I. Einführung

„Vor ungefähr sieben Jahren“, so erzählte Prinzessin Máxima am 24. September 2007 anlässlich der offiziellen Vorstellung von Identificatie met Nederland (Identifikation mit den Niederlanden), einer Publikation des Wetenschappelijke Raad voor het Regeringsbeleid (Wissenschaftlichen Rats für Regierungspolitik), „begann ich mit meiner Suche nach der niederländischen Identität. Ich hatte das Privileg [...] viel von den Niederlanden zu sehen, zu hören und zu probieren. Es war eine großartige und wertvolle Erfahrung, für die ich außerordentlich dankbar bin. Aber die niederländische Identität? Nein, die habe ich nicht gefunden. Die Niederlande, das sind: große Fenster ohne Gardinen, so dass jeder problemlos hineinsehen kann. Aber auch: Wertschätzung der Privatsphäre und des geselligen Miteinanders. Die Niederlande, das sind: Ein (einziger) Keks zum Tee. Aber auch: ausgeprägte Gastfreundschaft und Selbstbeherrschung. Pragmatismus. Aber auch: gemeinsam große Emotionen erleben. Die Niederlande sind viel zu vielseitig, um sie in einem Klischee zusammenzufassen. Die Niederlande gibt es nicht.“

In mancherlei Hinsicht verhalten sich Niederländer anders als die Einwohner der Nachbarländer. Bereits vor vier Jahrhunderten fiel dies den Nicht-Niederländern ebenso auf, wie heutzutage den Touristen. Manchmal sind es nur kleine Unterschiede, aber es gibt auch Beispiele, die verdeutlichen, dass es einen großen Kontrast zwischen Niederländern und den anderen gibt. Sinterklaas, das Tragen eines orangen Holzschuhs auf dem Kopf während eines Fußballspiels und beschuit met muisjes[1] können noch als einfacher Ausdruck typisch niederländischer Volkskultur betrachtet werden. Mit dem vielgerühmten Poldermodell und dem ewigen (aber überwiegend erfolgreichen) Kampf gegen das Wasser unterscheiden sich die Niederlande jedoch ebenfalls vom Rest der Welt.

Allerdings kann man auch bei solch großen gesellschaftlichen Aspekten die Grenze zwischen Fakten und Fiktion nicht immer ganz trennscharf ziehen. Oft scheinen die Dinge doch ein wenig anders zu liegen als zunächst angenommen. In Madurodam – „wo Sie aus der Vogelperspektive sehen, was die Niederlande so typisch niederländisch macht“, so die Website dieses Vergnügungsparks in Den Haag – wird der Kampf gegen das Wasser unter anderem durch die Person des Hansje Brinker verkörpert. Aber an diesem Jungen, der dafür bekannt geworden ist, dass er seinen Finger in ein Loch im Deich steckte und dadurch das Land vor der Überflutung bewahrte, ist nichts niederländisch. Hans Brinker ist eine von der amerikanischen Schriftstellerin Mary Mapes Dodge (1830–1905) erfundene Figur, die im Kinderbuch Hans Brinker or the Silver Skates, erschienen 1866, die Hauptrolle spielte.

Nichtsdestotrotz ist dieser aus den Vereinigten Staten importierte Hans Brinker zu einer Ikone geworden, zu der Personifizierung des niederländischen Kampfes gegen das Wasser und zu einem sorgsam gehegten Exportartikel. Speziell für Touristen gibt es Bilder von ihm zu kaufen; selbstverständlich auf Delfter Fayencen gefertigt.

In einer kürzlich geführten Debatte über Inhalt und Bedeutung der „niederländischen Identität“ wurden für diesen unbrauchbaren Begriff Alternativen vorgeschlagen. „Identifikation“ und „Bindung“ würden die Bedeutung in der heutigen Zeit (mit der immer stärker werdenden internationalen Orientierung und immer mehr multikulturellen Einflüssen) treffender umschreiben als die nicht zu greifende „nationale Identität“. Befürworter und Gegner waren sich jedoch über eine Frage einig: Die Wurzeln der heutigen niederländischen Gesellschaft liegen in der Vergangenheit und das Wissen um diese Wurzeln ist unentbehrlich.

Der im Frühjahr 2008 veröffentlichte Geschiedenismonitor (dt. Geschichtsmonitor) zusammengestellt durch die Zeitungen de Volkskrant, das Historisch Nieuwsblad sowie die Fernsehsendung Andere Tijden) macht deutlich, dass bei Niederländern das Wissen um die Geschichte ihres Heimatlands lückenhaft ist. So wussten nur 17 Prozent der mehr als eintausend Umfrageteilnehmer, dass die Niederlande erst im 19. Jahrhundert zum Königreich wurden. Wenn sogar die Niederländer selbst so wenige Kenntnisse über die eigene Geschichte besitzen, ist es vermessen zu erwarten, dass Ausländer über diese Kenntnisse verfügen. Ein guter Grund also, solche Wissenslücken zu füllen oder – im günstigeren Fall – das Geschichtswissen wieder etwas aufzufrischen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die heutigen Niederlande entstanden sind und auf welche Weise die historischen Ereignisse und Prozesse ihre Spuren im modernen Alltag hinterlassen haben.


[1] Eine Art Zwieback, bestreut mit blauen oder rosafarbenen Zuckerperlen, der nach der Geburt eines Babys den Gästen angeboten wird, die zu Besuch kommen.

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011