III. Ankunft

Neben den günstigen Einreisebestimmungen war die nahe Verwandtschaft zwischen der niederländischen und norddeutschen Kultur ein weiterer Grund, warum die Niederlande als Ort gewählt wurden, in dem die Fliehenden vorerst abwarten wollten. Bis zum Ende des Jahres 1933 reisten etwa 15.000 Flüchtlinge aus dem Reich in die Niederlande ein.

Die Einheimischen hatten nicht auf sie gewartet, viele verstanden nicht, wieso man aus einem Land flieht, in dem sich augenscheinlich gerade ein vielversprechender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufbruch anbahnte, doch die Niederländer waren traditionell ein offenes Volk. Vor allem das bereits im März 1933 gegründete Joodsche Vluchtlingencomité versorgte die jüdischen Ankommenden mit ersten Unterkünften, Aufenthaltspapieren und half bei der Eingliederung oder Weiterreise. Linke Gewerkschaften und die Kommunistische Partei unterstützen ihre Gesinnungsgenossen. Bald jedoch wendete sich das Blatt, und die Emigranten wurden skeptischer beäugt. Das lag zum einen an der seit 1929 währenden Wirtschaftkrise, die in den Niederlanden weitaus dramatischer und länger verlief als in Deutschland. Die nun auf den niederländischen Arbeitsmarkt drängenden oft gut ausgebildeten Deutschen wurden als Konkurrenten wahrgenommen. Für die jüdischen Flüchtlinge kam noch ein weiteres hinzu: Die niederländischen Juden waren mehrheitlich sehr orthodox, die deutschen vor allem liberal. „Wir sind“, schrieb die Schriftstellerin Grete Weil später in ihrer Autobiographie Leb ich denn, wenn andere Leben, „für die holländischen Juden, was einst die Ostjuden für uns waren, fremd, abzulehnen. Außerdem will man sie glauben machen, dass ihr Land ohne uns deutsch-jüdische Emigranten nie von den Nazis erobert worden wäre“.[1]

1934 verschärfte die niederländische Regierung die Asylbestimmungen. Ein Jahr später gaben die Amsterdamer Behörden nur noch vorläufige Aufenthaltsgenehmigungen aus.

Auf der anderen Seite erhielten gerade Künstler und Schriftsteller von niederländischer Seite viel Unterstützung. Zahlreiche Kollegen, allen voran Nico Rost, Menno ter Braak und Jef Last, schrieben wohlwollende Kritiken, stellten Kontakte her, setzten sich auf den Ämtern für sie ein.

Kurt Lehmann kam aus Berlin. 1908 wurde er dort als Sohn einer armen jüdischen Familie geboren, hatte seinen Vater im Ersten Weltkrieg verloren, war in einem Waisenhaus aufgewachsen, hatte das Abitur auf einer Abendschule nachgeholt und wollte gerade mit einem Stipendium Jura studieren, da wurde ihm der Zugang zur Hochschule verweigert. Ohne Geld und Verbindungen, ohne Sprachkenntnisse und einen bekannten Nahmen floh er 1934 nach Holland. Zunächst kam er bei einer Gärtnerei auf dem Land unter, dann ging er nach Amsterdam:

Amsterdam, den 2. 2. 34
Autohupen, Fietsgeklingel, Motorgeratter, Schiffssirenen. „Mooie bloemen!“ Frauenlachen, „Sinaasappellen!“ „Haringen!“ „Het Volk!“
Ein Vreemdeling steht in Amsterdam: wohin!
Centraal Station. Wasser, Wasser und Wellen.
Menschenleiber, Frauenstrümpfe, Hosen mit Bügelfalten und Hosen mit ohne. Wohin!
Dam. Palais. Rokin. Kalverstraat, „Carlton-Hotel.“
Wohin! Wohin!
Kein Mensch sieht mich an, kein Leib dreht sich um, alles läuft und jagt und atmet in Centren. Jeder von den hat sein Bett und seine Selbstverständlichkeit, auf jeden wartet ein Mund oder ein Mittagessen oder ein Lachen. Was wartet auf mich?
[2]

Für die meisten Ankommenden begann ein völlig neues Leben. Die wenigsten hatten Bekannte oder gar Verwandte. Nachdem Kurt Lehmann in einer einfachen, vor allem von anderen Emigranten bewohnten, Pension eine preiswerte Schlafstätte gefunden hatte, versuchte er, einen Job zu bekommen. Mit Erfolg: Er arbeitete als Bilderverkäufer. Bald fing er an, nebenher und erstmal nur für sich zu schreiben. Eines Tages las er in der Emigranten-Zeitung Pariser Tageblatt einen Essay, in dem sich der Verfasser, der niederländische Schriftsteller und Essayist Menno ter Braak über die mangelnde Qualität der bisher im Exil entstandenen Literatur beklagte. Ermuntert  durch eine Freundin, schrieb er an Ter Braak und erhielt bald darauf eine Einladung.

Menno ter Braak war von dem, was ihm Kurt Lehmann vorlas, begeistert. Für ihn war Lehmanns kleiner Roman der erste Text, der bezüglich seiner Sprache und Handlung das Exil angemessen und neu vorstelle. 1936 erschien auf sein Drängen Ein Mensch fällt aus Deutschland, bei Querido. In der Geschichte der Exilliteratur war dies der einzige Fall, in dem ein Roman eines bis dahin unbekannten Autors auf Deutsch veröffentlicht wurde.

Dass Kurt Lehmann sich nicht selbst als Verfasser ausgab, sondern das Pseudonym Konrad Merz wählte, rettete ihm später das Leben. Als die Deutschen nach ihrem Einmarsch nach den kritischen Schriftstellern fahndeten, suchte die Geheimpolizei nur nach Konrad Merz, ein gewisser Kurt Lehmann war ihnen nicht bekannt.


[1] Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, Zürich 1998, S. 169.
[2] Konrad Merz (Kurt Lehmann): Ein Mensch fällt aus Deutschland, Amsterdam 1936, S. 45.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012