Das Mediensystem der Niederlande


XI. Herausforderungen und Perspektiven

Die traditionellen niederländischen Medien stehen zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor zahlreichen Herausforderungen, von denen in diesem abschließenden Kapitel einige näher beleuchtet werden sollen. Einleitend ist auf den Umgang mit der veränderten Mediennutzung junger Menschen zu verweisen. Sowohl Tageszeitungen beziehungsweise Zeitschriften als auch Fernsehsender – hier ist allen voran an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu denken – suchen vor diesem Hintergrund nach innovativen Konzepten, die ihnen neue Perspektiven im 21. Jahrhundert eröffnen.

Blendle

Wie bereits dargelegt sind Printmedien insbesondere seit der Jahrtausendwende mit signifikanten Auflagenrückgängen konfrontiert.[1] Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma könnte das niederländische Micropayment-System Blendle darstellen. Das Start-up-Unternehmen wurde im Jahr 2013 von Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn ins Leben gerufen. Auf der Online-Präsenz von Blendle haben Internetnutzer die Gelegenheit, Überschriften und Einleitungen von Artikeln aus überwiegend niederländischen Tageszeitungen und Zeitschriften zu lesen. Zu den populärsten Titeln zählten laut der Homepage des Online-Kiosks im April 2015 de Volkskrant, nrc.next, das NRC Handelsblad, die Trouw und De Telegraaf. Populär waren ebenfalls politische Meinungsblätter wie Elsevier, Vrij Nederland und De Groene Amsterdammer sowie Magazine wie Quote, Quest und Panorama. Wenn Interessierte einen vollständigen Artikel lesen möchten, müssen sie dafür bezahlen. Der Preis ist abhängig von der Länge des Textes: Kürzere Nachrichten kosten in der Regel circa 0,15 Euro, längere Hintergrundartikel circa 0,89 Euro. Diese Preise werden von den einzelnen Tageszeitungen beziehungsweise Zeitschriften festgelegt. Blendle erhält 30 Prozent der Erlöse. Wenn die Leser angeben, dass ihnen der gekaufte Beitrag nicht gefallen hat, erhalten sie ihr Geld zurück (nähere Informationen hier).

Es bleibt abzuwarten, ob vor allem junge Menschen durch das „iTunes für Zeitungen“ wieder dauerhaft zum Konsum von Printmedien beziehungsweise ihrer digitalen Ausgaben zu bewegen sind. Zwei große Medienkonzerne, die deutsche Axel Springer SE und die US-amerikanische The New York Times Company, glauben offenkundig an den Erfolg des niederländischen Online-Kiosks: Im Oktober 2014 wurde nämlich bekanntgegeben, dass sie gemeinsam drei Millionen Euro in Blendle investieren.

Digitale Editionen

Darüber hinaus haben die Tageszeitungen und Zeitschriften auch eigene Konzepte erarbeitet, um dem Auflagenrückgang entgegenzutreten. Erwähnenswert sind an dieser Stelle – neben inhaltlichen Reformen (neue Rubriken und Kolumnisten) – flexible Abonnementsmodelle, das Angebot unterschiedlicher digitaler Editionen für Smartphones, Tablets oder den PC sowie die Umstellung auf das handliche Tabloid-Format.[2]

Bis dato lässt die Entwicklung der Auflagezahlen allerdings noch keinen Umschwung erkennen: Im Jahr 2013 mussten alle im Mediamonitor aufgeführten Titel Verluste verzeichnen.[3] Positiv ist hingegen die Tatsache, dass der Konsum der oben aufgeführten digitalen Editionen zunimmt.[4] Es liegt auf der Hand, dass insbesondere die Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine eine Wende bewerkstelligen müssen, da sie andernfalls ihre Rolle als relevante Meinungsmacher im (gesellschafts-)politischen Diskurs unweigerlich einbüßen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das junge Publikum

Das Fernsehen ist im Gegensatz dazu insgesamt betrachtet nicht mit einem Rückgang des Zuschauerinteresses konfrontiert.[5] Allerdings bevorzugen Niederländer zwischen 20 und 49 Jahren, wenn sie ihr TV-Gerät einschalten, Sendungen kommerzieller Anbieter.[6] Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht deshalb vor der Herausforderung, Profile beziehungsweise Formate zu entwickeln, die auch Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen. Etwaige Lösungen werden in den Bereichen „Inhalt“ und „Form“ gesucht. In diesem Zusammenhang spielt zum Beispiel NPO 3 eine wichtige Rolle: Neue TV-Talente sollen künftig die Gelegenheit haben, auf diesem Fernsehkanal online entwickelte Sendungen zu präsentieren. NPO 3 setzt darüber hinaus verstärkt auf Unterhaltungs- beziehungsweise Comedyformate wie Proefkonijnen (dt.: Versuchskaninchen) und Streetlab. Zudem sind seit dem Jahr 2015 alle Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über eine modernisierte NPO-App auf Tablets sowie Smartphones abruf- beziehungsweise einsehbar. Die App bietet des Weiteren die Möglichkeit, über einen Second Screen interaktiv an manchen Sendungen teilzunehmen. Ob solche Maßnahmen dazu beitragen, jüngere Zuschauer (wieder) an sich zu binden, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorhersehbar.

Einsparungen

Es ist allerdings mit Sicherheit zu konstatieren, dass die substanziellen Einsparungen der Kabinette Rutte I und II im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihre Spuren hinterlassen werden. Fernsehmacher stehen daher vor der Herausforderung, mit einem geringeren Budget (weiterhin) qualitativ hochwertige, gesellschaftlich relevante und attraktive Sendungen zu gestalten. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie das Publikum auf die Fusionen bis dato eigenständiger Rundfunkvereine reagieren wird. Eine Austrittswelle enttäuschter beziehungsweise entfremdeter Mitglieder würde deren finanzielle Lage verschärfen. Wenn man diesen Aspekt mit dem „Wegsparen“ der weltanschaulichen 2.42-Rundfunkanstalten wie OHM oder BOS kombiniert, erscheint die Befürchtung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht zuletzt vor der Herausforderung steht, die gesetzlich festgeschriebene Aufgabe der „externen Vielgestaltigkeit“ auch im 21. Jahrhundert unter deutlich geänderten Rahmenbedingungen zu erfüllen, gerechtfertigt. Es bleibt abzuwarten, ob weiterhin alle relevanten gesellschaftlichen, weltanschaulichen und religiösen Gruppen im Fokus der Gesamtheit der ausgestrahlten Formate stehen.

Konzentration

Abschließend sei noch auf das zuvor bereits skizzierte hohe Maß an Konzentration in den Bereichen TV, Radio und Print verwiesen.[7] Die These, dass der Zuschauer von einem mangelnden Qualitäts- und Kreativitäts-Wettbewerb nicht profitiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn es um die Bereiche Fernsehen und Radio geht, sind die möglichen Konsequenzen nicht dramatisch. Da der öffentlich-rechtliche Rundfunk neben kommerziellen Anbietern trotz der oben genannten Schwierigkeiten hier weiterhin eine wichtige Rolle spielt, ist zum Beispiel die ebenfalls gesetzlich verankerte Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Nachrichten- und Informationssendungen garantiert. Allerdings ist die Entwicklung von Monopolgemeinden, in denen eine Tageszeitung den Markt beherrscht, als besorgniserregend einzustufen.[8] Die lokale Demokratie kann unter Druck geraten, wenn die Medien ihrer essentiellen Funktion als „Wachhund“ vor Ort nicht mehr in einem adäquaten Maße nachkommen können. Kurzum: Alle Entscheidungsträger im niederländischen Mediensystem stehen vor der Aufgabe, im Interesse der Bürger Wettbewerb zu stimulieren. Dabei sind die Einfluss- beziehungsweise Gestaltungsmöglichkeiten der Politik begrenzt. Initiativen müssen daher vor allem aus der Privat- und Kreativwirtschaft kommen. An dieser Stelle kann der Staat jedoch mitunter durch finanzielle oder gesetzgeberische Maßnahmen zur Schaffung von optimalen Rahmenbedingungen für alle Akteure beitragen.


[1] Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2012-2013, Hilversum 2013, S. 61, 69, 106.
[2] vgl. dazu auch Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2012-2013, Hilversum 2013, S. 109.
[3] Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2013-2014, Hilversum 2014, S. 62.
[4] ebd., S. 22.
[5] ebd., S. 74.
[6] Stichting Kijkonderzoek: Jaarrapport 2014, Amsterdam 2015., S. 39f..
[7] Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2013-2014, Hilversum 2014, S. 63, 77, 84.
[8] Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2012-2013, Hilversum 2013, S. 117-119.

Autor: André Krause
Erstellt:
Juni 2015


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Literatur

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Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2012-2013, Hilversum 2013.

Commissariaat voor de Media: Mediamonitor. Mediabedrijven en Mediamarkten 2013-2014, Hilversum 2014.

Stichting Kijkonderzoek: Jaarrapport 2014, Amsterdam 2015.

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