II. Von der Republik zur Monarchie

Der Herrschaftsbereich Karl V.: 1543 kamen alle niederländischen Regionen unter habsburgische Herrschaft
Der Herrschaftsbereich Karl V.: 1543 kamen alle niederländischen Regionen unter habsburgische Herrschaft
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Bei der Suche nach einem Anfangszeitpunkt – Achtung: nicht des Anfangszeitpunkts – der „Niederlande“ ist 1543 eine wichtige Jahreszahl. In dem Jahr wurde das Herzogtum Geldern den habsburgischen Niederlanden Kaiser Karls V. angegliedert. Damit waren alle siebzehn Regionen (Gewesten) unter eine zentrale Herrschaft gebracht. Weitere fünf Jahre später wurden die Niederlande durch den deutschen Reichstag als eine separate Einheit innerhalb des ausgedehnten Reichs Kaiser Karls anerkannt. Die niederländischen Regionen standen beim Kaiser in keinem besonders hohen Ansehen, wovon folgender ihm zugeschriebener Satz zeugt: „Wenn ich mit Gott spreche, tue ich dies auf Latein, Frauen spreche ich auf Italienisch an, Männer auf Französisch, Höflinge auf Spanisch und mein Pferd auf Niederländisch.“

Die darauffolgenden Jahrzehnte waren wegweisend für die Herausbildung eines unabhängigen Staats. Die niederländischen Regionen konnten sich nur schwer an die Zentralisierungspolitik Karls V. und später seines Sohns Philipp II. gewöhnen. Die Gegensätze auf religiöser Ebene, die Beschwerden über immer höhere Steuerbelastungen und die Unzufriedenheit über den Verlust regionaler Autonomie gipfelten im Aufstand von 1568. Während der Kampf bei weitem noch nicht beendet war, wurde 1588 die Republik der Sieben Vereinigten Niederlanden ausgerufen. Erst 1648, mit der Unterzeichnung des Friedens von Münster, wurde das Kriegsbeil endgültig begraben.

Die Republik besaß einen calvinistischen Charakter. Die strengen Calvinisten, die übrigens nie mehr als fünfzehn Prozent der Bevölkerung ausmachten, wollten die Gesellschaft fest im Griff haben. Vor allem aus den südlichen Niederlanden stammende Pfarrer folgten einer strengen Lehre. Sie wirkten unermüdlich gegen „papistische“ (aber trotzdem beliebte) Bräuche, Gewohnheiten und Traditionen. Sie wollten nichts von ausschweifend gefeierter Kirmes, Fastnacht oder von Volksfesten wie Sinterklaas oder dem Martinstag wissen. Die Calvinisten forderten weniger eine allgemeine und öffentliche Kirche als eine saubere Kirche, die von ihren Mitgliedern bewusst und mit fester Überzeugung gewählt wurde.

„Ein Füllhorn“

Tatsächlich klaffte jedoch eine größe Lücke zwischen dem vorgeschriebenen und dem tatsächlichen Leben. In Wirklichkeit entwickelte sich die Republik zu einer pluralistischen  Gesellschaft. Katholiken konnten zwar nicht in öffentliche Ämter berufen werden, jedoch durften sie nach einiger Zeit recht ungestört ihren Gottesdienst feiern. Während andernorts in Europa Juden verfolgt wurden, konnte 1670 mitten in Amsterdam eine große Synagoge geweiht werden. Ein großer Teil der Bevölkerung begann den pluralistischen Charakter der Gesellschaft für selbstverständlich zu halten. Wie unterschiedlich die Gruppen auch waren, einander zu tolerieren gehörte in der Republik zum Leben dazu.

Synagoge Amsterdam Pluralistische Gesellschaft: Die portugiesische Synagoge in Amsterdam bei ihrer Einweihung, Grafik von Romeyn de Hooghe 1675
Synagoge Amsterdam Pluralistische Gesellschaft: Die portugiesische Synagoge in Amsterdam bei ihrer Einweihung, Grafik von Romeyn de Hooghe 1675
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Inzwischen hatte sich die Republik auch zu einem Land entwickelt, dass jeden durch ein bemerkenswertes Aufblühen von Macht und Wohlstand, Vernunft und Kultur erstaunen ließ. Die Republik wurde ein Füllhorn. Ursprünglich, so will es die Überlieferung, waren Sparsamkeit und Einfachheit Grundlage des Wohlstands in Holland. Bereits nach 1650 wurden diese jedoch gegen Luxus und Zurschaustellung nach außen eingetauscht. Ein Engländer, der im 18. Jahrhundert durch die Republik reiste, stellte fest, dass die Wohlhabenden süchtig nach Geldverschwendung waren. „Ich kenne eigentlich kein Land, in dem man Geld leichter ausgibt, um sich die Zeit angenehm zu vertreiben und alles zu genießen, worauf man durch gesellschaftlichen Rang und Glück ein Anrecht hat. Überall sieht man dergleichen reich eingerichtete Häuser, gut gedeckte und elegante Tafeln, zahllose Bedienstete, prächtige Kleidung [...] und für die Erziehung der Kinder werden weder Kosten noch Mühen gescheut.“

Im 17. Jahrhundert begann die große Kolonisation, sowohl in Asien als auch in der Karibik, wo die VOC (Verenigde Oost-Indische Compagnie, die Vereinigte Ostindische Kompanie) beziehungsweise die WIC (West-Indische Compagnie, die Westindische Kompanie) jeweils ein bedeutendes Handelsimperium etablierten. Die Veränderung der Ess- und Trinkgewohnheiten waren enorm. Calvinistische Moralapostel waren nicht im Geringsten erfreut über das neue Angebot. Ausländischen, insbesondere ostindischen Gewürzen, wie Zimt oder Muskatblüte, mit ihrem betörenden Aroma und heidnischen Ursprung musste mit Misstrauen begegnet werden. Aber der größte Feind – der unermüdliche Handlanger des Teufels – war Zucker. Der bezahlbar gewordene brasilianische Zucker wurde als eine „moralische Bedrohung“ bezeichnet. Nichtsdestotrotz gelangte er auf den Tisch der unteren sozialer Schichten. Dieser Trend hatte auch einen positiven Effekt auf die Beschäftigungslage: 1740 waren allein in Amsterdam über fünfzig Zuckerraffinerien in Betrieb.

Die Republik entwickelte sich jedoch nicht zu einer wirklichen Einheit. Das wohlverstandene  Eigeninteresse jeder Region oder jeder Gruppe wog schwerer als der Zusammenhalt des Landes. Das eine „Vaterland“ blieb auf sieben eigenständige Regionen verteilt. Die höchste Macht lag in den Händen der Generalstaaten. Diese hatten jedoch nur das letzte Wort in Angelegenheiten, die Verteidigung oder Auslandspolitik betrafen. Für alle anderen Bereiche waren die Regionen selbst zuständig.

Innerhalb dieses Staatenbundes lag der Schwerpunkt unmissverständlich in der Region Holland. Hier lebten nicht nur die meisten Menschen, es war auch das wirtschaftliche Zentrum. Außer der hochwertigen und spezialisierten Landwirtschaft war hier auch der Großteil von Industrie und Handel konzentriert. Darüber hinaus sorgte Holland für ungefähr zwei Drittel der Steuereinnahmen der Republik. Und: Wer zahlt, der bestimmt. Vor allem die armen ländlichen Regionen, oft der wahre Kampfschauplatz von Kriegshandlungen, hatten wenig beizutragen. Seeländisch-Flandern, Nordbrabant und Teile Limburgs waren sogar ganz vom politischen Mitbestimmungsrecht ausgeschlossen und wurden (als Generalitätsland) direkt durch die Generalstaaten verwaltet.

Ein wunderbares Beispiel, das die Uneinigkeit deutlich macht, ist die doppelte Zeitrechnung. Während Holland, Seeland und Brabant bereits 1582/83 den Gregorianischen Kalender einführten, hielten die anderen Regionen an der Zeitrechnung nach altem Stil fest und liefen der neuen Zeit zehn Tage hinterher. An einem Tag, an dem in Amsterdam Ostersonntag gefeiert wurde, war in Utrecht – in nur ungefähr 30 Kilometer Luftlinie Entfernung – noch Palmsonntag. Wer beruflich oder zum Vergnügen durch die Republik reiste, konnte, abhängig von der gewählten Route, ein Jahr mit 355, 365 oder 375 Tagen erleben. Postverkehr, der die regionalen Grenzen überquerte, wurde meist doppelt datiert, um Missverständnisse zu vermeiden.

Ebensowenig existierte ein nationales oder zumindest regional einheitliches System für Maße und Gewichte. In allen Regionen, Städten und Dörfern waren im Laufe der Zeit eigene Maße und Gewichte entstanden. Nach der politischen Vereinigung wurden diese als Symbole autonomer und lokaler Identität gehütet. Auch wenn im Laufe der Zeit dieselben Namen (z.B. Daumen, Fuß und Rute) verwendet wurden, musste das in der Praxis noch nicht zwangsläufig eine Verbesserung bedeuten. Abhängig vom Ort war eine Rute zwischen sieben und 21 Fuß lang. Der Fuß selbst war in Utrecht 10 Daumen lang, in Heerenveen allerding 13 Daumen. Ohne Almanach, Taschenbücher und Umrechnungstabellen konnte der niederländische Kaufmann, Zimmermann oder Binnenschiffer außerhalb seines eigenen Wohnorts wenig ausrichten.

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011