Die Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts


II. Genremalerei

Der verlorene Sohn
Der verlorene Sohn (um 1494) von Hieronymus Bosch, Quelle: Wikipedia
Die sogenannte Genremalerei, (Sitten- oder Figurenmalerei) ist als Gattung keine Bilderfindung des 17. Jahrhunderts. Schon Pieter und Jan Bruegel d. Ä., sowie Pieter Aertsen (z.B.) hatten bereits im 16. Jahrhundert Gemälde mit typischen Bauern- und Familienszenen geschaffen, die auch für das 17. Jahrhundert noch charakteristisch sind. Letztlich aber finden sich die so typischen Figurendarstellungen des Genres mit rüpelhaften Bauernfiguren als Verbildlichung des schlechten Betragens bereits in der spätmittelalterlichen Buchillustration, wo sie als Personifikation der Maßlosigkeit und Zügellosigkeit dem vorbildlich bescheidenen und höflichen Verhalten, personifiziert durch die höfische Gesellschaft, gegenübergestellt wurden. Auch frühe Tafelbilder mit der Darstellung der sieben Todsünden (z.B. die Madrider Tafel von Hieronymus Bosch von ca. 1498) zeigen oft bürgerliche Interieurs mit verwerflich agierenden Figuren. Daneben ist auch die biblische Szene mit dem verlorenen Sohn im Freudenhaus schon früh mit warnender Aussageabsicht für den Betrachter verbildlicht worden. Das Motiv als Allegorie des unvorbildlichen Benehmens verselbständigt sich schließlich und fächert sich in zahlreiche Untergattungen auf: Man findet Prügelszenen, Bordell- und Stubenszenen, Wirtshausinterieurs, Tafelgelage, Bauernkirmes usw. (z.B. Cornelis Dusart: Holländische Bauernwirtschaft mit Drehleierspieler von 1681; Adriaen Brouwer: 'Der eingeschlafene Wirt', entstanden um 1630).

Moralische Bildung und Erziehung

Auch im 17. Jahrhundert diente das Genre mitnichten dem unreflektierten Vergnügen des Betrachters, der sich an der überdeutlichen Darstellung des Lasters und den Missgeschicken anderer erfreuen will: Vielmehr hat die Bildgattung die moralische Bildung und Erziehung des Betrachters im Sinn, indem sie schlechtes und abschreckendes Beispiel gibt. "So soll man es gerade nicht machen!" ist eine entscheidende Botschaft des Sittengemäldes. Ein typisches Beispiel für diese Botschaft ist das Gemälde 'Verkehrte Welt' von Jan Steen aus dem Jahre 1663, das den Betrachter mit dem schlechten Beispiel des liederlichen Haushalts konfrontiert. Die calvinistische Grundhaltung der Gesellschaft in den nördlichen Niederlanden fordert von der Malerei nämlich, dass sie belehrend sein muss und nicht dem Kult und der Verehrung dienen darf; allerdings ist das Genre auch in den südlichen Niederlanden bekannt und verbreitet, und damit nicht an den Calvinismus gebunden. Jacob Jordaens beispielsweise (Der Bohnenkönig) und Adriaen Brouwer arbeiteten in Antwerpen. Für die Popularität der Gattung im 17. Jahrhundert mag es eine Rolle gespielt haben, dass die durchweg überspitzten und oft lächerlich wirkenden Figuren aus dem niederen Bauernstand es dem bürgerlichen höherstehenden Betrachter erleichtert haben, die moralische Lektion zu lernen, weil ihm der Spiegel nicht gar so ungnädig vorgehalten wurde. Noch immer konnte er sich selbst tröstend sagen: "Ich bin ja nicht so schlimm, wie die Menschen auf dem Bild." Abgesehen davon waren gelegentlich Sprichwörter in den Gemälden versteckt, wie z.B. in Jan Steens Bild, so dass sie auch als 'Rätselbilder' den Betrachter motivierten.

Malle Babbe
Malle Babbe (um 1634) von Frans Hals, Quelle: Wikipedia
Die gesellschaftliche Konsolidierung der Gattung 'Sittengemälde' führte schließlich dazu, dass einige gestalterische und formale Aspekte sich mit anderen Gattungen der Malerei vermischten, z.B. mit dem Portrait. Die 'Malle Babbe' von Frans Hals ist ein prächtiges Beispiel dafür. Die grobe, beinah skizzenhafte Pinselführung, der durch Trunkenheit verzerrte Gesichtsausdruck, der Bierkrug, die Eule als Symbol des Diabolischen sind Kennzeichen für einen lasterhaften Menschen, zumal für eine Frau. Dass die Dargestellte sichtlich den niederen Gesellschaftsschichten zuzuordnen ist, ist ein weiteres typisches Merkmal des Genregemäldes. Trotzdem hat Frans Hals seinem Motiv die Gattung des Portraits zugestanden, die noch im 16. Jahrhundert ausschließlich ein Privileg der Herrscher und kirchlichen Oberhäupter gewesen war. Doch dies bedeutet nicht, dass der Künstler sein Modell naturgetreu abbilden wollte, denn vielmehr hat man das Gemälde zu den einfigurigen Genrebildern zu rechnen, zu denen z.B. auch der berühmte sog. 'Mulatte', bzw. 'Pickelhaering' (komische Figur aus dem nl. Volkstheater) aus dem Museum der bildenden Künste in Leipzig gehört.

Die Auftraggeber

Gerade für die Gattung des Genrebildes finden sich fast ausschließlich bürgerliche, oder doch wenigstens weltliche Auftraggeber. Für gesellschaftlich höher stehende Schichten werden ähnliche moraldidaktische und erbauliche Lehren in anderen Gewändern präsentiert: Man greift z.B. auf mythologische, klassische Themen und Motive zurück, die in der Kunstauffassung des 17. Jahrhunderts als edler und würdiger gelten und damit den adligen, höfischen Auftraggebern gemäß waren. Die Gestaltung solcher Themen wird unter dem Begriff 'Historienmalerei' zusammengefasst. Diese Trennung der Gattungen im Decorum (d.h. bestimmten, hierarchisch geordneten (Bild-)Themen und Gattungen eignen bestimmte Formen der Ausstattung, sie müssen bestimmten Gesetzmäßigkeiten in Komposition, Gestaltung und Ausführung folgen) und geht letztlich auf die aristotelische Theorie der Tragödie und der Komödie zurück, d.h. die Belehrung der Betrachter erfolgt entweder durch Idealisierung bzw. durch Karikierung. Die Genremalerei bedient sich des letzteren.

Die Spitzenklöpperin
Die Spitzenklöpperin (1664) von Jan Vermeer, Quelle: ZENO
Schwierig einzuordnen sind in diesem Zusammenhang die Interieurs von Jan Vermeer. Zumeist zeigen seine Bilder bürgerliche Einzelfiguren, Paare oder Gruppen, die in einem raffiniert gestalteten Innenraum sehr 'gepflegt' und 'wohlerzogen' agieren. Von Karikatur oder Überzeichnung ist hier nichts zu spüren, dennoch sind die Bildthemen alles andere als heroisch oder mythologisch. Sie entziehen sich dennoch nicht einer didaktischen Deutung, denn sie enthalten stets allegorische Versatzstücke und stellen also eher die anzustrebende Tugend dar (z.B. Fleiß - 'Die Spitzenklöpplerin' -; Bewusstsein der Vergänglichkeit - z.B. durch die zahlreichen Musikinstrumente in seinen Interieurs-) als die zu vermeidende Untugend. Das bürgerliche Interieur scheint Vermeer vielmehr als formale Folie für seine ausgeklügelten Bildkompositionen, Raumkonstruktionen und stets kühl wirkenden Farbspiele zu dienen.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Alpers, Svetlana: Kunst als Beschreibung, Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts, Köln 1985.

Ausstellungskatalog: Von Frans Hals bis Vermeer, Meisterwerke holländischer Genremalerei, Gemäldegalerie Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1984.

Stukenbrock, Christiane: Frans Hals - Fröhliche Kinder, Musikanten und Zecher, Eine Studie zu ausgewählten Motivgruppen und deren Rezeptionsgeschichte, Europäische Hochschulschriften, Reihe 28 Kunstgeschichte, 167, Berlin 1993.

Links

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