seit dem Westfälischen Frieden von 1648 abgetrennt worden war. Der kleine ,germanischen Bruderstaatʻ sei – so Hitlers Vorstellung – zweifellos würdig, in das gerade entstehende großgermanische Reich eingegliedert zu werden.

Bis zur Besetzung hatten nationalsozialistische Organisationen weder in der niederländischen Politik noch in der Gesellschaft eine bedeutsame Rolle gespielt. Nun witterten sie ihre große Chance. Vor allem die Nationalsozialistische Bewegung der Niederlande – NSB – unter der Führung von Anton Adriaan Mussert bot sich an, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Ihr Ziel war die Führung des Landes, das sie wie Hitler, als Teil Großgermaniens sah. Durch Aufmärsche, Massenkundgebungen und gewalttätige Aktionen gegen Juden demonstrierten die Männer der NSB ihre antisemitische Einstellung und prodeutsche Gesinnung.

Den meisten Emigranten war die Flucht gelungen. Nach England, nach Frankreich und von dort aus weiter nach Spanien, Palästina, den USA oder S.damerika. Einer derjenigen, die in Amsterdam geblieben waren, war Heinrich Wolfgang Horn. Der Journalist und Lyriker Heinrich Wolfgang Horn hatte sich im Pariser Exil, in das er sich im Feber 1933 begeben hatte, das Pseudonym Wolfgang Cordans zugelegt. Ab Ende des Jahres hielt er sich vornehmlich in Holland auf, arbeitet unter anderem als Redakteur der von ihm mitbegründeten sozialistisch-antifaschistischen Zeitschrift Het Fundament. Daneben entstanden Gedichte und Prosawerke. Er freundete sich mit Max Beckmann, Ernst Frommel und Klaus Mann an. Während der Besatzung schloss sich Cordan dem niederländischen Widerstand an und rettete zahlreiche jüdische Kinder vor der Deportation in deutsche Vernichtungslager. Auch nahm er an mehreren, zum Teil bewaffneten, Aktionen gegen die deutsche Besatzung teil. Unter dem Namen Duitse Henk wird er in der Widerstandsszene bekannt. In seiner Autobiographie Die Matte, erinnert er sich an eine Aktion:
An einem regnerischen Morgen hatten wir eine sehr schwere Mission. Ein gefangener Untergrundmann, der sehr viel wusste, sollte von einer Polizeistation im Osten Amsterdams zum Verhör ins Gestapoquartier gebracht werden. Wir wussten die genaue Zeit. Und wir wussten auch, dass wegen des Benzinmangels ein altmodischer Gefangenentransport mit Pferden benutzt wurde. Man musste den Mann aus dem von Innen verschlossenen Gefährt herausschießen. Die Aktion wurde von Gruppenchefs ausgeführt, manche von uns lernten sich dabei zum ersten Mal kennen. Es gab eine mörderische Schießerei. Nach solchen Unternehmen galt Untertaucharrest für mindestens eine Woche, da wir von Verkleidungen und falschen Bärten nichts hielten.[1]

Von Beginn an hatte die deutsche Besatzungsmacht das Ziel, die christliche Bevölkerung der Niederlande von ihrem germanischen Rassegedanken zu überzeugen. Wie in Deutschland und in den bisher besetzten Ländern sollten auch in den Niederlanden die Juden zuerst diffamiert, dann aus der Gesellschaft ausgrenzt und ihrer Lebensgrundlage entzogen werden, um anschließend außer Landes geschafft und ermordet zu werden. Zum Handlanger machte sich dabei der niederländische Behördenapparat. In ihm befanden sich genügend Beamte, die die antijüdischen Verordnungen der Deutschen aus eigenem Antisemitismus, aus Desinteresse, aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder aus einer Fehleinschätzung heraus konsequent ausführten. Als im Februar 1941 ein Mitglied der Wehrabteilung der deutsch-freundlichen NSB bei einer Aktion gegen die sich wehrende jüdische Bevölkerung ums Leben kam, verhafteten die Deutschen 400 junge jüdische Männer und deportieren sie. Außerdem ließen sie das vorwiegend von Juden bewohnten Stadtteil um den Waterlooplein zu einem Ghetto abriegeln und befahlen die Gründung eines so genannten Judenrates, der ihnen von nun an als Ansprechpartner und Befehlsempfänger dienen sollte. Im Frühsommer 1941 kam es in einem von den Deutschen besetzten Haus zu einer Explosion. Aus Rache ordneten die Deutschen eine Razzia an. Bald wird das Viertel Amsterdam Zuid nach jüdischen Männern durchkämmt.

Anton Adriaan Mussert: Führer der niederländischen nazionalsozialistischen Bewegung NSB
Anton Adriaan Mussert: Führer der niederländischen nazionalsozialistischen Bewegung NSB
© NA (922-1060)

Grete Weils Mann Edgar war an diesem Tage in Rotterdam gewesen und hat sich dort das langersehnte kubanische Visum besorgen können, dass ihn nach über einem Jahr der Schikanen und Angst endlich die Ausreise und damit Rettung ermöglichen sollte. Am Abend rief eine Bekannte an und warnt, dass die Razzia begonnen habe und die Häscher von Haus zu Haus gingen. Edgar Weil verließ daraufhin die Wohnung. Er hatte Freunde, bei denen er untertauchen konnte. Kaum auf der Straße, wurde er verhaftet. Nach ein paar Tagen erhielt seine Frau Grete zwei Briefe aus dem Lager Schoorl, Ende Juli wurde Edgar nach Buchenwald deportiert. Am 1. Juli erhielt Grete Weil eine Postkarte von Edgar aus Mauthausen. Nach zwei weiteren Briefen bekam sie keine Nachricht mehr. Im September kamen ihre Briefe zurück. Auf dem Letzten steht der Vermerk unbekannt.

Juden, die einen Angehörigen verloren hatten, konnten sich beim Jüdischen Rat anstellen lassen. Seine Mitglieder waren erst einmal von der Deportation befreit. Der Jüdische Rat war in einem Theater, der ‚Schouwburg‘, untergebracht. Hier wurden alle Juden für die so genannte Auswanderung in den Osten registriert. Grete Weil ließ sich als Sekretärin anstellen:
In der Schouwburg sitze ich vor meiner kleinen grünen Remington-Schreibmaschine und tippe die halbe oder auch die ganze Nacht Briefe der Geholten an Bekannte und Freunde, Bitten um Dinge, die man in der Eile nicht mitgenommen oder vergessen hat, wichtige – oder vermeintlich wichtige, da in Wahrheit überhaupt nichts wichtig ist, weil es sich ja um eine Reise in den Tod handelt, was manche ahnen, doch keiner weiß – oder ganz unwichtige wie Sofakissen, Tischdecken oder Kartenspiele. Nie bestellt einer ein Buch. Ich warte vergebens darauf. Es erstaunt mich zutiefst, dass alle das Gleiche schreiben, holländische, deutsche, polnische Juden, Universitätsprofessoren und Gemüsehändler, immer ist da außer der Bitte um vergessenen Dinge noch der Auftrag, wen man verständigen soll, von wem man sich Hilfe erwartet. Keiner schreibt ein Wort der Liebe oder Freundschaft, keiner einer ein Wort der Trauer. Ebenso irritiert es mich, dass niemand weint. Warum? Ist es kein Grund zum Weinen, wenn man aus seiner Wohnung geholt und ins gräulich Ungewisse geschickt wird? Sind alle so tapfer oder alle so stumpf? Ich weiß es nicht. Sie stehen Schlange vor meinem Schreibtisch mit der grünen Maschine.[2]

Über ein Jahr lang tippte Grete Weil Briefe. Wenn es ging nachts, denn meistens wurden die Menschen in der Dunkelheit aus ihren Wohnungen geholt, um weniger Aufsehen zu erregen. Sollte ihre Mutter einmal dabei sein, so Weils Gedanke, könnte sie ihr vielleicht noch helfen. In ihrem Roman Meine Schwester Antigone zeichnete Grete Weil ein weiteres Bild von den furchtbaren Zuständen in der Schouwburg:

Altes abgetakeltes Theater, Mief, Schweiß, Desinfektionsmittel. Leerer Zuschauerraum, leere Bühne, nur auf den Rängen stehen noch die Stuhlreihen. Im Foyer liegen Matratzen, auf den Matratzen schlafen Gefangene. Gefangene Juden, zur Deportation bestimmt, was sie wissen, zur Vernichtung, was sie nicht wissen. Zwanzigstes-Jahrhundert-Spiel. Endspiel. Schouwburg von Amsterdam. Fußballstadion von Santiago. In der Schouwburg wird nicht gefoltert; manchmal schlagen sie eine zusammen, ab und zu knallt eine Ohrfeige, eine Frau, die dem Unterscharführer, der wütend den Inhalt von Gepäckbeuteln verstreut, zuruft: „Schämen Sie sich!“ muss stundenlang auf einem Stuhl stehen; verhört, gefoltert wird anderswo, bei der Gestapo, in den Gefängnissen.

Grausam geht es nicht zu, kaum laut; eine eingefahrene Maschine läuft störungsfrei, läuft und läuft; eine Maschine, die Brennmaterial einsaugt für die Öfen in Polen.[3]

Woche für Woche organisierten Mitarbeiter des Jüdischen Rates die Zusammenstellung der Züge nach Westerbork anhand von Listen, die ihnen die deutschen Behörden gaben. Jede Woche 1.000 Menschen, die aus den ganzen Niederlanden in die Schouwburg gebracht worden waren. Gegen Ende wurden auch alle mit Ausnahmeregelungen versehenen Mitarbeiter des Rates deportiert. Nach etwas über einem Jahr erklärten die deutschen Besatzer Holland als ‚judenfrei’. Der Jüdische Rat wurde aufgelöst, die Joodsche Schouwburg geschlossen.

Grete Weil überlebte. Nach abenteuerlichen Umwegen fand sie in der Wohnung eines Freundes und dessen Frau Unterschlupf. Ihre Mutter wusste sie einigermaßen sicher bei einer niederländischen Familie auf dem Land. Die nächsten achtzehn Monate übernachtete sie in einem durch eine Bücherwand getarnten Versteck. Nicht weit entfernt von Grete Weil harrten jüdische Kinder in einer Amsterdamer Wohnung dem Zusammenbruch des Dritten Reiches entgegen. Einer ihrer Retter sollte der deutsche Schriftsteller Wolfgang Frommel sein.

Wolfgang Frommel hatte in den zwanziger Jahren zu den Verehrern Stefan Georges gezählt. Nachdem er seine Beschäftigung als Rundfunkredakteur aufgeben musste und 1935 sein Essay Der dritte Humanismus verboten worden war, emigrierte er 1937 über die Schweiz nach Frankreich, wo er als Lehrer arbeitete. Im Herbst 1939 reiste er zu Freunden nach Holland, der Deutsch-französische Krieg verhinderte eine Rückehr. Als die Deutschen die Niederlande besetzen, scheiterte die Flucht nach England. Zusammen mit seiner Freundin, der Künstlerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht organisierte er in den folgenden Jahren in einer Wohnung in der Herengracht 401 die Rettung jüdischer Freunde und Kinder. Gisèle stellte die Versorgung der Untergetauchten sicher. Frommel, selbst nicht verfolgt, kümmerte sich mit gemeinsamen Lesungen und dem Verfassen von Gedichten um ihr geistiges Wohl. Eine Art deutsch-niederländischer, jüdisch-christlicher George-Kreis entstand so im Untergrund von Amsterdam.


[1] Wolfgang Cordan: Die Matte, Hamburg 1998, S. 185.
[2] Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 168.
[3] Grete Weil: Meine Schwester Antigone, Frankfurt 2000, S. 107f.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012