VIII. Volkskultur und Traditionen anno 2012

Am 1. November 2008 gab Königin Beatrix den Startschuss für das Jahr der Traditionen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Ergebnis einer groß angelegten Untersuchung veröffentlicht, bei der herausgefunden werden sollte, welche Traditionen Niederländer am wichtigsten finden. Die hier zuvor beschriebenen acht Beispiele kommen alle in dieser Liste vor, wobei Sinterklaas der klare Sieger ist. Aber auch Neujahr (Platz 4), der Martinstag (Platz 9) und luilak (Platz 11) landeten auf vorderen Plätzen. Geburt (Platz 7) und Geburtstage und Abraham (Platz 8 bzw. 15) sind ebenfalls beliebt. Nur „Hochzeit“ und „Sterben und Trauern“ fallen mit den Plätzen 35 und 77 auf der Rangliste etwas aus dem Rahmen.

Aus dem zuvor Beschriebenen mag deutlich geworden sein, dass es in den Niederlanden fast unzählbar viele Traditionen gibt, die es wert sind bewahrt und gepflegt zu werden. Aber wie kann oder muss das geschehen? Ein Brauch wie beschuit met muisjes kann jedenfalls nicht in ein Museum oder ein Archiv gebracht werden. Aber es gibt Hilfe aus dem Ausland. 2003 nahm die UNESCO eine Konvention zum Schutz des immateriellen Erbes an.

Die UNESCO hat für dieses Ziel eine sehr nützliche Umschreibung des Begriffs geliefert. „Das immaterielle kulturelle Erbe bezeichnet sowohl die Praktiken, Vorstellungen, Ausdrücke, das Wissen und die Fähigkeiten als auch die Instrumente, Objekte und kulturellen Räume, die mit diesen assoziiert werden, welche Gemeinschaften, Gruppen und in einigen Fällen Individuen als Teil ihres kulturellen Erbes anerkennen. Dieses immaterielle kulturelle Erbe, von Genertion zu Generation weitergegeben, wird von Gemeinschaften und Gruppen als Antwort auf ihre Umwelt, ihre Interaktion mit der Natur und ihrer Geschichte immer wieder neu geschaffen, gibt ihnen ein Gefühl von Identität und Kontinuität und fördert somit den Respekt vor kulturellen Unterschieden und menschlicher Kreativität.“

Aller Voraussicht nach werden die Niederlande diese Konvention unterzeichnen und dann wird immaterielles Erbe zum Erbe generell gerechnet werden. Im Bericht Mehr als Qualität: Eine neue Sicht auf Kulturmanagement – der Zweiten Kammer im Juni 2011 vorgelegt – macht der Staatssekretär noch einmal deutlich, dass die Regierung die Konvention der UNESCO ratifizieren wird. Außerdem erwähnt er in diesem Bericht, dass er ein Institut für Volkskultur und immaterielles Erbe gründen will, in dem das Niederländische Zentrum für Volkskultur und Immaterielles Erbe und das Niederländische Freilichtmuseum fusionieren. Dies bedeutet eine bemerkenswerte Bündelung der Kräfte zweier Einrichtungen für Volkskultur, die sich in der Vergangenheit im Bereich Alltagskultur verdient gemacht haben. Beide Einrichtungen werden nun in kurzer Zeit Pläne dazu entwickeln, wie sie dieses neue Institut zusammen gestalten wollen. Inzwischen wurde bereits deutlich, in welche Richtung das neue Institut gehen will. Klar ist, dass es mehr als nur ein Museum sein muss. Dem neuen Institut wird eine wichtige Rolle innerhalb der Regierungspolitik in Bezug auf immaterielles Erbe eingeräumt: Bei der Beratung der Regierung, aber auch beim zügigen Vorbereiten lokaler Träger, die ihr immaterielles Erbe dem Niederländischen Inventar zufügen wollen. Von diesen örtlichen Freiwilligenorganisationen erwartet man, dass sie einen Plan für die Zukunft entwerfen, der verdeutlicht, wie die Weitergabe an die nächste Generation vonstatten gehen soll, so dass ihr immaterielles Erbe auch in Zukunft lebensfähig bleibt. Das heißt auch, dass die gegenwärtige Bedeutung dieses immateriellen Erbes immer wieder neu bewertet werden muss. Inzwischen ist die Liste der Organisationen, die anstreben, als wichtiges immaterielles Erbe anerkannt zu werden, bereits auf sechzig angewachsen. Kurz, die Volkskultur und Traditionen sind in den Niederlanden noch quicklebendig.

Das sieht man nicht zuletzt daran, dass das Jahr 2012 in den Niederlanden zum Jahr des immateriellen Erbgutes ausgerufen wurde. Mit vielen Aktionen und Veranstaltungen wollen die Stiftung zur Wahrung des Immateriellen Erbgutes Hindeloopen und das Nederlands Centrum voor Volkscultuur en Immaterieel Erfgoed ein Bewusstsein für die große Vielfalt an immateriellem Erbgut in den Niederlanden schaffen.

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011