II. Abreise

Im Zug starke Übelkeit. Unangenehme Reise. In Leipzig: Erich an der Bahn. Mit ihm erst am Bahnhof gegessen. Die Nachricht, dass Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie für möglich gehalten.[1]

Nicht nur Klaus Mann, aus dessen Tagebuch diese Zeilen stammen, stand unter Schock. Die Mehrheit der Deutschen zeigte sich überrascht, als Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 den Vorsitzenden der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernannte. In Deutschland und Europa begann eine neue Zeitrechnung. Viele Deutsche hofften es. Die Versprechungen, die Hitler gemacht hatte, hatten gut geklungen, deswegen hatten sie ihn gewählt. Wie massiv negativ sich diese Wahl in den nächsten zwölf Jahren auf das eigene Leben auswirken sollte, das zeichnete sich für die meisten jedoch nicht sofort ab. Unmittelbar schien man nicht betroffen zu sein, sei es, weil man sich für die Politik nicht sonderlich interessierte, sei es weil man christlich war, oder sei es, weil man zu keiner der Bevölkerungsgruppen gehörte, die Hitler in seiner Schrift Mein Kampf als seine Gegner beschrieben hatte.

Die ersten Deutschen, in deren tägliches Leben die Nationalsozialisten auf zerstörerische Weise eingriffen, waren die Juden und die oppositionellen Politiker. Und es waren die Künstler und Schriftsteller, da Adolf Hitler und vor allem Joseph Goebbels eine ganz konkrete Vorstellung hatten, was Kunst und was Kultur sei. Am 24. März 1933 ließ Hitler mit Hilfe des so genannten Ermächtigungsgesetzes die oppositionelle Presse verbieten. Ihr folgten die oppositionellen Parteien und Gewerkschaften. Zwei Tage zuvor war in Dachau ein erstes Arbeitslager für Regimegegner eröffnet worden. Am 1. April hinderten SS- und SA-Männer Kunden und Patienten daran, jüdische Geschäfte, Kanzleien und Praxen aufzusuchen. Juden und alle anderen zu Feinden erklärten Deutschen verloren ihre Arbeitsplätze in öffentlichen Einrichtungen, im Film, am Theater. Jüdische Schriftsteller, Schauspieler und Sänger erhielten Auftrittsverbote.

Am Abend des 10. Mai organisierten nationalsozialistische Studentengruppen, unterstützt von zahlreichen Professoren, zum ersten Mal das Ritual der Verbrennung von Büchern. Die Schriften von Heinrich Mann, Joseph Roth, Magnus Hirschfeld, Egon Erwin Kisch, Lion Feuchtwanger, Heinrich Heine und auch von Klaus Mann galten ab sofort als entartete Literatur.

Im September 1933 wurde in Berlin die Reichskulturkammer gegründet. Wer als Schriftsteller veröffentlichen, als Sänger oder Schauspieler auftreten wollte, musste dort Mitglied sein. Alle jüdischen Künstler hatten überhaupt keine Chance, in diese Kammer aufgenommen zu werden. Doch auch der katholisch getauften Schriftstellerin Irmgard Keun wurde die Mitgliedschaft verwehrt. Anfang der dreißiger Jahre war sie mit ihrem Roman Das kunstseidene Mädchen international bekannt geworden. Heute ist diese Geschichte einer jungen Frau, die von der Provinz nach Berlin geht, um ein Glanz zu werden und das Leben einer modernen Frau zu führen, einer der zentralen Texte der Neuen Sachlichkeit. Die Nationalsozialisten bewerteten Das kunstseidene Mädchen hingegen als Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz.

Für diese Abgelehnten und damit Verbotenen stellten sich nun die Fragen: Schweige ich? Schreibe ich für die Schublade? Male ich für ein paar treue Sammler? Suche ich mir einen anderen Beruf? Oder gehe ich ins Ausland und warte dort, bis Hitler abgewählt ist, und sich die Lage in Deutschland wieder normalisiert hat?

Es waren vor allem jüdische Schriftsteller, Sänger und Schauspieler, die Deutschland im Frühjahr und im Sommer 1933 verließen – mit dem Ziel, nach einigen Wochen, ein paar Monaten zurückzukehren. Von den etwas 250 Schriftstellern, die emigrierten, ließen sich die meisten in Frankreich nieder. Paris und die französische Mittelmeerküste wurden zum Zentrum der deutschen Literaten. Amsterdam – die größte Stadt der Niederlande – war es jedoch, die der verfemten deutschsprachigen Literatur ein neues Zuhause gab.

Amsterdam – Heimat der Exilliteratur

Im Jahre 1933 machte der reichsdeutsche Buchmarkt dreiviertel der potentiellen deutschsprachigen Leserschaft aus. Da die meisten österreichischen, Schweizer und deutsch-tschechischen Verlage finanziell in Abhängigkeit von diesem Markt standen, waren sie nicht gewillt oder fähig, den Emigranten eine literarische Heimstatt anzubieten. Die Zahl von möglichen Käufern außerhalb des Reiches belief sich auf ungefähr 30 Millionen, hauptsächlich in Österreich und der Schweiz, in der Tschechoslowakei und Polen, in Belgien, Luxemburg und den deutschen Siedlungsgebieten in Südosteuropa, Russland, den USA und Südamerika. Vor der Machtübernahme Hitlers hatte der Export deutscher Bücher ins Ausland ein Sechstel der Auflage betragen. Dieses Sechstel nun alleine zum Ausgangspunkt einer Veröffentlichung zu machen, hätte sich nicht rentiert, zumal die deutsche Regierung eifrig gegen die Exilpresse und -literatur arbeitet. Darüber hinaus wünschten sich die Niederlande gute Beziehungen zum Dritten Reich und verboten es deshalb, ein fremdes Staatsoberhaupt zu verunglimpfen. Vor Adolf Hitler zu warnen oder ihn mit den Mitteln der Kunst zu kritisieren war somit eine Straftat, auf die die Ausweisung folgen konnte und auf deren Ahndung die Auslandsabteilung des deutschen Geheimdienstes die Gastländer der Emigranten immer wieder drängte.

Für nichtdeutsprachige Verlage waren nur Autoren interessant, die bereits in ihren Ländern eine Leserschaft gefunden hatten. Zu ihnen zählen etwa Stefan Zweig, Joseph Roth und die Brüder Mann. Junge, auch einigermaßen erfolgreiche Schriftsteller wie Hermann Kesten oder Klaus Mann haben sich jedoch außerhalb Deutschlands noch nicht etablieren können. Ihre Übersetzungen ins Niederländische, Englische, Tschechische oder Französische hatten bislang nur geringe Auflagen erreicht – viel zu gering, um nun davon leben zu können.

Allert de Lange Verlag Amsterdam: Hervorragende deutsche Autoren, die in Deutschland nicht mehr erscheinen konnten
Allert de Lange Verlag Amsterdam: Hervorragende deutsche Autoren, die in Deutschland nicht mehr erscheinen konnten
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Dass nun die zwei bedeutsamsten Exil-Verlage in den Niederlanden entstanden, war vor allem das Verdienst zweier Männer: Gerard de Lange und Emanuel Querido.

Allert de Lange war seinerzeit einer der angesehensten Verlage der Niederlande und eigentlich auf Kunstbücher spezialisiert. Als im Frühjahr 1933 der in den Niederlanden durch Übersetzungen seiner Werke bereits bekannte Schriftsteller Georg Hermann nach Holland emigrierte und nach neuen Veröffentlichungsmöglichkeiten suchte, glaubte der Besitzer des Verlages, Gerard de Lange, die Publikation großer deutscher Autoren könnte sich lohnen, und entschloss sich, eine deutschsprachige Abteilung zu gründen. Ende Mai betraute Gerard de Lange den aus Berlin emigrierten Schriftsteller und Lektor Hermann Kesten mit der Aufgabe, als literarischer Leiter diese Autoren zu sammeln. Im ersten Verlagsprospekt heißt es:

Der Verlag beabsichtigt, Werke hervorragender deutsche Autoren herauszubringen, die in Deutschland nicht mehr erscheinen können oder nicht mehr in der Unabhängigkeit und Freiheit schreiben können, die notwendig ist, um vor sich und der Welt die Verantwortung für ihr Werk tragen zu können. Er will den deutschsprachigen Ländern und der Welt ein möglichst gutes und reiches Bild der deutschen Literatur geben. Er beabsichtigt, die Auswahl nach rein künstlerischen Gesichtspunkten vorzunehmen und nicht nach politischen Überzeugungen.[2]

Klaus Manns Die Sammlung erschien im Querido Verlag Amsterdam
Klaus Manns Die Sammlung erschien im Querido Verlag Amsterdam
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Fast zum gleichen Zeitpunkt ging auch Kestens Freund und Kollege Fritz H. Landshoff zusammen mit dem ebenfalls in Amsterdam ansässigen Querido Verlag daran, einen Exilverlag zu gründen. Zwischen den beiden Häusern begann ein freundschaftlicher Wettstreit, die vielversprechendsten Autoren zu binden. Kesten gelang es, für Allert de Lange unter anderem Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Max Brod, Vicki Baum, Sigmund Freud, Ödön von Horvath, Anette Kolb, Alma Mahler-Werfel und Stefan Zweig zu gewinnen. Die betont unpolische Ausrichtung des Programms – Allert de Lange war geschäftlich weiterhin im Deutschen Reich tätig – führte dazu, dass sich der Verlag eine Art Selbstzensur auferlegte. Bis 1940 erschienen etwa 60 Werke, die heute der Exilliteratur zugeordnet werden. Schriften, die sich kritisch mit den Nationalsozialisten auseinandersetzen, wie Klaus Manns Die Sammlung oder Irmgard Keuns Roman Nach Mitternacht, wurden von De Lange abgelehnt, und erschienen beim mutigeren Querido-Verlag, über dessen Besitzer, Emanuel Querido, Klaus Mann in seiner Autobiographie Der Wendepunkt schreibt:

Emanuel Querido
Emanuel Querido
© Uitgeverij Querido en Q

Der Chef der Firma, Emanuel Querido – Niederländer von portugiesisch-jüdischer Abstammung –, war ein weißhaariger Mann von kleiner Statur und großem Temperament, humorig-patriarchalisch, mit blitzblanken Kapitänsaugen in einem verwitterten, lustig-klugen Gesicht. Der alte Sozialdemokrat hasste den Faschismus in jeder Form, besonders aber in der deutschen; gerade deshalb war ihm die Betreuung der antifaschistischen deutschen Literatur eine Herzenssache. Seine sehr gescheite, übrigens auch sehr attraktive Mitarbeiterin, Alice von Nahuys, nahm sich, zusammen mit Landshoff, der Leitung des neuen deutschsprachigen Verlages an.[3]

Von 1933 bis 1940 erschienen in der deutschsprachigen Abteilung des Querido Verlages insgesamt 124 Bücher. Neben den Romanen von Klaus Mann waren es unter anderem die Romane und Essays seines Onkels Heinrich, die Romane von Lion Feuchtwanger, die Schriften Egon Erwin Kischs, Ernst Tollers, Alfred Döblins, Anna Seghers und Joseph Roths. Weitere niederländische Verlage, die die Werke der Exilschriftsteller auf deutsch oder/und auf Niederländisch herausgaben, waren De Gemeenschaap (Bilthoven), De Boekenvrienden Solidariteit (Hilversum), Herzberger (Amsterdam), und Van Kampen & Zoon (Amsterdam).

Joseph Roth: Häufige Visiten in Amsterdam
Joseph Roth: Häufige Visiten in Amsterdam
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Obwohl die Schriftsteller nun größtenteils in Frankreich, in England, den USA oder, wie Oskar Maria Graf, in der Tschechoslowakei lebten, reisten sie nach Amsterdam, um dort mit den Lektoren ihre Manuskripte zu besprechen, Vertragsverhandlungen zu führen und Lesungen zu veranstalten. Einer, der ebenfalls in den Niederlanden geschätzten Autoren, war der österreichische Schriftsteller und Verfasser des Radetzkymarsches und der Kapuzinergruft, Joseph Roth. Fritz H. Landshoff erinnerte sich in seinem Buch Keizergracht 333 an die häufigen Visiten Roths in Amsterdam:

Er wohnte im Eden, dessen Besitzer sein Freund wurde. Roth genoss eine ganz spezielle Behandlung und unbegrenzten Kredit. Der Besitzer war sein finanzieller Berater – eine Funktion, die bei der stets verwirrten und verwirrenden finanziellen Situation seines Gastes ebenso schwierig wie wichtig war. Joseph Roth verbrachte einen großen Teil des Tages im Hotel, vom frühren Morgen an schreibend und rauchend und trinkend. Er hatte schon geraume Zeit vor dem Exil in Berlin das Essen nahezu aufgegeben. Während wir in den ersten Jahren, in denen er Autor des Kiepenheuer Verlages wurde, gelegentlich zusammen aßen, erinnere ich mich aus den Amsterdamer Jahren, in denen ich ihn oft täglich sah, an keine einzige gemeinsame Mahlzeit. Ich suchte ihn im Hotel auf, abends oft im Café  Reynders, manchmal im Hotel Americain oder bei Keizer. Von allen Autoren, die Deutschland verlassen hatten, war er einer der sehr wenigen, der (obgleich er niemals auch nur versucht hatte, ein Wort Holländisch zu lernen) Kontakt mit einigen holländischen Autoren hatte, mit denen er, besonders häufig bei Reynders, oft am gleichen Tisch saß. Ein holländischer Freund fragte ihn einmal in Zandvoort im Straßencafé, ob er manchmal ans Meer schwimmen ginge. Er antwortete: ‚Kommen denn die Fische ins Café?’[4]

Exilliteratur von Frauen

Joseph Roth war in den Jahren des Exils eine Zeitlang mit Irmgard Keun liiert. Keun hatte Deutschland 1936 verlassen, nachdem ihr Querido das Angebot gemacht hatte, bei ihm zu veröffentlichen. Anders als Joseph Roth machte sie Amsterdam zwei Jahre lang zu ihrem Hauptwohnsitz. In ihrem 1938 erschienenen Roman Kind aller Länder lässt sie das Mädchen Kully über ein zentrales Problem der Emigranten nachdenken:

Wir haben so viele Gefahren, und sie sind schwer zu verstehen. Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei in Frankfurt gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man raus, und das andere darf man nicht rein. Aber der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben dürfen. Jetzt bete ich jeden Abend heimlich, dass der liebe Gott macht, dass Menschen jahrelang im Wasser schwimmen können oder plötzlich in die Luft fliegen.
Meine Mutter hat mir aus der Bibel vorgelesen, da steht wohl drin, dass Gott die Welt schuf, aber Grenzen hat er nicht geschaffen.
Über eine Grenze kommt man nicht, wenn man keinen Pass hat und kein Visum. Ich wollte immer mal eine Grenze richtig sehen, aber ich glaube, das kann man nicht. Meine Mutter kann es mir auch nicht erklären. Sie sagt: ‚Eine Grenze ist das, was die Länder von einander trennt.’ Ich hab zuerst gedacht, Grenzen seien Gartenzäune, so hoch wieder Himmel. Aber das war dumm von mir, denn dann könnten ja keine Züge durch fahren. Eine Grenze ist auch keine Erde, denn sonst könnte man sich ja einfach mitten auf die Grenze setzen oder auf ihr herumlaufen, wenn man aus dem anderen Land raus muss und in das andere nicht rein darf. Dann würde man eben mitten auf der Grenze bleiben und sich eine Hütte bauen und da leben und den Ländern links und rechts die Zunge rausstrecken. Aber eine Grenze besteht aus gar nichts, worauf man treten kann. Sie sind etwas, das sich mitten im Zug abspielt mit Hilfe von Männern, die Beamte sind
.[5]

Die Geschichte der Emigration war voller tragischer Erfahrungen mit dem Visum, den Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeits- und Auftrittserlaubnissen. Die Niederlande waren jedoch im Gegensatz zu anderen Ländern zunächst sehr liberal. Als Bürger des Deutschen Reiches benötigte man 1933 kein Visum, sondern durfte als Tourist einreisen – um dann entweder in ein anderes Land weiter zu ziehen, oder um sich um eine (anfänglich schnell erteilte) Aufenthaltsgenehmigung zu bemühen.

Elisabeth Augustin in ihrem Garten 1964
Elisabeth Augustin in ihrem Garten 1964
© Leo Cappel

Eine, die zunächst ohne Visum einreiste, ist Elisabeth Augustin. Bisher fielen vornehmlich die Namen von etablierten Schriftstellern. Doch neben diesen gab es auch junge Leute, so um die 25 bis 30 Jahre alt, die gerade erst mit dem Schreiben angefangen hatten. Elisabeth Augustin gehörte dazu. Sie war Halbjüdin, ihr Mann, Paul Felix, Sozialdemokrat. Er war Germanist und übersetzte unter anderem Bücher aus dem Niederländischen ins Deutsche. 1930 hatte er mit Elisabeth Augustin den Roman De dood in het dorp des Schriftstellers Gerard Walschaps ins Deutsche übertragen. 1933 wollte sie ihr eigenes Debüt geben. Der Kiepenheuer Verlag war von ihrem Roman angetan, darf ihn allerdings nicht mehr veröffentlichen. Die Augustins emigrierten nach Amsterdam. Im Koffer hatte sie ihr Manuskript. Die wegen einer Veröffentlichung kontaktierten Exil-Verlage lehnten jedoch ab. In solchen Zeiten konzentrierten sie sich auf bekannte Autoren. Elisabeth Augustin wollte unbedingt weiter schreiben. Ihre einzige Chance, in den Niederlanden Fuß zu fassen, erkannte sie darin, die Sprache zu wechseln: Also verbesserte sie ihr Niederländisch und verfasste von ihrem ersten Roman eine niederländische Fassung. Die Uitgestootene wurde 1935 veröffentlicht. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 wurde Elisabeth Augustin vor allem als niederländische Schriftstellerin wahrgenommen. In ihrer Erzählung Voor het raam schilderte sie die Reise von Flüchtlingen nach Amsterdam:

Im Abteil des Zuges saß ein Holländer mit weißem Haar und Schnurrbart. Ich war ein bisschen stolz darauf, dass ich mich in seiner Sprache unterhalten konnte. Die Mädchen überfielen uns immer wieder mit Fragen. Sie sprachen deutsch, verstanden noch kein holländisches Wort. (...) Der alte Herr lachte. Er zog sein Portemonnaie hervor und gab jedem der Mädchen einen halben Cent. (... ) Mit solchem Geld wird eure Mama nun immer einkaufen gehen, sagte der alte Herr, und zu mir sagte er, was für ein Glück es sei, dass ich schon so gut Holländisch sprechen könne, die meisten anderen Emigranten könnten das nicht und die fremde Sprache beherrschen, bedeutet ein neues Vaterland, fügte er einigermaßen feierlich hinzu.[6]


[1] Klaus Mann: Tagebücher Bd. 1, hrsg. von J. Heimannsberg, P. Laemmle und W.F. Schoeller, München 1989, S. 112f.
[2] Verlagsprospekt der deutschen Abteilung des Allert de Lange Verlages vom Jahre 1933. In: Andreas Winkler: Hermann Kesten im Exil, Hamburg 1977, S. 94.
[3] Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 308.
[4] Fritz H. Landshoff: Keizersgracht 333, Berlin 1991, S. 104.
[5] Irmgard Keun: Kind aller Länder, Düsseldorf 1981, S. 35f.
[6] Elisabeth Augustin: Das Guckloch. Fünf Erzählungen, Mannheim 1993, S. 36f.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012