Modedesign in den Niederlanden


III. Die niederländischen Protagonisten der Haute Couture

Vikto&Rolf Ein Stück aus der Kettensägenmassaker-Kollektion
Viktor & Rolf: Ein Stück aus der Kettensägenmassaker-Kollektion, Quelle: Yvonne Gao/cc-by-nc-sa

Viktor & Rolf

Viktor Horsting und Rolf Snoeren sind wohl die berühmtesten Designer der Niederlande. Sie treten gerne als Zwillingspaar auf und gelten auch deswegen als die Gilbert & George der Mode. Nur nennen sie sich Viktor & Rolf. Viele Entwürfe von Viktor & Rolf und auch ihre spektakulären Shows wirken so, als wären sie ein bewusster Gegenentwurf zur calvinistischen Vergangenheit und der damit einhergehende Nüchternheit und dem gelebten Konformitätsdrang. Viktor & Rolf wollen – so scheint es – eher aufmüpfig, provokant und durchaus barock sein, zum Beispiel mit dem Kleid aus der Kettensägen-Massaker-Kollektion: In einen Rock aus steifem Tüll sind kreisrunde Löcher geschnitten, durch die man auf die Beine der Trägerin schauen kann.

Viktor & Rolf wurden beide 1969 geboren. Mit achtzehn Jahren lernten sie sich an der Kunstakademie in Arnheim kennen. „Kreative Ehe“ nennen sie ihre enge Zusammenarbeit heute. Nach dem Diplom 1992 taten sie sich als Designer-Duo zusammen. Es war der Anfang einer fortan erfolgreichen Modelaufbahn. Schon im darauffolgenden Jahr gewannen sie den prestigeträchtigen Talentwettbewerb in Hyères. Doch dieser bedeutete noch nicht den Durchbruch. Die ersten Jahre waren ökonomisch mühsam und eher eine Zeit der Experimente.

Die beiden jungen Männer, die nie ein Liebespaar waren, teilten sich ein möbliertes Zimmer und ließen sich zunächst bei dem belgischen Konzeptdesigner Martin Margiela und dem Franzosen Jean Colonna ausbilden. Abends schufteten sie dann gemeinsam an ihren eigenen Projekten. Diese blieben mehr oder weniger ohne Resonanz und damit erfolglos.

1996 traten Viktor & Rolf deswegen in einen Streik – gegen die allgemeine Missachtung ihrer Mode. Sie entwarfen keine neue Kollektion mehr, sondern publizierten stattdessen Flugblätter. Die Straßen von Paris überfluteten sie mit einem selbst fotokopierten Magazin in tausendfacher Auflage. Die Coverzeile lautete: „Viktor & Rolf on strike“ – Performance statt Mode. Oder besser gesagt: mehr Kunst als Mode.

Viktor & Rolf Ein Stück aus der Bedtime Story-Kollektion 2005
Viktor & Rolf: Ein Stück aus der Bedtime Story-Kollektion 2005, Quelle: Peter Stigter/NBTC

Ihre lang ersehnte Anerkennung als Modeschöpfer kam erst 1998 auf der Pariser Modewoche mit ihrer Underground-Show. Apokalyptisch und provozierend präsentierten sie ihre Kollektion – mit Atombomben-Silhouetten. Ihr Atompilz-Kleid schaffte es bis zum Bild der Woche des Time-Magazins. Das war die Anerkennung, die sie suchten und brauchten. Sie fingen nun an, Akteure ihrer eigenen Schauen zu werden. Für die „Babuschka-Kollektion“ erschienen sie selbst auf der Bühne, um Model Maggie Rizer alle Outfits übereinander anzulegen – insgesamt neun Schichten Kleidung. Zum Schluss trug das Model die gesamte Kollektion des Designerduos übereinander.

Das Problem: Zwar genoss die Modewelt die extravaganten Konstruktionen und den unkonventionellen Auftritt der beiden in ihren Shows, doch Viktor & Rolfs Mode galt als untragbar. Ihre Strategie wurde zu einem unternehmerischen Vabanquespiel. Bis Franco Pene, Chef der italienischen Firma Gibo, kam. Er erkannte das kommerzielle Potenzial der Kollektionen von Viktor & Rolf. Er schlug den beiden vor, ihre untragbare Couture-Linie in eine tragbare Prêt-à-Porter-Line zu übersetzen. Das war der Sprung von der Konzeptkunst in die Kommerzmode.

Auch wenn heute Viktor & Rolfs Mode immer tragbarer wird, bleiben die beiden doch ihrer Mischung aus Modenschauen, Spektakel, Show und Theater treu. So konnten sie zum Beispiel zuletzt ihre Muse, die britische Schauspielerin Tilda Swinton, zu Ehren der Zehn-Jahre-Geburtstags-Show, als Model gewinnen. Viktor & Rolf zelebrieren weiterhin die Persiflage und die Übertreibung. Dazu gehören riesige Kragen, überdimensionale Knöpfe und gewaltige Schleifen. Dass dabei Extravaganz durchaus auch mal massentauglich sein kann, zeigte ihr V-Ausschnitt-Oberteil mit sieben übereinander genähten Hemdkragen. Er wurde zum Klassiker.[1]

Marlies Dekkers´ berühmtes
Marlies Dekkers´ berühmtes "bare buttock dress", Quelle: Gerard Stolk/cc-by-nc

Marlies Dekkers

Marlies Dekkers, geboren 1965, ist eine Spezialistin für sinnliche Lingerie. Die junge Niederländerin studierte zunächst Modedesign an der Saint Joost Akademie für Kunst und Design in Breda. Mit ihrer Abschlusskollektion 1991 geriet sie erstmals in den Blickwinkel einer breiten Öffentlichkeit: Bei der Fashionshow zu diesem Anlass präsentierte sie ihr berühmtes „bare buttock dress“ (dt. „Gesäßentblößendes Kleid“). Sie wurde zur besten Studentin ihrer Akademie ernannt und erhielt ihre erste Auszeichnung als Designerin, den Zeebelt Prize.

Seitdem entwirft Marlies Dekkers Dessous für Frauen, in denen sich Frauen schön und verführerisch, aber auch stark und unabhängig fühlen. 1993 gründete sie ihre eigene Wäsche-Firma mit dem Namen undressed. 1994 wurde sie mit dem Dutch Bodyfashion Award ausgezeichnet. 1997 hatte sie bereits ihre eigene Ausstellung mit Modezeichnungen in der Kunsthalle Rotterdam.

1998 traf sie in Hongkong den Textil-Produzenten Andrew Sia, der in ihr Unternehmen investierte. Von nun an ließ sie ihre Kollektionen in Hongkong produzieren und konnte damit ihre Firma aus finanziellen Schwierigkeiten retten. Im Jahr 2000 benannte sie ihr Label in marlies dekkers um. Drei Jahre später, zum zehnjährigen Bestehen ihrer Firma, eröffnete sie den ersten Marlies Dekkers-Store in Antwerpen.

Marlies Dekkers´ Store
Marlies Dekkers´ Store, Quelle: thinkretail/cc-by-nc

Von nun an sammelte sie Preise: 2004 überreichte ihr die Modezeitschrift Elle den Innovator of the Year-Award. Die größte Ehre wurde ihr 2005 zuteil, als die niederländische Textilorganisation sie zum „Grand Seigneur“ ernannte. 2007 folgte die Wahl zur Unternehmerin des Jahres der Niederlande und 2008 der Creator of the Year-Award. Heute kreiert Marlies Dekkers auch Bademode – so aufregend und ungewöhnlich wie ihre Dessous. Ihre Stores sind mittlerweile weltweit zu finden.

Alexander van Slobbe

Anfang der 1990er Jahre begann Alexander van Slobbe , geboren 1960, als Modedesigner auf sich aufmerksam zu machen. Heute gehört er zu den Niederländern, die sich in der internationalen Mode etabliert haben. Er gilt im Gegensatz zu den expressiven und oft barock anmutenden Viktor & Rolf als Minimalist. Das Kleinteilige ist ihm sehr wichtig. Es geht ihm weniger um die Show, als vielmehr um das eigentliche Design.

An der Kunstschule in Arnheim ließ er sich ausbilden, bevor er 1989 mit seinem Label Orson+Bodil seine ersten beruflichen Schritte machte. 1993 gelang ihm der internationale Durchbruch mit der Marke So. Vor allem in Japan wurde er dafür sehr gefeiert. Gut zehn Jahre später nahm er bewusst Abstand von seinem bisherigen Erfolgskonzept (in Asien) und eröffnete einen exklusiven Shop mit Kleidung seiner Marke Orson+Bodil in den Niederlanden. Diese Marke will vor allem für exklusives Handwerk stehen. Die Produktion ist klein, manche Jacken werden in einer Stückzahl von nicht mehr als 30 angefertigt.

Alexander van Slobbe ist mittlerweile in den Niederlanden eine Institution in Sachen Mode. Er arbeitet heute deswegen auch sehr intensiv mit anderen Designern und Unternehmen zusammen. Dabei hilft ihm die Tatsache, dass er an der Kunstakademie Arnheim als Dozent arbeitet und inzwischen ein großes Netzwerk aufgebaut hat.

2004 initiierte er mit Guus Beumer die Stiftung Co-Lab, um junge Modedesigner zu unterstützen. Für Van Slobbe ist die Mode in den Niederlanden heute lebendiger als je zuvor. In einem Interview sagte er kürzlich: „In den Niederlanden wird Mode endlich als eine Disziplin von Design akzeptiert.“ [2]

Iris van Herpen

Iris van Herpen ist eines dieser Talente, auf das die Fashionszene seit ihrem Abschluss 2006 an der ARTEZ Kunstakademie Arnheim ein Auge hat, schrieb die Zeitschrift Elle vor knapp einem Jahr.[3] In den Niederlanden wird die heute 30-jährige Van Herpen als Shootingstar gefeiert. 2010 erhielt sie den Mercedes-Benz Dutch Fashion Award. Spätestens seit dieser Auszeichnung ist sie auch international bekannt und natürlich längst auf fast allen großen Modemessen der Welt vertreten.[4]

Iris van Herpen futuristische Mode
Iris van Herpen: futuristische Mode, Quelle: Kulturtrends/cc-by-nc-sa

Auch ist sie inzwischen eines der jüngsten Mitglieder der Haute Couture in Paris. Ihre Entwürfe erinnern ein wenig an sehr futuristische Versionen der höfischen Mode . „Meine Kreationen haben aber auch einen starken Bezug zur Natur“, sagte sie in einem Gespräch mit Die Zeit. Vieles in ihren Kollektionen entsteht intuitiv, andere Entwürfe sind klar durchdacht und strukturiert wie beispielswiese ihr 3D-Prints aus Hartplastik.

Diese avantgardistischen Kleider in 3D-Optik waren zuletzt die Hingucker der Pariser Haute Couture-Schauen. Die Kreationen werden von Stars wie Lady Gaga oder Björk getragen. Bei Van Herpens 3D-Technik, die normalerweise in der Medizin verwendet wird, muss jedes Detail am Computer genau geplant werden, bevor es hergestellt wird. Freilich sind nicht alle Entwürfe aus ihrer Hand auch wirklich tragbar. Die Proportionen der Kleider sind nicht dem Körper angepasst, sie verformen und erweitern ihn auf bizarre Weise. Das eine Mal wirkt ein Kleid wie ein Käfig aus versteiftem Leder, das andere Mal ist es aus vielen Halskrausen zusammengesetzt – ähnlich wie bei Viktor & Rolf setzt Van Herpen also bewusst auf den Überraschungseffekt. Kein Wunder, dass sie sich genauso stark als Künstlerin wie als Modedesignerin sieht.

Jan Taminiau

Der Modedesigner Jan Taminiau ist ein Technik-Freak. Der 32-Jährige aus Amsterdam mischt gerne Materialen in seine Entwürfe, die zunächst einmal überhaupt nicht den Kleidern und ihrem Design zu passen scheinen – beispielsweise benutzt er grobes Leinen und Postsäcke mit Streifen der niederländischen Flagge für ein Abendkleid. Taminiau entstammt einer Tilburger Familie von Antikhändlern, Dekorateuren und Designern. Mit seinen poetischen Kreationen hat er sich nicht nur in den Niederlanden, sondern in fast allen Modeplätzen der Welt – vor allem in Paris – einen Namen gemacht.

Der junge Taiminiau besuchte zunächst die Europäische Schule für Antiquitäten in Antwerpen, später die Kunstakademie St. Joost in Breda. Sein Weg zeichnet sich aber noch nicht ab – später wird er sagen, dass er zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht zu seiner Bestimmung gefunden hatte. Nach einer zweijährigen Weltreise begegnet er Susan Train, der legendären Chefin des Vogue-Büros in Paris. Das Treffen ist für ihn wegweisend – sie inspiriert ihn, weiter an sich zu glauben. Taiminiau besucht schließlich die Hochschule für Kunst in Arnheim und findet seinen Zugang zur Welt der Mode. Nach einem Masterkurs am Fashion Institute Arnheim und einem Praktikum bei Hubert Barrere in Paris beginnt er an seiner eigenen Kollektion zu arbeiten. An ihr lässt sich bereits sein späteres Stil erkennen: romantisch, elegant, eigensinnig. Die Basis seiner Arbeit ist immer die gleiche: Er will mit seiner Arbeit dem Leben den Spiegel vorhalten. Seine Mode soll eine Art Reflexionsplattform sein. Alles, was der Designer Taiminiau im täglichen Leben erlebt, soll Ausdruck in seiner Arbeit finden.

Zu seinen Kunden zählt heute sowohl die niederländische Königsfamilie als auch Moderatorin Sylvie van der Vaart oder Pop-Queen Lady Gaga. Auf der Welt-Garten-Expo Floriade 2012 in Venlo präsentiert Taiminiau während der Dauerausstellung fünf ausgewählte Entwürfe seiner „Nature Extends“-Kollektion. Die Kleider, die den Kriterien Natur und Nachhaltigkeit entsprechen, waren in der Villa Flora zu sehen.


[1] Vgl.: Bärnthaler, Thomas: Die Unzertrennlichen: Viktor & Rolf, Onlineversion.
[2] www.gelderlander.nl/geniet/exposities/article6263578.ece
[3] www.elle.de/Designer/Iris-van-Herpen_1526069.html
[4] Mehr zur Person Iris van Herpen in unserem Personen A-Z.

Autor: Martin Roos
Erstellt:
Februar 2013


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Kurzbeitrag Dutch Design-Sommerausstellung

Weitere Informationen in unserem Dossier Dutch Design

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Elpers, Sophie: Frau Antje bringt Holland – Kulturwissenschaftliche Betrachtungen einer Werbefigur im Wandel, Münster 2005.

Teunissen, José: Mode in Nederland, Arnheim 2006.

Personen

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