Volkskultur und Traditionen in den Niederlanden


III. ...viele einzelne Puzzleteile

Puzzle
Die Niederlande Anfang des 19. Jahrhunderts lassen sich am besten mit einer großen Anzahl einzelner Puzzleteile vergleichen, Quelle: Jeremy Crow/cc-by-nc

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden die Unzulänglichkeiten des politischen Systems so groß, dass die Republik 1795 am Ende war. Es folgten 20 turbulente Jahre, in denen in kurzen Abständen Veränderung auf Veränderung folgte. Erst 1815 kehrte mit dem Amtsantritt Willem I. als König des Vereinigten Königreichs der Niederlande wieder Ruhe ein. Willem I. übernahm viele Reformen, die in den vergangenen 20 Jahren eingeleitet oder durchgeführt wurden.

Die wichtigste Veränderung war, dass die Niederlande ein zentralisierter Einheitsstaat wurden. Fortan gab es Religionsfreiheit, inländische Zölle wurden aufgehoben, einheitliche Steuern und ein einheitliches Schulsystem wurden eingeführt. Im Grundgesetz wurden diese Reformen in unmissverständliche Worte gefasst. So stand da kurz und bündig geschrieben: „Die Generalstaaten repräsentieren das gesamte niederländische Volk.“ Im Gegensatz zur Zeit vor 1795 saßen die Abgeordneten nicht im Parlament, um spezielle Interessen einer Stadt oder einer Region zu vertreten, sondern um auf Ehre und Gewissen „die Gesamtinteressen“ zu wahren. Implizit wurde so festgestellt, dass ein „niederländisches Volk“ existierte, das als eine einheitliche politische Nation betrachtet wurde.

Die Niederlande der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lassen sich, wie der Amsterdamer Professor Piet de Rooy anschaulich beschreibt, am besten mit einer großen Anzahl einzelner Puzzleteile vergleichen. Mit etwas Abstand war zu erkennen, dass sie in Form und Farbe zueinander gehören, der Rand war festgelegt (die Reichsgrenze wurde 1839 international anerkannt), aber aus der Nähe betrachtet fiel auf, dass die Teile nirgends richtig ineinandergriffen. Vorläufig teilten Niederländer nur das Staatsgebiet miteinander.

Die internen Unterschiede waren immer noch gewaltig. Das wurde zum Beispiel an der Garderobe deutlich. An der Kleidung, die die Menschen trugen, war zu erkennen, welcher sozialen Schicht sie angehörten, aus welcher Region sie kamen und sogar, zu welcher Kirchengemeinde sie gezählt werden wollten. In Nordbrabant verriet die Form der Haube, ob eine Frau aus dem protestantischen oder katholischen Teil der Provinz kam. Bei den Männern war der Glaubensunterschied ebenfalls an den runden Hüten abzulesen: eine vorn nach unten geschlagene Krempe bei Katholiken, eine gerade Krempe bei den Protestanten. In Gebieten mit Regionaltracht waren die sozialen Statusunterschiede an Länge und Breite der Spitzenbordüren und an der Größe der Ohreisen[1] ablesbar. In Seeland ließen selbst Form und Umfang der Schuhschnallen erkennen, aus welchem Dorf der Träger stammte.

Ohreisen
Traditionelle friesische Tracht mit Ohreisen im Jahr 2010, Quelle: Andrys Stienstra/cc-by-nc-sa

Die regionalen Unterschiede waren auch an der Feierkultur erkennbar. So waren (und sind bis heute) in Drenthe, Overijssel und Geldern die „Osterfeuer“ beliebt. Nachbarn sammeln jede Menge Feuerholz und stapeln es zu einem riesigen Haufen auf. In katholischen Gegenden wird dieser Holzstapel am Sonntag angezündet, in protestantischen Gebieten einen Tag später. Am Abend des Pfingstsamstag ist die Polizei zwischen Delft und Den Helder in höchster Alarmbereitschaft. Dann wird in diesem Teil Hollands „luilak“ (wörtlich: Faulpelz) gefeiert. Andere Feste haben mehrere Zentren. Der Martinstag war und ist ein stark regional geprägter Brauch mit Schwerpunkten in Nordholland (vor allem nördlich des IJ), in Mittelfriesland, Norddrenthe, den Städten Groningen und Utrecht sowie in Mittellimburg. Wieder andere Feste sind nur an einem Ort bekannt. Bekanntes Beispiel dafür ist das Fest „Sint Piter“ (St. Peter) in Grou, auf halben Weg zwischen Heerenveen und Leeuwarden gelegen. Am 22. Februar wird dieser Freund der Kinder, der in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeit mit Sinterklaas (St. Nikolaus) aus Madrid aufweist, aber nicht als sein Zwillingsbruder betrachtet werden darf, dort immer noch gefeiert.

Die Niederlande waren seit der Regierungszeit König Willems I. ein Einheitsstaat. Ein stark entwickeltes Zusammengehörigkeitsgefühl fehlte jedoch noch immer. Der König wollte dieses Gefühl zielgerichtet wecken und stärken. Dabei wurde die Aufmerksamkeit vor allem auf zwei Gruppen gerichtet: die Kinder, die auf der Schulbank in „Niederlandekunde“ unterrichtet wurden, und die Armeerekruten.

Durch die Schulbildung sind Bürger im Stande, die von der Regierung getroffenen Maßnahmen anzuerkennen und damit umzugehen. Wenn in der Schule die Ideologie einer Nation betont wird, kann dies die Nationenformung weiter stärken. Fächer wie (vaterländische) Geschichte und Erdkunde geben Kindern das Bewusstsein, zu einer Nation zu gehören. Auch eine einheitliche Standardsprache, die in der Schule von der gesamten Bevölkerung erlernt wurde, ungeachtet der regionalen Herkunft, stärkte die nationale Kultur.

Dass für diese Prozesse ein sehr langer Atem nötig ist und dass das Ergebnis sicher nicht von vornherein feststeht, wird dadurch deutlich, dass sich das Friesische als eigenständige Sprache behaupten konnte. Nachdem Friesisch als Schulfach aus dem ersten Bildungsgesetz des Landes verschwand, kehrte es ungefähr eineinhalb Jahrhunderte später wieder zurück. Auch in Bezug auf die eigenen Organe machte die Regierung eine Kehrtwende: 1953 bzw. 1956 bestätigte die Staatsregierung das Recht, in der öffentlichen Verwaltung und in der Gerichtsbarkeit in der Provinz Friesisch zu sprechen oder zu schreiben. Auch die Dialekte sind nicht verschwunden, sondern in angepasster Form immer noch quicklebendig. Soviel zum Thema kulturelle Dynamik!

Armee
Königliche Luftwaffe 2010: Die Armee ist die zweite wichtige Gruppe, die das Gefühl nationaler Einheit weitertragen kann, Quelle: FaceMePLS/cc-by

Eine zweite wichtige Gruppe, die das Gefühl nationaler Einheit weitertragen kann, ist die Armee. Die wichtigste Funktion einer Armee ist die Verteidigung des Vaterlands gegen äußere Bedrohungen. Hierfür sind Vaterlandsliebe und bedingungslose Treue gegenüber dem Staatsoberhaupt zwei bedeutende Eckpfeiler. In den Niederlanden wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal eine nationale Wehrpflicht eingeführt, die den (männlichen) Bürger an einen nationalen Kader band. Diese Wehrpflicht hat sicher zur Einheit des Vaterlands beigetragen. Jedes Jahr wurden ganze Gruppen junger Erwachsener aus ihrer vertrauten lokalen Umgebung gerissen und anderswo kaserniert, inmitten von Schicksalsgenossen aus anderen Gegenden. Oft waren dies junge Männer, die zu anderen Glaubensgemeinschaften gehörten, die einen anderen Dialekt sprachen und die darüber hinaus ihrem Alltag auf ganz andere Weise mit Ritualen und Bräuchen Form gaben. Für Menschen vom Lande bedeutete dies oft, zum ersten Mal mit dem Stadtleben Bekanntschaft zu machen, denn viele Garnisonen waren in der Stadt stationiert. Sehr wichtig war, dass diese Soldaten das neu erworbene Wissen und ihre Erkenntnisse mit nach Hause nahmen.

Übrigens wurden nicht alle diesem Kulturschock ausgesetzt. Weil die Wehrpflicht bis zu fünf Jahre dauerte, wurde nicht jeder eingezogen: Im Durchschnitt wurden 40 Prozent einberufen. Darüber hinaus konnte ein „remplaçant“ (Ersatzmann) den Platz eines Wehrdienstpflichtigen einnehmen. Insbesondere die wohlhabenden sozialen Schichten heuerten solche Stellvertreter an.


[1] Schmuckteile, die zum Kopfputz der Frauentracht gehörten; Metallspangen, ursprünglich aus Eisen, später aus Gold, Silber oder Kupfer, die eine Haube fixieren.

Autor: Cor van der Heijden
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Borgt, Carlo van der/Hermans, Amanda/Jacobs, Hugo (Hrsg.): Constructie van het eigene, Culturele vormen van regionale identiteit in Nederland, Amsterdam 1996.

Dekker, Ton/Roodenburg, Herman/Rooijakker, Gerard (Hrsg.): Volkscultuur, Een inleiding in de Nederlandse etnologie, Nijmegen 2000.

Strouken, Ineke: Dit zijn wij, De 100 belangrijkste tradities van Nederland, Utrecht 2010.

WRR (Hrsg.): Identificatie met Nederland, Den Haag/Amsterdam 2007, Online-Version

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