Das Mediensystem der Niederlande


III. 19. Jahrhundert bis 1940: Presseentwicklung

1869 befreite der Staat die Presse von der oben erwähnten im Jahr 1674 eingeführten Zeitungssteuer (dagbladzegel). Damit löste er einen wahren Boom auf dem niederländischen Zeitungsmarkt aus. Während es im Jahr der Abschaffung der Steuer nur neun Tageszeitungen gab, stieg ihre Zahl bis zum Jahr 1894 auf 62. Dazu kommt noch eine nicht geringe Anzahl an Wochen- und Monatsmagazinen. Die niedrigeren Abonnement-Gebühren führten zu einem Anstieg der Verkaufszahlen und einem Aufblühen des Anzeigenmarktes. Doch nicht nur diese Faktoren waren in diesem Zusammenhang relevant. Da die Verfassung von 1848 Schulfreiheit garantierte und daraufhin der Anteil konfessioneller Schulen wuchs, stieg auch der Anteil der Bevölkerung, der lesen konnte. Die einsetzende Industrialisierung schuf eine Unterschicht, die sich zu organisieren begann und ihre Rechte einforderte. Das allgemeine Wahlrecht sorgte für reges politisches Leben. Neue Parteien wurden gegründet. Außerdem machte die technische Entwicklung gewaltige Fortschritte: Papier musste nicht mehr mit der Hand geschöpft werden, sondern ließ sich maschinell produzieren. Die Erfindung der Rotationspresse beschleunigte den Zeitungsdruck.

Versäulung der Presselandschaft

In dieser Zeit entwickelte sich eine Presselandschaft, die vor allem durch gegensätzliche Lebensanschauungen gekennzeichnet war. Als Reaktion auf die liberalen Blätter Algemeen Handelsblad und Nieuwe Rotterdamsche Courant entstand zum Beispiel die katholische Zeitung De Maasbode. Streng calvinistisch war De Standaard, der sich explizit an eine weniger wohlhabende Leserschaft richtete. Jahre später stießen die Organe der Sozialisten, Recht Voor Allen, Het Volk und andere dazu. Aber auch unter katholischen oder liberalen Zeitungen gab es große Meinungsunterschiede zu tagesaktuellen politischen Fragen.

Sie alle verstanden sich weniger als Vertreter einer freien Presse als vielmehr als Sprachrohr ihrer politischen oder religiösen Gruppe. Das Pressesystem wurde also Teil der versäulten Gesellschaft, in der alle Lebensanschauungen danach strebten, so homogen wie möglich zu bleiben und so viel Einfluss wie möglich zu erreichen.

Die Blütezeit der Presse

Neben der Lust an der Auseinandersetzung bildete sich auch der Hang zum Viel-Lesen heraus. Zeitschriften wie Nederlandsche Gedachten, De Spectator oder De Heraut erlebten um die Wende zum 20. Jahrhundert ihre erste Blütezeit. Dabei begann der Prozess der „Entsäulung“ der Presse weitaus früher als in den 1960ern. Um die Wende zum 20. Jahrhundert kamen die Vorläufer der ersten Massenblätter auf den Markt. Dabei handelte es sich um Zeitungen, die, um ausreichend Werbung einkaufen zu können, sich an ein möglichst großes Publikum wenden mussten. Das schloss auch das weniger zahlungskräftige Publikum der unteren Mittelschicht und Teile der Arbeiterschaft mit ein. Die Zeitungsmacher mussten weniger tendenziös, allgemeinverständlich und unterhaltender arbeiten als ihre Kollegen bei den versäulten Titeln. Beispiele sind in dieser Hinsicht De Echo und De Telegraaf.

Die versäulten Tageszeitungen kopierten als Reaktion auf diese Entwicklung die Idee und brachten als zweites Standbein eigene, populäre kleine Blätter heraus. Sie brachten den Redakteuren ein noch heute relevantes Dilemma ins Bewusstsein: Die Notwendigkeit, eine Zeitung nicht nur machen, sondern auch verkaufen zu müssen. Gleichzeitig schärfte dieses Phänomen das Bewusstsein für eine sorgfältige Berichterstattung. Nun wurde es auch leichter, Zeitungen ohne ideologische Farbe herauszugeben. Bis zum Beginn der deutschen Besatzung im Mai 1940 sollte der Anteil neutraler Blätter auf circa 50 Prozent steigen.

In den 1920er Jahren erhielt das Wachstum auf dem Zeitungsmarkt den ersten Dämpfer durch den neuen Konkurrenten Radio. Zudem zwang die Weltwirtschaftskrise viele Zeitungen zur Rationalisierung: Einige Titel fusionierten, viele mussten den Betrieb jedoch ganz aufgeben. Es entstanden erste Konzerne, die mehrere Zeitungen auf sich vereinigten – man denke zum Beispiel an den Telegraaf-Konzern und NV De Arbeiderspers. Trotzdem ist die Zahl der Tageszeitungen zum Ende der 1930er Jahre beeindruckend: 120 Titel in einer Gesamtauflage von gut zwei Millionen Exemplaren, viele mit einer Morgen- und Abendausgabe. Das bedeutet, dass über 80 Prozent aller Haushalte mit einer Zeitung versorgt waren – meist sogar im Abonnement. Die Zeitung war zum Massenmedium geworden. René Vos teilt in seiner Dissertation Niet voor publicatie. De legale Nederlandse pers tijdens de Duitse bezetting (1988) die Presselandschaft von 1940 in die folgenden wichtigsten Organe ein:

  • für die Katholiken De Tijd, Het Centrum, De Maasbode und de Volkskrant
  • für konservative Protestanten De Standaard, Christelijk Sociaal Dagblad und De Nederlander
  • die Sozialdemokraten lasen Het Volk
  • die Kommunisten Het Volksdagblad
  • Liberale Kreise griffen zum Algemeen Handelsblad oder zur Nieuwe Rotterdamsche Courant
  • Schließlich gab es noch das nationalsozialistische Organ Het Nationale Dagblad.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2015, André Krause


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bardoel, J. : Media in Nederland. Feiten en structuren. Groningen 1997.

Baschwitz, K.: De krant door alle tijden. Amsterdam 1949.

Schneider, M.: De Nederlandse krant. van ‚nieuwstydinghe’ tot dagblad. Barn 1978.

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