Das Mediensystem der Niederlande


VII. Radio in den 1920er Jahren

Auf dem Gebiet der Telekommunikation war der Fabrikant Hanso Schotanus à Steringa Idzerda ein Pionier. In seiner Firma Nederlandse Radio Industrie stellte er Empfangsgeräte her. Am 6. November 1919 sendete er aus seiner Wohnung in Den Haag die erste Radiosendung. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Ansprache und leichter Musik. Das Programm war beliebt, aber finanziell nicht sehr erfolgreich. Steringa Idzerda baute (vergeblich) auf freiwillige Beiträge seiner Hörer. Hinzu kam, dass die Nederlandse Seintoestellen Fabriek (NSF) ab 1923 einen parallelen Sendebetrieb aufbaute. Dort konnte jeder Sendezeit mieten. Als erster Senderverein entstand der Hilversumsche Draadloze Omroep (HDO), später Algemene Vereniging Radio Omroep (AVRO). Sein Programm lief an vier Tagen in der Woche. 1924 musste Steringa Idzerda aufgeben.

Kein nationaler Sender

Dafür entdeckten religiöse und politische Gruppen das Medium Radio als ideales Verbreitungsmittel ihrer jeweiligen Botschaft. An dieser Stelle muss noch einmal das Phänomen der Versäulung hervorgehoben werden: So wie die Katholiken, freien Protestanten, Calvinisten und Sozialisten ihre eigenen Sportvereine, Schulen und Gewerkschaften ins Leben riefen, so gründeten sie auch Radiosender, die das eigene Klientel bedienten. Den Anfang machten die Protestanten. Im Herbst 1924 gründeten sie die Nederlandsche Christelijke Radio Vereeniging (NCRV) und mieteten von der NSF einen Sendeabend pro Woche. Die Katholiken (Katholieke Radio Omroep, KRO) sendeten ab November am Dienstagabend, dicht gefolgt von den Sozialisten (Vereeniging van Arbeiders Radio Amateurs, VARA). Erst im Mai des nächsten Jahres entstand der Vrijzinnig Protestantse Radio Omroep (VPRO), das Organ der freien Protestanten. Willem Vogt (1888 bis 1973), Chef des HDO und der späteren AVRO, versuchte lange, einen nationalen Sender unter eigener Regie zu schaffen, der die gesamte Gesellschaft repräsentieren sollte. Sein Plan scheiterte. Dies lag zum Teil an der eigenen Arroganz, zum Teil aber auch am Widerstand der anderen Sendervereine. Bis 1966 bestimmten diese fünf Sendervereine alleine das Gesicht des öffentlichen Rundfunks. Abseits davon begann Philips 1927 mit einem Kurzwellenprogramm für die ostindischen Kolonien, Philips Omroep Holland Indie (PHOHI). Es war der Vorläufer des späteren Wereldomroep, des Senders für Niederländer in aller Welt.

Kooperation zwischen den Vereinen war undenkbar, die gemeinsame Nutzung von Studios und Personal ebenfalls. Der Konkurrenzkampf beschränkte sich nicht auf eigenständige Organisation und Programm, es kam zu ersten Streitereien um Sendezeit. Aus Angst vor der mächtigen AVRO bauten sich NCRV und KRO in Huizen einen zweiten Sender, den nur sie allein bestückten und der später zu Hilversum 2 wurde.

Die Politik schaltet sich ein

1930 legte der Minister van Waterstaat, zuständig für Radio als Verkehrsmittel, im Sendezeitenbeschluss fest, dass die vier großen Sendervereine je 20 Prozent der vorhandenen Sendezeit erhalten sollte, der VPRO 5 Prozent und kleinere Interessengruppen die restlichen 15 Prozent. Es war das erste Mal, dass sich der Staat in die Geschicke der Sender einmischte. Er schuf auch, lange vor der Besatzung durch die Nationalsozialisten, eine Zensurinstanz, die Radio-Omroep Controle-Commissie (ROCC). Die Kommission hatte auf die Einhaltung der guten Sitten sowie auf die Vermeidung von Diskriminierung anderer Lebensanschauungen zu achten. Vier Wochen vor der Sendung mussten die Vereine ihre Pläne einreichen. Ab Mitte der 1930er Jahre wurde Kritik am politischen System fast unmöglich. Dabei ging es den Sendervereinen in erster Linie nicht um neutralen Journalismus, sondern um die Verbreitung und Behauptung ihrer Lebensanschauung. Sie sendeten von Beginn an eine Mischung aus Wort und Musik: Reportagen, Kommentare, Lesungen, Hörspiele und Gottesdienste. Die Musikfarbe war vorwiegend klassisch, es gab aber auch Fenster für leichte Musik. Was Steringa Idzerda nicht gelungen war, schafften die Sendervereine: Sie finanzierten sich durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder. Rundfunkgebühren sollten erst unter den deutschen Besatzern eingeführt werden.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause


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Wijfjes, H.: Die niederländische Medienlandschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Wielenga, Friso/Wilp, M. (Hrsg.): Nachbar Niederlande. Eine landeskundliche Einführung, Münster 2007, S. 273–304.

Heuvel, H. van den: Nationaal of verzuild. De strijd om het Nederlandse omroepbestel in de periode 1923-1947, Baarn 1976.

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