V. Was ist Volkskultur, was Tradition?

Was Volkskultur ist, kann auf schwierige und einfache Weise interpretiert werden. Das Meertens Instituut in Amsterdam verwendet folgende Definition: Volkskultur ist die Gesamtheit kultureller Äußerungen, die für spezielle Gruppen – immer unter dem Verweis auf Tradition, Vergangenheit und nationale, regionale oder lokale Identitäten – als wesentlich betrachtet werden. Das Niederländische Zentrum für Volkskultur (Nederlands Centrum voor Volkscultuur) benutzt eine etwas weniger abstrakte Formulierung: Volkskultur ist die Art und Weise, in der Menschen ihr tägliches Leben gestalten. Es sind die alltäglichen Dinge, Gewohnheiten und Bräuche, Normen und Werte, Traditionen und Rituale, die im Leben jedes einzelnen eine Rolle spielen. Diese Definitionen haben gemeinsam, dass es: 1. um Menschen, 2. um Kontext und Bedeutung und, 3. um die Gegenwart geht, aber auch um eine historische Dimension.

Volkskultur berührt das tägliche Leben und demzufolge auch alltägliche Dinge, die für jeden wiedererkennbar sind. Das ist auch das schöne an dieser Disziplin: Jeder versteht sie. Aber dies birgt auch die Gefahr: Es gibt eine Unmenge Fachleute. Jeder Mensch kennt seine eigenen Geschichten zu Traditionen, die für sein Leben bedeutsam sind.

Das Wort Tradition kommt vom lateinischen Wort traditio und bedeutet das Übergeben, das Weitergeben der Kultur von einer Generation auf die nächste. Das Wort bezieht sich auf Gewohnheiten, die jemandem von zu Hause mitgegeben wurden. Tradition ist ein stärkeres Wort als Routine, Gewohnheit oder Brauch. Mehr als diese Wörter bezieht sich Tradition auf das Erbe, darauf, was Menschen weitergeben wollen, weil es für die kulturelle Identität eines Einzelnen oder einer Gesellschaft als wichtig empfunden wird. Traditionen kehren stets in einem festen, sich wiederholenden Muster wieder. Dadurch scheint es als ob Tradition einer Kontinuität, einer Unveränderlichkeit gleichkommt. Allerdings trifft dies überhaupt nicht zu: Traditionen sind dynamisch. Sie verändern sich mit der Zeit, und andere Personen können ganz andere Traditionen pflegen.

Wie stark Traditionen sich im Laufe der Zeit verändern können, ist am Beispiel der Feiern zum niederländischen Königinnentag (nl. Koninginnedag) gut zu erkennen. Historisch gesehen ist es absolut falsch zu glauben, dass die Niederländer die Oranier von Beginn an in ihr Herz geschlossen hatten. Es gab eine Reihe von Gelegenheiten, bei denen sich Anhänger und Gegner der Oranjes mit Feuer und Schwert bekämpften. Dabei konnte es zum Teil heftig zur Sache gehen. Am Sonntagabend des 18. Februar 1887, dem Vorabend des Geburtstags König Willems III., warfen Anhänger der Oranier aus dem Amsterdamer Viertel Jordaan die Fensterscheiben der sozialistischen Volksbuchhandlungen von Karel Bos in der Hazenstraat und von Jan Fortuyn in der Tuinstraat ein. Dort wurde das Heft Uit het leven van Koning Gorilla (dt. Aus dem Leben König Gorillas) verkauft, das von einem anonymen, saufenden und Bordelle besuchenden König handelte, wobei allerdings jeder wusste, dass es um den alten König Willem III. ging.

Damals war vom Königinnentag noch keine Rede. Es gab ihn noch nicht. In Utrecht wurde 1885 zum ersten Mal Prinzessinnentag gefeiert. Die kleine Wilhelmina, geboren am 31. August 1880, war als Hauptperson für Festlichkeiten viel besser geeignet als ihr launenhafter und unbeständiger Vater König Willem III., der außerdem noch Mitten im kalten Februar Geburtstag hatte. Wilhelminas Geburtstag fiel dagegen auf ein günstiges Datum: auf den letzten Tag der Schulferien. Die Initiative für das Fest kam von liberalen Bürgern, die mit dem Feiern des Geburtstags der (künftigen) Königin das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl stärken wollten. In Amsterdam hofften die Herren des Bürgertums, dass der Prinzessinnentag die Erinnerung an die Kirmes verblassen lasse, die seit 1875 wegen des lautstarken Benehmens der unteren sozialen Schichten nicht mehr gefeiert werden durfte.

Die Damen und Herren der Vereniging voor de Veredeling van het Volksvermaak (dt. Vereinigung zur Veredelung des Volksvergnügens) organisierten ein Fest mit Kinderspielen, festlicher Bewirtung und Wettkämpfen für Jungen, wie zum Beispiel Klettern und Tauziehen. Die Frauen und Mädchen tanzten. Nach dem Tod König Willems 1890 hieß das Fest Königinnentag, denn nach einem kurzen Jahrhundert der Könige kam eine blutjunge Königin auf den Thron. Das Gefühl den Oraniern gegenüber verschob sich von Ehrerbietung und Respekt zu Liebe. Neue Rituale entstanden, die dem emotionalen Band zwischen Monarch(in) und Volk Ausdruck verliehen. Die königliche Familie selbst war übrigens vor dem Zweiten Weltkrieg fast nie bei den Festivitäten anlässlich des Königinnentags zugegen.

Bis 1948 wurde der Königinnentag am 31. August gefeiert. Schulkinder, vor allem der Schulen in freier Trägerschaft (bijzondere scholen), lernten Oranierlieder wie Oranje Boven, Leve de Koningin. In vielen Dörfern und Städten brachten Schulkinder dem Bürgermeister als Stellvertreter der Königin ein Morgenständchen dar.

In der Regierungszeit Julianas war das Palais Soestdijk der Mittelpunkt der Feier zum Königinnentag. Tausende Niederländer zogen am Palais vorbei, um der Königin mit Blumen,  selbstgemachten Geschenken und Rosinenbrot zu huldigen. Am 30. April 1949 wurde das erste Defilee für Königin Juliana im Palais Soestdijk gehalten. In den folgenden Jahren bekamn immer mehr Menschen am Königinnentag einen Tag frei von der Arbeit und das Defilee, ab 1952 im Fernsehen ausgestrahlt, wurde eines der Medienereignisse des Jahres. Die Niederlande saßen gefesselt am Bildschirm, um die Königin und ihre Familie mit ihren halbwüchsigen Töchtern und später auch mit deren Ehemännern und Kindern zu sehen, erst in schwarz-weiß und später in Farbe. Das feierliches Vorbeischreiten an der Königlichen Familie war der jährlich wiederkehrende Ausdruck und der Gradmesser der Liebe zu Oranje.

Wim Sonneveld hat das Defilee in der Sendung De stalmeester (dt. Der Stallmeister) unsterblich gemacht, in der er leicht beschwippst und mit Wassenaarer Akzent Erinnerungen an den Königinnentag wieder wachruft. „Und da wird was rangetragen! Sehen Sie mal, und dann geht es darum, dass man Ihre Majestät diskret entlastet, nicht wahr, von so einem Riesenkuchen aus dem einen oder anderen hinteren Winkel des Landes. Da heißt es dann zupacken und kurz durch die Zähne zischen: ,Knicks machen, rückwärts die Treppe runter und abhauen,ʻ und dann selbst eben mal die Geschenke unbemerkt hinter die Rhododendren hauen. Ist natürlich selbstverständlich das Majestät nicht alles höchstpersönlich gebrauchen kann, denn dann müsste es täglich Kuchen zu essen geben bis weit in den Sommer rein.“

Die Treppe rückwärts hinunterlaufen – es war schließlich unhöflich, Majestät den Rücken zuzuwenden – war immer ein spannender Moment. Das Fernsehpublikum hoffte, dass einmal jemand die Treppe hinunterfallen würde. Später wurden die Papierkügelchen schießenden Prinzen eine Attraktion für die Fernsehzuschauer.

Die neue Königin Beatrix ging 1980 in Bezug auf die Feier des Königinnentags andere Wege. Anstatt die nationale Geburtstagsvisite auf Soestdijk abzuhalten, besuchte die Königin mit ihrer Familie das Land. Das Datum blieb dasselbe. Unmittelbar nach ihrer Amtseinführung kündigte Beatrix an, dass der 30. April der Königinnentag bleibt – als Ehrbezeugung gegenüber ihrer Mutter, aber auch aus praktischen Gründen, da das Wetter besser als an ihrem eigenen Geburtstag am 31. Januar ist. Die neue Feier des Königinnentags ist telegener als das Defilee und bietet Städten und Dörfern die Möglichkeit, sich zu profilieren. Das Programm selbst ist dagegen recht traditionell. Der Schwerpunkt am Königinnentag verschob sich erst Mitte der Achtziger Jahre sehr deutlich und nachdrücklich von den Morgenständchen vor dem Rathaus und dem Besuch der Königin im Land zu den Flohmärkten. Diese Art, den Königinnentag zu feiern, ist also gerade einmal ein Vierteljahrundert alt.

Weltweit wird dem Erhalt dieser Traditionen, die oft etwas neutraler als „immaterielles Erbe“ bezeichnet werden, momentan viel Aufmerksamkeit zuteil. Unter immateriellem Erbe werden die Traditionen und Rituale verstanden, die Menschen wichtig finden und nicht verloren gehen lassen wollen. Darum tun sie ihr bestes, diese Traditionen zu erhalten. Immaterielles Erbe ist lebendiges Erbe. Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, es zu konservieren oder zu restaurieren wie Denkmale, Archivmaterial oder Museumsstücke. Traditionen und Rituale müssen eine moderne Bedeutung haben, sonst werden sie nicht mehr gebraucht und sie verschwinden. Darum ist es wichtig, dass immaterielles Erbe mit der Zeit geht.

Dies ist ein Prozess von Versuch und Irrtum, bei dem das Ergebnis sicher nicht schon vorher feststeht. Außerdem gibt es dabei viele Haken und Ösen. Das wird am Beispiel des Sinterklaasfests deutlich, der als am wertvollsten anerkannten Tradition in den Niederlanden. Schon seit einiger Zeit gibt es Streit zwischen Sinterklaas (St. Nikolaus) und dem Weihnachtsmann, bei dem der Weihnachtsmann auf viele Freunde aus dem Geschäftsleben zählen kann. Bisher konnte der gute Sint die Angriffe von Santa Claus abwehren. Aber wie lange hält er noch stand? Außerdem können wir feststellen, dass bei Sinterklaas sich im Laufe der Zeit um einiges verändert hat. Zu erwähnen wäre die Rute, die vor drei Jahrzehnten noch dabei war, aber in der Zwischenzeit ihre drohende Wirkung verloren hat. Es ist in der heutigen Zeit nicht undenkbar, dass die schwarzgemalten Piets mit ihrer merkwürdigen Sprache als politisch nicht korrekt betrachtet werden oder dass Niederländer mit türkischer Herkunft sich dagegen beschweren, dass der türkische Bischof jedes Jahr aufs Neue aus Spanien angereist kommt. In der gegenwärtigen multikulturellen Gesellschaft ist Sinterklaas' Position weit davon entfernt, sicher zu sein.

Aber genau diese Dynamik hält Sinterklaas am Leben. Wenn diese Tradition normiert wird, das heißt, im heutigen Zustand eingefroren und konserviert wird, wird das Sinterklaasfest eine museale Tradition, ein Ritual, das einen Platz neben den Trödelmärkten und organisierten Veranstaltungen bekommt. Also muss eine dynamische Form des Schutzes zum Einsatz kommen, bei der auf respektvolle Art mit der Vergangenheit umgegangen werden muss, jedoch genug Raum für Veränderung und somit für die Zukunft bleibt.

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011