Kultur- und Mentalitätsunterschiede


XIV. Rezension

Schlizio, Boris/Schürings, Ute/Thomas, Alexander: Beruflich in den Niederlanden. Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte. Göttingen 2009.

Deutsche, die in den Niederlanden arbeiten, sind meist voll des Lobes über die Arbeits-bedingungen im Nachbarland. Es sind vor allem die flachen Hierarchien, das unkomplizierte Miteinander im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten sowie die Ungezwungenheit und Bescheidenheit der Niederländer, die ihnen das Arbeiten dort geradezu als Reich der Freiheit erscheinen lassen. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die Niederlande für immer mehr Deutsche eine interessante Alternative zum heimischen Arbeitsmarkt bilden: insgesamt leben und arbeiten derzeit ca. 27.000 Deutsche im Nachbarland, hinzu kommen 16.000 sog. Grenzpendler, die in Deutschland wohnen und in den Niederlanden arbeiten.

Unterhält man sich jedoch einmal näher mit solchen „Gastarbeitern“, erfährt man, dass die niederländische Lockerheit auch so ihre Probleme mit sich bringt – zumal für einen Deut-schen, der es von zu Hause her eher etwas formeller, hierarchischer und, um es mit einem niederländischen Wort zu sagen, gründlicher gewöhnt ist. Nicht selten prallen Welten aufeinander. So werden etwa Arbeitsaufträge in den Niederlanden gern als unverbindliche Bitte statt, wie bei uns, als klare Anweisung formuliert – obwohl sie durchaus so gemeint sein kön-nen. Versteht man dies dann falsch, wird man es in der Regel offen und in aller Härte gesagt bekommen, wobei der Kritiker allerdings streng darauf achtet, die persönliche Würde des Kritisierten nicht zu verletzen. Anders als in Deutschland stehen in niederländischen Büros die Türen weit auf – auch die des Chefs –, um zu dokumentieren, dass man jederzeit für jedermann zu sprechen ist; dennoch sollte man es sich natürlich gut überlegen, ohne guten Grund, einfach zu einem kopje koffie, bei seinem Vorgesetzten hereinzuschneien. Die Sache mit dem „Du“ birgt ebenfalls Gefahren: Zwar ist es in den Niederlanden üblich, dass man sich, vom Vorstandsvorsitzenden bis zur Putzfrau, gegenseitig duzt und sich während der Arbeit ausgesprochen gern auch über private Dinge unterhält, doch dies bedeutet noch lange nicht, dass sich daraus irgendeine Freundschaftsbeziehung ableiten lässt.

Die Experten für interkulturelle Kommunikation Boris Schlizio, Ute Schürings und Alexander Thomas – die beiden Erstgenannten zudem ausgewiesene Niederlande-Kenner – haben diese Kulturunterschiede einmal näher unter die Lupe genommen und daraus ein Trai-ningsprogramm für deutsche Manager, Fach- und Führungskräfte entwickelt, die sich beruf-lich in den Niederlanden aufhalten. Im Mittelpunkt stehen dabei sog. „Kulturstandards“, d.h. soziale Orientierungen, die sich kulturhistorisch entwickelt haben, stark verhaltensprägend sind und in denen sich Niederländer von Deutschen erheblich unterscheiden. Sieben solcher Kulturstandards werden von den Autoren in ihrem Buch beleuchtet: das ausgeprägte nieder-ländische Egalitätsdenken, die Konsenskultur, die Beziehungsorientierung, der Pragmatismus, die Informalität und die kalvinistische Bescheidenheit, aber auch das Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem großen Nachbarn im Osten. Diese Standards beeinflussen auch das Verhalten am Arbeitsplatz und stellen sozusagen die Eckpfeiler jener typisch niederländischen Arbeits- und Betriebskultur dar, die in deutschen Augen oft locker und ungezwungen, aber gelegentlich auch unverbindlich und sogar etwas chaotisch erscheint.

Um zu verstehen, worum es geht, präsentieren die Autoren zu jedem der einzelnen Kulturstandards einige Beispielen aus dem niederländischen Arbeitsalltag, die sie mit Hilfe einer größeren Zahl von Interviews deutscher Fachkräfte in den Niederlanden zusammen-getragen haben. Bei diesen Beispielen geht es dann etwa um die (zumindest für Außenstehende) liebste Beschäftigung niederländischer Werktätiger, den overleg, d.h. die nicht selten ausufernden Arbeitsprechungen, oder es geht um Konflikte in den stark teamorientierten Arbeitsbeziehungen in niederländischen Unternehmen, den – für deutsche Arbeitnehmer oft gewöhnungsbedürftigen – legeren Umgang des Personals untereinander oder um das zwischen Deutschen und Niederländern kulturell sehr unterschiedlich gefärbte Verhältnis von Lob und Kritik. Die in den Fallbeispielen geschilderten Situationen sind gut gewählt und treffen oft mitten ins Schwarze der deutsch-niederländischen Kulturkonflikte am Arbeitsplatz.

Im Anschluss an jedes Beispiel werden vier Deutungen angeboten; die nachfolgen Erläuterungen setzen sich mit jeder dieser Deutungen auseinander und beleuchten die Situation noch einmal aus unterschiedlichen Perspektiven. Abgerundet wird das Ganze schließlich durch eine Lösungsstrategie, die Anregungen und Hilfestellungen bietet, um sich in ähnlichen Situationen besser, d.h. kulturadäquater, verhalten zu können. Am Ende jedes Themen-bereichs, d.h. den Beispielen zu bestimmten Kulturstandards, bieten die Autoren noch einmal einen kurzen Abriss über die kulturhistorischen Wurzeln des jeweils behandelten Standards. Dort erfährt man dann beispielsweise zum Kulturstandard „Konsenskultur“, dass es in der niederländischen Geschichte ein langes Nebeneinander unterschiedlicher Konfessionen und Weltanschauungen gegeben hat, das einerseits durch Gruppenbildung mit starker sozialer Binnenkontrolle sowie andererseits – aufgrund des Zwangs, als Handelsnation vor allem ans Geschäft denken zu müssen – durch eine ausgeprägte Toleranz gegenüber Andersgläubigen geprägt war. Diese Mentalität fand ihren Ausdruck schließlich in der „Versäulung“ des ge-samten gesellschaftlichen Lebens in den Niederlanden, d.h. einer strengen Segmentierung zwischen Protestanten, Katholiken, Sozialisten und Liberalen, die bis heute den sozialen und politischen Umgang von Niederländern miteinander beeinflusst.

Zum Schluss gehen die Autoren auf einige aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in den Niederlanden ein, wie z.B. die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh, das Ende des Traums von der multikulturellen Gesellschaft oder das Nein der Nieder-länder zur Europäischen Verfassung. Und wer dann auf den Geschmack gekommen ist, kann sich anschließend in den ausführlich kommentierten Literatur- und Filmempfehlungen über Bücher zu den Niederlanden, niederländische Romane sowie Filme bzw. Fernsehserien informieren. Den Abschluss bilden nützliche Internetadressen zu den Themen deutsch-niederländische Kultur(en) und Arbeit.

Eine runde Sache also. Störend ist lediglich der etwas verschwiemelte kultursozio-logische Jargon, mit dem die Autoren am Anfang den theoretischen Hintergrund ihrer Methode diskutieren. Statt etwa einfach zu sagen, dass die von ihnen präsentierten Kultur-standards das Verhalten des Niederländers erklären und zugleich die kulturelle Bedingtheit des eigenen Verhaltens bewusst machen sollen, heißt es: „In diesem Sinne sind Kultur-standards Orientierungshilfen, mit deren Unterstützung ein Verständnis für das Partnerverhalten aufgebaut und das eigene kulturspezifische Orientierungssystem relativiert und reflektiert werden kann.“ Unfreiwillig präsentieren sie hier einen typisch deutschen Kulturstandard, nämlich als Autor und Wissenschaftler deutlich zu machen, dass man nicht aus der akademischen Diaspora kommt. Niederländer würden so etwas niemals tun – wie wir übrigens von den Autoren selbst weiter hinten erfahren. Denn ihre Devise lautet: Gewoon doen, dan doe je al gek genoeg, was frei übersetzt soviel heißt wie: „Bleib auf dem Teppich, dann fällst du immer noch hart genug.“

Diese Kritik sollte jedoch niemanden, der beruflich in unserem Nachbarland zu tun hat, davon abhalten, sich eingehend mit dem Buch zu beschäftigen. Denn Beruflich in den Niederlanden ist ein informativer und kenntnisreich zusammengestellter Leitfaden, der hilft, die vielen Fettnäpfchen und Fußangeln zu meiden, die die niederländische Arbeitswelt für deutsche Arbeitnehmer bereithält. Zugleich schafft er Verständnis für die kulturelle Bedingtheit so manchen Konflikts mit dem Chef oder den Kollegen, den man sich ansonsten nur mit der Böswilligkeit seines Gegenübers oder seiner Aversion gegen die eigene Person würde erklären können.

Autor: Gerd Busse
Erstellt: November 2008


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