Volkskultur und Traditionen in den Niederlanden


IV. Versäulung und Entsäulung

Ab Beginn des 19. Jahrhunderts war das Hauptziel der niederländischen Regierung, die verschiedenen regionalen Bevölkerungsgruppen zu einer homogenen Gruppe zu formen. Die Prozesse geografischer, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Vereinheitlichung vollzogen sich nicht auf jeder Ebene in gleicher Geschwindigkeit und in gleichem Ausmaß. Die Schaffung kultureller Einheit erwies sich als der am wenigsten steuerbare Prozess.

Matrosenchor
Den Haager Matrosenchor: Zwischen 1890 und 1910 wurden in den Niederlanden jeden Tag mindestens vier Vereinigungen gegründet, Quelle: NA (900-2877)

In gewisser Hinsicht war dies dadurch begründet, dass sich ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts innerhalb des Königreichs verschiedene „Nationen“ entwickelten: die Säulen. Ein immer größer werdender Teil der Protestanten und Katholiken konnte sich damals immer weniger mit der im Grundgesetz verankerten strikten Trennung von Kirche und Staat abfinden. Sie fürchteten, dass die Rolle des Gottesdienstes in der Gesellschaft minimiert werden würde. Aus Unzufriedenheit darüber gründeten sie politische Parteien. Dies war der Beginn der Versäulung.

Die Versäulung begann auf politischer Ebene. Unter Einfluss einer aufkommenden sozialistischen Säule breitete sich die Aufsplitterung in separate Gruppierungen auch auf sozialem und wirtschaftlichem Terrain aus. Noch später wurden versäulte Einrichtungen gegründet, die alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens umfassten. Für nahezu jeden Aspekt des Lebens wurden Zusammenschlüsse gebildet. Zwischen 1890 und 1910 wurden in den Niederlanden jeden Tag mindestens vier Vereinigungen gegründet. Die Macht der Säulen bestand in der Fähigkeit, Vereinigungen verschiedenster Art zusammenzubringen: vom Gesangsverein zu politischer Partei, von Fachvereinigung zu Jugendorganisation, von Wohnungsbaugesellschaft zu Beerdigungsinstitut. „Normale Menschen“ durften eigentlich nur Umgang mit Personen der eigenen Säule pflegen. Dies galt jedoch nicht für die Personen in leitender Stellung. Das Land musste schließlich regiert werden und keine einzige Säule hatte die Mehrheit. Deshalb mussten immer mindestestens zwei Säulen zusammenarbeiten. In einem solchen Fall wurden Absprachen auf sachlicher Ebene getroffen. Das Schließen von Kompromissen hat also in den Niederlanden Tradition.

Die Anführer versäulter Parteien und Organisationen drängten bei ihren Anhängern beständig auf Prinzipientreue. Sie widmeten der Ausbildung der Jugend viel Aufmerksamkeit. Indem die Jugend diszipliniert wurde, sah man der unsicheren Zukunft weniger ängstlich entgegen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden die Jüngeren immer früher in ein Netzwerk Gleichgesinnter aufgenommen. Dort lernten sie ihre Freunde und Freundinnen kennen und hier wurden sie mit dem Klima innerhalb einer Säule vertraut. Jede Säule hatte ihre eigenen Rituale und Symbole, einen festen Feiertagskalender und ein eigenes Sprachrepertoire.

Gemeinsam „im eigenen Kreis“ Ferien machen, studieren, tanzen und singen war nicht ausschließlich das Vorrecht der sozialistischen Jugend. Römisch-katholische Jungen und Mädchen waren im Graal vereinigt, christliche junge Männer hatten wiederum ihre eigenen Vereine und die weltanschaulich neutrale Jugend traf sich bei den Pfadfindern. Alle hatten ihre eigenen großen Zusammenkünfte mit vielen Flaggen, Bannern und Marschmusik. Dabei schlug man kräftig auf die eigene Brust und verteufelte die anderen.

Trotzdem machten sich die Anführer der Säulen fortwährend Sorgen, dass sich einige ihrer Schäfchen von der Herde entfernen und verschwinden könnten. Die Modernisierung der niederländischen Gesellschaft und die Einführung verschiedener Produkte aus dem Ausland betrachteten sie mit Argwohn. Insbesondere die Führer (und Führerinnen) der protestantisch-christliche Säule gingen mit ihren Bevormundungen sehr weit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deutlich, dass die Leitfiguren der Säulen sich zurecht Sorgen über Treue und Gehorsam ihrer Untertanen machten. Die Konstruktion der  Versäulung, die in den Dreißiger Jahren noch unverwüstlich schien, zeigte Verschleißerscheinungen. Durch die Einführung des Versorgungsstaats wurden einzelne weniger von ihrer Säule abhängig.

Drees, Willem
Willem Drees setzte 1957 die gesetzliche Rentenversicherung durch, Quelle: Collectie Spaarnestad Photo/NA/Anefo/Breijer/cc-by-sa

Verschiedene soziale Einrichtungen wurden aufgebaut. Die Arbeitslosenversicherung wurde 1952 Pflicht. Gefährdete Gruppen, wie zum Beispiel die Älteren, Witwen, Waisen und Invaliden, bekamen durch die Regierung das Recht auf Unterstützung zugesprochen. Das bekannteste Beispiel dafür war die gesetzliche Rentenversicherung, die Ministerpräsident Willem Drees 1957 gegen politischen Widerstand im Parlament durchsetzte.

Ungefähr zur selben Zeit, zu der die Altersvorsorge in den Niederlanden endgültig geregelt wurde, machten auch die Jüngeren auf sich aufmerksam. In Amsterdam sorgten Grüppchen Jugendlicher für viel Aufregung. Ihr Spezialgebiet waren Nichtstun und nicht an morgen denken. Sie saßen nicht gemütlich zusammen um den Tisch im Wohnzimmer, sondern hingen am liebsten auf der Straße herum. Randalieren, sich mit anderen Jugendlichen prügeln und „Polizisten ärgern“ waren ihre Art, Zeit totzuschlagen. Diese Jugendgruppen wurden Halbstarke (nozems[1]) genannt. Es dauerte nicht lange und das Verhalten der Amsterdamer Halbstarken fand überall Nachahmer und schon bald war die Rede von einer richtigen Jugendkultur. Fast überall, bis in die entlegendsten Winkel des Landes, tauchte „langhariges, arbeitsscheues Gesindel“ auf, wie die alte Garde, „die den Krieg erlebt hatte“, diese Gruppe charakterisierte.

Anfang der Sechziger Jahre war die Jugend darauf bedacht, der elterlichen Autorität zu entkommen. Da viele von ihnen eine längere und bessere Schulausbildung genossen hatten als ihre Eltern, wussten sie sehr gut, was in der Welt um sie herum passierte. Für sie war es nicht mehr selbstverständlich, alles einfach kritiklos hinzunehmen. Weil 1963 bereits einer von drei Jungen im Alter von 17 Jahren ein Moped besaß, konnten sie am Wochenende damit wegfahren. Ihre Lebenswelt wurde somit schnell größer als die ihrer Eltern jemals gewesen war. Das Fernsehen, das in diesen Jahren auf dem Weg zum großen Durchbruch war, öffnete danach das Fenster zur Welt vollkommen.

Nozems
Niederländische Jugendliche in den 1960ern: einer von drei Jungen im Alter von 17 Jahren besaß ein Moped, Quelle: NA (917-6119)

Geert Mak beschrieb treffend in Wie Gott verschwand aus Jorwerd, wie das Fernsehen den sozialen Zusammenhalt in einer kleinen dörflichen Gemeinschaft angriff. „In Jorwerd war bis in die Fünfziger Jahre hinein das Erzählen noch eine tägliche Beschäftigung. Jeden Tag saßen Männer und Jungen an der Brücke oder dem Wirtshaus zusammen. De Bonte Dinsdagavondtrein (dt. Der bunte Dienstagabendzug), um 1955 eine äußerst beliebte Radiosendung, riss zum ersten Mal eine Lücke in die Tradition. Damals kam das Fernsehen mit Geschichten, für die keine Phantasie mehr vonnöten war. So verschwand der Erzähler aus Jorwerd. Und damit verfiel eines der wichtigsten Mittel der Dorfgemeinschaft, um etwas eigenes unabhängig von Büchern, Fernsehen und anderen Medien der Stadt weiterzutragen. Das Dorf verlor damit nicht nur sein Herz, es verlor auch geradezu seine Erinnerungen.“

Die Zunahme an Freizeit und der zunehmende Wohlstand machten das Leben einfacher und angenehmer. Die Urbanisierung und die größere Mobilität sorgten dafür, dass immer mehr Menschen in Kontakt mit „Andersdenkenden“ kamen. So konnten sie durch eigene Erfahrung feststellen, dass die Mitglieder anderer Säulen ganz in Ordnung waren, während die Anführer „ihrer“ Säule immer vor ihnen gewarnt hatten. Dadurch wurde der Weg für die Entsäulung geebnet. Eine Entwicklung, die sich gleichzeitig in engem Zusammenhang damit vollzog, war die Säkularisierung. Dass die Kirche begann, eine weniger wichtige Rolle im Leben der Menschen zu spielen, war ein Prozess, der fast unbemerkt ablief. Seit den Sechziger Jahren war er jedoch überall spürbar.

Einheit in der Verschiedenheit?

In dieser kurzen Übersicht einiger Langzeitentwicklungen in der niederländischen Geschichte fallen einige bemerkenswerte Tatsachen ins Auge; in allererster Linie, dass die Niederlande als solche noch gar nicht so lange existieren: als politische Einheit sind sie noch keine zwei Jahrhunderte alt. Zweitens sind zwei Arten geografischer Verschiedenheit erkennbar: die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie die Unterschiede zwischen Holland und dem Rest des Landes. Auch wenn diese Unterschiede früher größer waren als gegenwärtig, sind sie immer noch vorhanden. Drittens ist, sowohl aus historischer Perspektive als auch in mentaler Hinsicht, wenig von Zusammengehörigkeit die Rede. Vor 1800 wurde auf lokale und regionale Autonomie viel mehr Wert gelegt als auf das Gefühl, Angehöriger der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen zu sein. Zwischen circa 1850 und 1960/1970 führte die Versäulung dazu, dass mentale, kulturelle und lebensanschauliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen viel stärker betont wurden als Ähnlicheiten.

Diese Gründe machen verständlich, warum die Suche nach den Wurzeln und den Charakteristika der niederländischen Identität nicht mit einer endgültigen Antwort beschlossen werden kann. In dieser Hinsicht ist die Anmerkung Prinzessin Maximas überhaupt nicht eigenartig. Die niederländische Identität oder der Niederländer wird selbst nach lebenslanger Suche nicht gefunden werden.


[1] Wortherkunft und Bedeutung unklar; Der Historiker James Kennedy behauptet, es handelt sich um ein Akronym von “Nederlands Onderdaan Zonder Enige Moraal” (dt.: niederländischer Untertan ohne jegliche Moral).

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Borgt, Carlo van der/Hermans, Amanda/Jacobs, Hugo (Hrsg.): Constructie van het eigene, Culturele vormen van regionale identiteit in Nederland, Amsterdam 1996.

Dekker, Ton/Roodenburg, Herman/Rooijakker, Gerard (Hrsg.): Volkscultuur, Een inleiding in de Nederlandse etnologie, Nijmegen 2000.

Mak, Geert: Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa, Berlin 1999.

Rieter, Olivier: Nostalgie, Met een roze bril omgaan met het verleden, Utrecht 2010.

Strouken, Ineke: Dit zijn wij, De 100 belangrijkste tradities van Nederland, Utrecht 2010.

WRR (Hrsg.):: Identificatie met Nederland, Den Haag/Amsterdam 2007, Online-Version

Personen

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