ARCHIV Kultur - Kurzbeitrag



Fernsehsender Talpa wühlt niederländische Medienlandschaft auf

 
Seit anderthalb Wochen wühlt Medienmogul John de Mol die niederländische Fernsehlandschaft mit seinem neuen Privatsender Talpa auf. Talpa bedeutet in lateinischer Sprache Maulwurf, was ins Niederländische mit „mol“ übersetzt wird. Führte Talpa am ersten Abend, wie aus Zahlen des Einschaltquotendienstes „Kijk- en Luistonderzoek“ hervorgeht, mit 14,8 Prozent Marktanteil noch die Quotenrankings der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender an, bröckelten in den vergangenen Tagen die Zuschauerzahlen immer weiter ab. Die Nachrichtenrubrik NSE (Nachrichten, Sport und Entertainment) erreichte nur noch fünf Prozent der Zuschauer, während die Konkurrenzsendung auf RTL - „RTL Boulevard“ - über 20 Prozent der Zuschauer für sich gewinnen konnte. Jedoch sieht man bei Talpa keinen Grund zu Sorge: „Wir sind erst eine Woche auf Sendung. Wir brauchen Zeit, um zu wachsen. Das war bei „RTL Boulevard“ genauso. Der Zuschauer muss sich erst an unsere Sendungen gewöhnen“, wird ein Talpa-Pressesprecher in der Tageszeitung „Haagsche Courant“ zitiert.

Der Medienmilliardär John de Mol soll 200 Millionen Euro in den Sender investiert haben, berichtet die Tageszeitung „Die Welt“. Im Vorfeld sorgten kleinere Skandal über neue Sendeformate für Aufmerksamkeit. So plane man eine Neuauflage der Big Brother Show bei der es zu einer Live-Geburt im Fernsehen kommen soll. Auch werde eventuell eine so genannte Spermashow produziert mit dem Arbeitstitel „Ich will dein Kind und sonst nichts.“ Die Spermashow konkurriert dabei mit einem Programm über fünf Prostituierte, die aus dem horizontalen Gewerbe aussteigen und eine Kneipe eröffnen wollen. Der Zuschauer darf entscheiden, welches Programm schlussendlich produziert werden soll.

Sensation statt Langeweile

Lob nach dem Sendestart gab es für die Sportübertragung der niederländischen Fußball-Eredivisie, vergleichbar mit der Bundesliga. Zwar würden die vielen Werbeblöcke den ein oder anderen Zuschauer nerven, die Präsentation der Fußballergebnisse sei aber weitaus moderner, mit anschaulichen Grafiken aufgepeppt und durch Interviews mit Fußballfans publikumswirksamer, wie die niederländische Tageszeitung „Algemeen Dagblad“ berichtet. Kurzum: viele Emotionen und Sensationen, statt öffentlich-rechtliche Langeweile.

Der 50-jährige De Mol hat sich viel vorgenommen. „Wir streben zehn Prozent Markanteil an“, sagte de Mol im Interview mit der Tageszeitung „Het Parool“. Um dieses Ziel zu erreichen hat er sich bei bereits bestehenden Sendern mit Personal eingedeckt. Jack Spijkermann vom öffentlich-rechtlichen Sender VARA zählt mit Beau van Erven Dorens (zuvor RTL), Caroline Tensen und Linda de Mol (beide zuvor Tros) zu den Zugpferden von Talpa.

Mix aus Entertainment, Drama, Reality-Show und Sport

Für die Werbe-Experten ist Talpa ein ernstzunehmender Sender. Drei bis vier Prozent des Werbeetats von Unternehmen würde im kommenden Jahr an Talpa gehen, was umgerechnet 25 bis 30 Millionen Euro Verlust für andere Sender wie RTL, SBS und Nederland 2 entspricht, so schätzt Werbeexpertin Marjon Vaartjes in der Tageszeitung „De Volkskrant“.

John de Mol wagt sich nicht nur auf einen scheinbar übersättigten Fernsehmarkt sondern trifft auch den Nerv der niederländischen Politik. Nach der Sommerpause sollen Verhandlungen zur Reform des niederländischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks im niederländischen Parlament fortgesetzt werden. Die Regierung Balkenende will den Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkvereine einschränken. Unterhaltungsformate sollen ganz den Privatsendern überlassen werden. Der Mix aus Entertainment, Drama, Reality-Shows und Sport beim Fernsehsender Talpa könnte beim niederländischen Publikum ankommen. Und „Maulwurf“ John de Mol hätte wieder ein neues Kapitel niederländischer Fernsehgeschichte geschrieben.

Autorin: Katrin Arntz
Erstellt: August 2005


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