Kultur - Kurzbeitrag


Zwarte Piet is racisme– Chronologie einer Debatte

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Umstritten: Die gegenwärtige Darstellung des Zwarte Piet, Quelle: EnSintClopedie/cc-by-sa

„Man muss immer Rücksicht auf Gefühle nehmen, aber ein Zwarte Piet – das sagt der Name ja bereits – ist nun einmal schwarz“, erklärte der niederländische Premier Mark Rutte im Oktober 2013 vor laufender Kamera. Doch so einfach ist es nicht. Nicht mehr. Nicht, seit der Brief von vier UNO-Berichterstattern für Menschenrechte, kulturelle Rechte, Minderheitenrechte und Rassismus im Januar 2013 in Den Haag eintraf. Man wolle klären, so die Absender, inwieweit das niederländische Nikolausfest – und vor allem die Figur des Zwarte Piet – rassistische Züge enthalte und zu einer nicht gewünschten Stereotypenbildung beitrage.

In den Niederlanden wird das Nikolausfest seit dem 19. Jahrhundert unter anderem mit einem festlichen Einzug des Sinterklaas und seines Gefolges gefeiert. Seit den 1950er Jahren überträgt das Fernsehen die „offizielle Ankunft“ des Heiligen landesweit. Sinterklaas reist mit dem Schiff an, bringt sein Pferd mit, auf dem er später durch die Stadt reitet, und wird von einer Gruppe Helfer, sogenannter Zwarte Pieten, begleitet.

Diese Begleiter haben ein schwarz bemaltes Gesicht, dicke, rote Lippen, schwarze, krause Locken und tragen goldene Ohrringe. Ihre Kostüme erinnern an Pagenuniformen aus dem 18. Jahrhundert. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sprachen die Zwarte Piet-Darsteller gerne in einer einfachen Kindersprache oder mit surinamischem Akzent, inzwischen spricht Piet normales Niederländisch. Die Darstellung des Charakters der Figur änderte sich ebenfalls im Laufe der Zeit. War der Zwarte Piet im 19. Jahrhundert noch der Kinderschreck, der die frechen Kinder mit der Rute strafte und im Sack nach Spanien mitnahm, entwickelte sich Piet seit den 1950er Jahren mehr und mehr zum Kinderfreund, der Pfeffernüsse und Geschenke austeilte.

In den 1980er Jahren setzten Migranten aus Suriname und von den niederländischen Antillen das Thema Zwarte Piet zum ersten Mal auf die politische Agenda. Sie kritisierten, dass durch die Darstellung rassistische Vorurteile über schwarze Menschen bestätigt und verstärkt würden. Zwarte Piet sei der stereotype „dumme Neger“, der gehorsam die Befehle des weißen Sinterklaas ausführe. Jedes Jahr zur Nikolauszeit lodert seitdem die Diskussion in Teilen der Bevölkerung wieder auf. Bisher ohne große Folgen. Doch seit die Diskussion im Januar 2013 die Landesgrenzen verlassen hat, scheint zum ersten Mal eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte in den Niederlanden stattzufinden.

Hier die Chronologie der bisherigen Ereignisse:

17.01.2013 Vier UN-Berichterstatter wenden sich mit einem Brief an Den Haag, da sie „Informationen bekommen haben“, dass die Sinterklaas-Tradition im Kern rassistisch ist.

„Als schwarze Person sage ich, dass ich mich dagegen wehren würde, wenn ich in den Niederlanden lebte.“

UN-Berichterstatterin Verene Sheperd

10.07.2013 In ihrer Antwort erklärt die niederländische Regierung, dass Sinterklaas ein traditionelles Kinderfest sei und dass es Möglichkeiten gebe, Beschwerde gegen Diskriminierung einzureichen.

13.08.2013 Die Gemeinde Amsterdam erteilt die Genehmigung, am 17.11.2014 den 75. Sint-Nicolaas-Einzug abzuhalten. Rund zwanzig Beschwerden gegen die Veranstaltung werden eingereicht.

22.10.2013 Verene Shepherd, Vorsitzende der Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, die untersucht, ob die Figur des Zwarte Piet rassistische Züge hat, erklärt in einem Interview mit der Fernsehsendung EenVandaag, sie finde die Figur des Zwarte Piet persönlich beleidigend. Das Sinterklaas-Fest solle ihrer Meinung nach abgeschafft werden: „Als schwarze Person sage ich, dass ich mich dagegen wehren würde, wenn ich in den Niederlanden lebte. Meine persönliche Meinung ist, dass dies im 21. Jahrhundert nicht geschehen darf.“

In der Befürchtung die Vereinten Nationen könnten den Zwarte Piet abschaffen, entwickelt sich eine Protestwelle in den Niederlanden. Eine Facebook-Seite mit dem Namen „Pietitie“ (ein Wortspiel aus Piet und dem niederländischen Wort „petitie“ für Petition) zum Erhalt „der schönsten Tradition der Niederlande“ verzeichnet schnell mehr als eine Million Likes. Die Seite mit dem Titel „Zwarte Piet ist Rassismus“ findet hingegen in derselben Zeit nur 7.000 Anhänger. (NiederlandeNet berichtete)

30.10.2013 Die Gemeinde Amsterdam erklärt die eingereichten Beschwerden gegen den Sinterklaas-Einzug für unbegründet. Die Kläger wenden sich in einem Berufungsverfahren an die nächsthöhere Instanz.

16.11.2013 Die sogenannte „Landelijke intocht“, das heißt. der erste Sinterklaas-Einzug des Jahres, der auch im Fernsehen übertragen wird, findet in Groningen statt. Um den Kritikern entgegenzukommen, wird die Darstellung der Zwarte Pieten variiert. Goldene Ohrringe sind verboten, die Lippenstiftfarbe sowie die Haartracht frei wählbar.

In Amsterdam protestieren hunderte Demonstranten auf dem Beursplein gegen die Figur Zwarte Piet. Überall sind Plakate mit Aufschriften wie „Zusammen feiern mit mehr Farbe und weniger Rassismus“, „Free Piet“, oder „Zwarte Piet ist koloniale Symbolik“ zu sehen. Auch Sprechchöre mit der Losung „Zwarte Piet kan niet!“ (dt.: „Schwarzer Piet geht nicht!“) werden angestimmt.

17.11.2013 Der Heilige Nikolaus zieht unter dem Jubel tausender Kinder und ihrer Eltern mit seinen Helfern in Amsterdam ein. Neben der Freude über die Ankunft des Heiligen gibt es auch Proteste: Demonstranten mit dem Aufdruck „Schwarzer Piet ist Rassismus“ auf dem T-Shirt kehren Sinterklaas beim Einzug den Rücken zu. Auch abseits des Umzugs wird dem Unmut Luft gemacht: Im Oosterpark in Amsterdam verkleidet eine Aktionsgruppe die Statuen des Mahnmals zu niederländischen Sklavereivergangenheit als Zwarte Pieten. (NiederlandeNet berichtete)

21.11.2013 Die UN-Arbeitsgruppe empfiehlt, in den Niederlanden eine offene Debatte über die Sinterklaas-Tradition anzustoßen. „Es ist deutlich, dass viele Menschen, besonders Personen mit afrikanischen Wurzeln, der Ansicht sind, dass viele Aspekte des Zwarte Piet in unakzeptablen, kolonialen Einstellungen wurzeln, welche sie rassistisch und beleidigend finden.“ 

Zwarte Piet ist schwarz und das kann ich nicht ändern. So heißt er nun einmal“

Premier Mark Rutte

23.03.2014 Im Rahmen einer Pressekonferenz zum Nuclear Security Summit in Den Haag stellt ein Journalist Premier Mark Rutte die Frage, wie er für nukleare Sicherheit sorgen wolle, wenn er noch nicht einmal die gesellschaftliche Debatte um den Zwarte Piet in den Griff bekäme. „Zwarte Piet ist schwarz und das kann ich nicht ändern. So heißt er nun einmal“, antwortet Rutte auf Englisch. „Es ist eine alte Kindertradition und darin geht es nicht um einen grünen oder braunen Piet.“

10.06.2014 In der Talkshow Knevel & Van den Brink wird ein „neuer Zwarte Piet“ präsentiert, der ohne lockiges Haar und goldene Ohrringe sowie mit weniger roten Lippen, leicht hellerer Hautfarbe hat und etwas hipperer Kleidung trägt.

Ineke Strouken, Direktorin des niederländischen Zentrums für Volkskultur und immaterielles Erbgut (VIE) stellt in der Fernsehsendung die veränderte Figur des niederländischen Nikolausknechtes vor. Das Zentrum hatte zuvor 30 Personen zu ihrem Bild und ihren Vorstellung vom Zwarte Piet interviewt sowie rund 9.000 E-Mails von Befürwortern und Kritikern analysiert. Ergebnis der Untersuchung ist laut Strouken, dass die Menschen in den Niederlanden ein Ende der jahrelangen Diskussion herbeisehnen und deshalb eine Reihe von Anpassungen fordern. Am bedeutendsten sei dabei eine gleichgewichtige hierarchische Beziehung zwischen Sinterklaas und Zwarte Piet (NiederlandeNet berichtete)

Nederlands Centrum voor Volkscultuur en Immaterieel Erfgoed: Zwarte Piet, verkennend onderzoek naar een toekomstbestendig sinterklaasfeest, Den Haag 2014, Onlineversion

03.07.2014 Das Verwaltungsgerichts Amsterdam urteilt, dass die traditionelle Figur des Zwarte Piet ein negatives Klischee darstelle. Der Einzug des Sinterklaas mit den schwarzen Helfern sei demnach beleidigend für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die Gemeinde müsse die Genehmigung für den Sinterklaas-Einzug noch einmal überdenken. Der Anwalt der Kläger, Frank King, erklärt nach dem Urteil, der Richter habe „auf juristisch-fachmännische Art dem Zwarte Piet das Genick gebrochen“. Die Gemeinde Amsterdam legt gegen das Urteil Berufung ein.

04. 07.2014 Die Figur des Zwarte Piet ist rassistisch. Die Tradition ist überholt. Das erklärte die UN-Arbeitsgruppe bei der Präsentation der vorläufigen Untersuchungsergebnisse in Den Haag. Premier Rutte reagierte mit der Aussage, dass das Sinterklaasfest künftig möglicherweise verändert werden wird. Dies sei aber Aufgabe der Gesellschaft, nicht der Politik.

26.08.2014 Die niederländische Warenhauskette Hema verbannt den Zwarte Piet aus ihrem Angebot, meldet die Amsterdamer Tageszeitung Het Parool. Das Warenhaus reagiere damit auf die Rassismus-Debatte um den Helfer des niederländischen Nikolaus. Die neue Meldung löst ebenfalls einigen Wirbel aus. Viele Twitter-Nutzer rufen dazu auf, Hema zu boykottieren. Das Unternehmen reagiert auf seiner Website: „Hema verbannt Piet nicht. In unserem Sortiment werden weiterhin Pieten zu finden sein. Wir verfolgen die gesellschaftliche Diskussion und werden die Vorschriften, die sich daraus ergeben werden, respektieren. Für den 5. Dezember ist bereits alles eingekauft und über kommendes Jahr können wir noch keine Aussagen treffen.“ (NiederlandeNet berichtete)

27.08.2014 Der Anwalt der Zwarte Piet-Gegner, Frank King, legt sein Mandat nieder, nachdem er Todesdrohungen erhalten hat.

08.10.2014 Das Centrum voor Volkscultuur (VIE) nimmt das Fest in die nationale UNESCO-Inventarliste für Kulturerbe auf.

14.10.2014 Beim nationalen Sinterklaas-Einzug, der dieses Jahr in Gouda stattfinden wird, begleiten neben den traditionell dunkelbraun angemalten Pieten auch gelbe Kaaspieten und mit einem Rautenmuster geschminkte Stroopwafelpieten den Heiligen Nikolaus, gibt die Gemeinde Gouda bekannt. Man habe eine Lösung gesucht, mit der sowohl die Traditionalisten als auch die Zwarte Piet-Gegner leben könnten, lässt Bürgermeister Milo Schoenmaker wissen. (NiederlandeNet berichtete)

16.10.2014 Der Berufungsprozess der Gemeinde Amsterdam vs. Zwarte Piet-Gegner beim Raad van State beginnt.

11.11.2014 Die jährliche TV-Reihe Sinterklaas-Journaal beginnt. Die Zwarte Pieten der Sendung sind schwarz. In den folgenden Tagen tauchen neue Pieten auf, die noch angelernt werden müssen, darunter weiße und Clownspieten.

12.11.2014 Der Raad van State urteilt, dass die Gemeinde Amsterdam die Genehmigung für den Sinterklaas-Umzug im vergangenen Jahr zu Recht erteilt habe. Der Bürgermeister müsse bei der Erteilung der Genehmigung  nur die öffentliche Ordnung im Blick haben und nicht beurteilen, ob die Veranstaltung inhaltlich zulässig sei.

15.11.2014 Beim diesjährigen Einzug von Sinterklaas und seinem Gefolge kommt es zu Demonstrationen von Gegnern und Befürwortern des Zwarte Piet mit 90 Festnahmen. 60 Personen werden inhaftiert, weil sie an nicht genehmigten Orten - nämlich inmitten der Zuschauer - demonstrieren, 30 weitere wegen Störung der öffentlichen Ordnung.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: November 2014


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