VII. Befreiung

Am 30. April 1945 beging Adolf Hitler im Bunker der Berliner Reichskanzlei Selbstmord. Zwei Tage später war die Schlacht um Berlin beendet. Am 5. Mai unterzeichneten die Deutschen die Kapitulation. Fünf Jahre lang, fasste Wolfgang Cordan zusammen, hatte man Holland leergegessen, Paketberge nach Deutschland verfrachtet. Man hatte holländisches Kupfer, Kunst und Brillianten gehamstert.[1]

Befreiung der Niederlande: Alliierte Truppen an der Nieuwe Kerk in Amsterdam
Befreiung der Niederlande: Alliierte Truppen an der Nieuwe Kerk in Amsterdam
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Das hat nun ein Ende. Am 7. Mai zogen alliierte Truppen in Amsterdam ein und wurden begeistert empfangen. Der Nationalsozialismus, das Deutsche Reich war besiegt. Die Niederlande waren befreit.

Der Krieg hatte in Amsterdam kaum äußere Spuren hinterlassen. Nach einiger Zeit waren die gesprengten Brücken nach Deutschland wieder aufgebaut, die Straßen wieder passierbar.

Transit Niederlande. Noch einmal stellte sich für die Emigranten die Frage: Bleiben oder Fahren? Aus Fahren ist jetzt ein Weiterziehen oder Zurückkehren geworden.

Für Erika, Klaus und Thomas Mann, Hermann Kesten und Fritz Landshoff, für die Schauspielerin Therese Giehse, Kurt Egon Wolff und Curt Bry stellte sich diese Frage nicht. Zumindest nicht in den Niederlanden. Sie hatten das Land bereits vor dem Krieg verlassen, waren weitergezogen, nach Amerika, England oder in die Schweiz.

Joseph Roth starb 1939 in Paris, bevor er hätte überlegen können, ob er nach Berlin oder nach Wien zurückkehren wolle. Auch Ödön von Horvath – der ebenfalls hauptsächlich in Verlagsangelegenheiten nach Amsterdam gereist war – konnte sich die Frage nach der Heimkehr nicht mehr stellen. Während eines Besuches in Amsterdam 1938 hatte ihm Fritz Landshoff etwas Außerordentliches bieten wollen und ihn zu einem Hellseher geschickt. Horváth, so erinnert sich Landshoff, bestand darauf, sofort zu diesem Mann begleitet zu werden. Er gab ihm einen Gegenstand, den er vor vielen Jahren von einer Freundin geschenkt bekommen hatte, und unser Hellseher sagte sogleich: ‚Sie stehen am Vorabend einer Reise, auf der Sie das größte Erlebnis Ihres Lebens haben werden.’ Am nächsten Tage verließ Horváth Amsterdam, wie zuvor beabsichtigt, für einen Besuch in Paris. Wenige Tage später wurde in den Zeitungen berichtet, dass bei einem heftigen Gewitter in Paris ein Schriftsteller von einem herabstürzenden Ast auf den Champs-Élysées getroffen und sogleich getötet worden sei. Der Getötete war Horváth. Diese makabre Geschichte hätte er selbst erfunden haben können.[2]

Dora Gerson, Max Ehrlich, Willy Rosen, Kurt Gerron, Menachem Birnbaum, Georg Hermann, deren Karrieren 1933 in Deutschland und in Österreich zerstört worden waren und die in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam ein neues Publikum und für ihre Stücke, Lieder, für ihre Aufnahmen und Filme, für ihre Texte und ihre Graphik neue Leser, Zuschauer und Betrachter gefunden hatten, konnten sich die Frage nach der Rückkehr ebenfalls nicht mehr stellen. Sie wurden, wie die Mutter von Elisabeth Augustin, die Eltern von Hans Keilson, wie Edgar Weil, Georg Hermann und der Photograph Erich Salomon in den Vernichtungslagern ermordet. Ihnen war der Transit- und Zufluchtsort Niederlande zur Falle geworden, von der es in den Tod ging.

Wie weit bin ich noch Deutscher? Was sind das für Verbindungen, die ich mit diesem kaputten Land habe, aus dem ich vor mehr als zehn Jahren vertrieben worden bin? Wie weit bin ich in den Niederlanden angekommen?  – Die Überlebenden mussten nun Antworten finden, nachdem sie ihr oft einziges Ziel, das Überleben, mit größter Kraft und unter höchsten Entbehrungen erreicht hatten.

Wolfgang Cordan reist Frühjahr 1946 durch Deutschland:

Die Fahrt durch das verwüstete Rheinland war gespenstisch. Gleich am ersten Tage verirrten wir uns. Bei fallender Nacht befanden wir uns in Düsseldorf, was nicht gerade unsere Richtung war. Über Umleitungen und Notbrücken suchten wir den Weg nach Süden. Als wir das nächste Mal zwischen Trümmern festgefahren waren, erfuhren wir, wir seien in Bonn. Es war nun schon gegen Mitternacht. Unser Wagen hielt zwischen Ziegelpyramiden, den Ruinen vor Ur ähnlich. Nur dass diese Wüste belebt war: Sofort sahen wir uns von einer amorphen Menge umringt, die an dem offenen Wagen herumkletterte. Es war wie ein Angriff von Nachtameisen. Allerdings biss man uns nicht. Vielmehr bettelte man um Konserven und Zigaretten, um Schokolade. Man war zu Gegenleistungen bereit. Wir befanden uns auf einem ehemaligen Platz in einem Supermarkt der Liebe beiderlei Geschlechts. Wir lernten, dass wir für ein Päckchen Zigaretten Orgien feiern konnten. Es war vollkommen gespenstisch. Die Szenerie lag im Halbdunkel. Ich weiß nicht mehr, ob es irgendeine Straßenbeleuchtung gab. Ich erinnere nur, dass der Mond schien. Dann als wir dem dantesken Purgatorium entflohen waren und wieder auf der Rheinstraße waren, zeigte ich Max ein Haus. Es war in der Mitte durchgeschnitten. Am Straßenrand lag die eine Hälfte als sumerisch-babylonische Ziegelruine. Die andere Hälfte stand aufrecht. Im dritten Stock schwebte eine weiße Badewanne an der Kachelwand und ein Spiegel blinkte im Licht des Mondes.[3]

Für Wolfgang Cordan blieb diese Fahrt eine Durchreise. Er kehrte nicht dauerhaft nach Deutschland zurück, sondern lebte nach dem Krieg in den Niederlanden, in der Schweiz und später in Mittelamerika.

Auch Max Beckmann zog weiter. Er hatte die Zeit der Okkupation in Amsterdam überstanden. 1947 durfte er in die USA ausreisen, wo er an der Art School der Washington Univercity in St. Louis einen Lehrauftrag annahm. 1950 starb er in New York. Die Bilder, die er in Amsterdam entstanden waren, machen rund ein Drittel seines nicht vernichteten Gesamtwerkes aus. Heute gilt Beckmann als einer der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts; seine Werke erzielen auf internationalen Auktionen zweistellige Millionenpreise.

Andere Emigranten blieben in den Niederlanden. Trotz der Feindseligkeiten und Hindernisse, die ihnen die Behörden und Teile der Gesellschaft entgegenbrachten. Einer von ihnen war Wolfgang Frommel. Mit den Überlebenden und Freunden gründete er die Zeitschrift und die Stiftung Castrum Peregrini, die sich bis heute für die deutsch-niederländische Freundschaft einsetzt. Ein anderer war Heinrich Campendonk. 1951 erwarb er die niederländische Staatsbürgerschaft. Fünf Jahre später ernannte ihn die niederländische Königin zum Ritter vom Orden De Niederlande Leeuw. Ein Jahr darauf starb er in Amsterdam.

Ein dritter war der Lehrer, Arzt, Psychologe und Schriftsteller Hans Keilson. Keilson hatte im Februar 1933 mit dem Roman Das Leben geht weiter in Deutschland einen ersten Roman veröffentlicht. Nachdem ihm die Promotion und das Praktikum aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwehrt wurden, arbeitete er als Sport- und Musiklehrer in jüdischen Schulen. Seine katholisch getaufte Lebensgefährtin Gertrud Manz drängte ihn zur Emigration. 1936 übersiedelten beide in die Niederlande. Da auch dort sein Medizinstudium nicht anerkannt wurde, arbeitete Keislon als Erzieher und begann wieder zu schreiben. In der angesehenen Literaturzeitschift De Gemeenschap veröffentlichte er Gedichte, auch gab er Anthologien heraus. Um der Deportation in die Vernichtungslager zu entgehen, versteckte sich Keilson 1943. Von der Widerstandsgruppe Vrije Groepen Amsterdam mit einer neuen Identität ausgestattet, betreute er untergetauchte Kinder und war als Kurier tätig.

Nach dem Krieg konnte sich vor allem seine Frau nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Hans Keilson entschied sich, in den Niederlanden zu bleiben und kümmerte sich zunächst um jüdische Waisenkinder. Endlich war es ihm auch möglich, sein Medizinstudium als Facharzt der Psychiatrie und Neurologie abzuschließen. Privat ließ er sich zudem zum Psychoanalytiker ausbilden. Daneben entstehen weitere essayistische Schriften und Gedichte. In den Jahren 1985 bis 1988 war er Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Mit Hans Keilson starb im Alter von 101 Jahren im Mai 2011 in Hilversum hochgeehrt der letzte nach den Niederlanden emigrierte Schriftsteller und Künstler.

Schreiben … Veröffentlichen … Lesen … Gelesen werden – nach fünf Jahren deutscher Besatzung durften es die deutschen Exilschriftsteller wieder. Aber wie lange bleibt man ein Exilschriftsteller? Genauso wenig wie der 10. Mai 1940 bedeutete der 8. Mai 1945 nicht das Ende der deutschen Exilliteratur. Die meisten Schriftsteller, die sich in den Niederlanden aufgehalten haben, mussten nach dem Krieg erfahren, dass sie und ihre Texte in Deutschland nicht erwünscht waren. Dennoch – das Bedürfnis, vor allem das Erfahrene aufzuschreiben, war groß. Klaus Manns Lebensbericht Der Wendepunkt etwa, Grete Weils Leb ich denn, wenn andere Leben, Claus Victor Bocks Untergetaucht bei Freunden, Konrad Merz’ Berliner, Amsterdamer – und ach Jude auch, Wolfgang Cordans Die Matte oder Fritz Landshoffs Erinnerungen eines Verlegers sind eindrucksvolle Zeugnisse, davon. Weitere künstlerische Verarbeitungen sind: Elisabeth Augustin: Das Guckloch (fünf Erzählungen), Wolfgang Cordan: Jahr der Schatten (Gedichte), Hans Keilson: Gedichte, Erzählungen und Essays, Irmgard Keun. Kind aller Länder, Klaus Mann: Der Vulkan. Roman unter Emigranten, Konrad Merz: Ein Mensch fällt aus Deutschland und Grete Weil: Tramhalte Beethovenstraat.

Auch Nicht-Literaten erinnerten sich, oder legten Zeugnis ab. Anne Franks Tagebücher sind gerade wegen ihrer Authentizität das wohl bekannteste Zeugnis des Exils in den Niederlanden.

Wie den meisten Exilanten machte auch Grete Weil die Erfahrung zu schaffen, dass man sie in Westdeutschland nach dem Krieg nicht hören will. Doch sie ließ sich nicht beirren:

Es gab nur noch die eine Aufgabe: Gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit aller Liebe, allem Vermögen, in zäher Verbissenheit. Vergessen tötet die Toten noch einmal, Vergessen durfte nicht sein. Und so schrieb ich weiter, und immer häufiger wurde ich gelesen, und das war ein schwacher Abglanz von Glück.[4]


[1] Wolfgang Cordan: Die Matte, S. 202.
[2] Fritz H. Landshoff: Keizergracht 333, S. 110f.
[3] Wolfgang Cordan: Die Matte, S. 274f.
[4] Grete Weil, zit. nach Elisabeth Exner: Land meiner Mörder, Land meiner Sprache. Die Schriftstellerin Grete Weil, München 1998, S. 131.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012