Tanz, Theater, Kabarett


I. Einführung

P.C. Hooft
Porträt von P.C. Hooft, Quelle: F. van Goor

Nein, eine reiche Theaterkultur haben die Niederländer nicht. Goethe, Schiller, Shakespeare: Das waren leider alles keine Holländer. Und auch im frühen Mittelalter gab es keine reichen Könige oder Fürsten, die sich ein üppiges Hoftheater gegönnt hatten. Erst mit Joost van den Vondel und Pieter Corneliszoon Hooft werden die nüchternen, bürgerlichen Kaufleute aus den Niederlanden im 17. Jahrhundert an das phantasievolle Theaterspiel und die feine Dichtkunst herangeführt. Auch heute, anno 2009, ist die  Theaterszene in den Niederlanden überschaubar und führt fast traditionell ein kleines Dasein. „Obwohl es mittlerweile auch unter Jugendlichen en vogue ist, mal ein Theater zu besuchen”, sagt Henk Scholten, Leiter des Theaterinstituut Nederland (TIN).

Scholten ist mit den Entwicklungen in den vergangenen Jahren sehr zufrieden. „Unsere Regisseure und Produktionen sind im Ausland sehr beliebt”, sagt Scholten, der das TIN seit 2007 führt. Köpfe wie Johan Simons oder Ivo van Hove hätten sich gerade in Deutschland einen Namen gemacht. Simons wurde als Gastregisseur zur Ruhrtriennale 2003 eingeladen und war auch bei den Münchener Kammerspielen aktiv. Van Hove inszenierte 2008 ebenfalls bei der Ruhrtriennale.

Dass die niederländischen Theatermacher  im Ausland gehört werden, ist auch ein Verdienst von Henk Scholten und seinen Mannen. Das Theaterinstituut in Amsterdam ist zum einen eine Art Sammel- und Dokumentationsstelle für alles, was mit Theater zu tun hat. Und zum anderen fördert das TIN internationale Projekte. So wird „De Parade” – ein Sommerfestival, welches traditionell in Amsterdam, Rotterdam und Utrecht zu sehen ist – anlässlich der Kulturhauptstadt „Ruhr 2010” im Ruhrgebiet aufgeführt.

Die niederländische Theaterwelt ist übersichtlich. Nur in den großen Städten wie Amsterdam, Rotterdam, Utrecht, Den Haag, Groningen, Arnheim, Eindhoven und Tilburg gibt es eigenständige Theater- und Tanzensembles, darunter die bekannte Toneelgroep Amsterdam, das Nationale Theater und das Rotheater in Rotterdam. Die Nachfrage nach niederländischem Theater sei enorm gestiegen, sagt Scholten. „Wir haben vielleicht keine reiche Tradition, aber wir habe eine ganze Reihe interessanter Regisseure, die neue Wege beschreiten und experimentieren.” Der direkte Kontakt zum Publikum sei ein Markenzeichen, sagt Scholten.

Zu Beginn der 90er Jahre durchschritten die holländischen Theatermacher eine Krise. Es wurden weniger Stücke aufgeführt, das Repertoire wurde kleiner, die Schauspieler wurden älter und schieden aus. Es fehlte ein gesunder Unterbau, der sich jetzt wieder langsam formiert. Innerhalb des TIN sorgten Streitigkeiten für negative Schlagzeilen, aber diese seien beigelegt, sagt Scholten. Es gehe nun mit voller Kraft voraus. „Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber wir blicken jetzt nach vorne”.

Jahrelang waren die niederländischen Theater und das TIN unterfinanziert. Durch die Einführung der neuen Kulturfinanzierung unter Minister Ronald Plasterk ist mehr Geld ins System gekommen, von dem auch das TIN profitiert. Fünf bis acht Millionen Euro fließen zusätzlich für die Theatergesellschaften, die allerdings Extraaufgaben dafür verrichten müssen, wie zum Beispiel  Schul- oder Integrationsprojekte für Ausländer.

Die neue Kulturförderung setzt klare Strukturen. Seit 2009 erhalten acht Theatergesellschaften im Land eine so genannte Basisinfrastruktur. Das heißt, dass diese Gesellschaften sich künftig nicht mehr alle vier Jahre um Subventionen bewerben müssen, sondern eine dauerhafte Förderung bekommen. Das Ministerium gab vor, dass die acht Gesellschaften jeweils in Rotterdam, Amsterdam, Den Haag, sowie im Norden, Osten, Süden und in der Mitte des Landes beheimatet sein müssen. Andere Theatereinrichtungen werden seit Januar 2009 nicht mehr direkt vom Ministerium beurteilt, sondern sie müssen sich an den neuen Fonds voor de Podiumkunsten wenden. Nicht alle können vom Staat unterstützt werden. Insgesamt haben die Theatereinrichtungen Subventionen in Höhe von 52 Millionen Euro angefragt. 31,7 Millionen Euro standen für die Jahre 2009 bis 2012 zur Verfügung.

Der Raad voor Cultuur, das wichtigste politische Beratungsorgan in den Niederlanden, schreibt in seiner Studie Innoveren, participeren! aus dem Jahr 2008, dass sich das niederländische Theater in den vergangenen vier Jahren sehr in die Breite entwickelt habe und dass die großen Theatersäle wieder mehr im öffentlichen Interesse stehen. „Es gibt unter den Theatermachern wieder ein neues Interesse an einem politisch engagierten Theater. [...] In allen Theaterdisziplinen wird viel mit neuen Medien experimentiert und dies hat in einigen Fällen zu sehr erfolgreichen Produktionen geführt.“

Im Gegensatz zu Henk Scholten ist der Raad voor Cultuur der Auffassung, dass das niederländische Theater auf internationalem Parkett an Einfluss verloren hat. Zwar gebe es niederländische Regisseure an deutschen oder belgischen Theatern, aber generell habe das Interesse an niederländischen Produktionen abgenommen. Auch seien kaum ausländische Stücke in den Niederlanden zu sehen. Lediglich das Holland Festival oder die Rotterdamse Schouwburg wagen sich an internationale Stücke.

„Vielleicht ist dies ein Zeichen dafür, dass sich die Qualität nicht weiterentwickelt hat: Junge Talente sind in den vergangenen Jahren kaum nachgewachsen. Das niederländische Theater vermisst diese Impulse“, so der Raad und macht den großen Theatergesellschaften den Vorwurf, zu wenig Verantwortung für die jungen Talente zu übernehmen. Gleichwohl erkennt das unabhängige Regierungsorgan, dass die Theater nach wie vor mit zu wenig Geld ausgestattet werden und darunter vor allem die Nachwuchsarbeit leide.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
März 2009


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Oberstes Beratungsgremium der nld. Regierung in Sachen Kultur Raad voor Cultuur

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