Kultur- Und Mentalitätsunterschiede


II. Duzen und Siezen

Eines der größten Missverständnisse zwischen Deutschen und Niederländern ist der Gebrauch des „Du“. Niederländische Geschäftsleute duzen sich oft schon nach der ersten oder zweiten Begegnung, Arbeitskollegen duzen sich grundsätzlich. Für einen Niederländer ist es unbegreiflich, dass Deutsche, auch wenn sie dreißig Jahre lang im gleichen Büro sitzen, „Herr Schmidt“ und „Frau Meier“ zueinander sagen.

Nun ist das Duzen auch eine Frage der Branche, des Betriebsklimas und des Alters. Doch das niederländische „je“ oder betont „jij“ (ausgesprochen: jäi) ist nicht das gleiche wie das deutsche „Du“. Man kann es eher mit dem englischen „you“ vergleichen. Das heißt, wenn man sich in den Niederlanden duzt, heißt das noch lange nicht, dass man befreundet ist oder der andere einen besonders sympathisch findet. Es ist einfach die gebräuchliche Anredeform. Duzen ist praktisch, finden die pragmatischen Niederländer, und man muss nicht immer umständlich „Herr“ oder „Frau“ sagen und dann einen – meist langen – Nachnamen aussprechen. Die niederländische Vorliebe für Kürze zeigt sich schon in Vornamen wie Ad, Kees oder Bas.

Das Duzen ist also kein Freundschaftsangebot, und man sollte nicht glauben, dass nun weniger hart verhandelt wird. Der Übergang zum Du vollzieht sich oft unangekündigt im Gespräch, durch Ausdrücke wie „Wenn du dies oder jenes machst, dann wirst du bald merken...“. Sie können Ihren Gesprächspartner oder auch Chef von da an ruhig duzen, es verpflichtet zu nichts. Aber die Niederländer wissen auch, dass das Duzen in Deutschland weniger üblich ist, und bleiben daher meist beim Sie. Es kommt jedoch immer gut an, wenn Sie sich mit Vor- und Nachnamen vorstellen. Und wenn Sie einen niederländischen Vorgesetzten haben und ihn anrufen möchten, melden Sie sich am besten auch mit Vor- und Nachnamen.  

Etwas anders liegt die Sache bei offiziellen Anlässen. Dann wird auch in den Niederlanden meist das Sie gebraucht. Dann sagt man „heer“ plus Nachnamen, oder zumindest Vor- und Nachnamen, und „Sie“. Und bis in die 1960er Jahre hinein war es in den Niederlanden noch allgemein üblich, seine Eltern zu siezen (in Deutschland gab es das nur bis etwa 1900). Noch heute sagen einige Niederländer aus alter Gewohnheit also „u“ zu ihren Eltern.

Auch Gott ist für die Niederländer „u“. Das hat mit der kalvinistisch-protestantischen Tradition der Niederlande zu tun. „Der niederländische Gott ist anders als der deutsche nicht der ‚liebe’ Gott, den man einfach duzen kann, son-dern ein grausamer, strafender Gott“, erklärt der Deutschland-Experte und Buchautor Dik Linthout.

Im alltäglichen Umgang verstehen viele Niederländer jedoch nicht, dass das deutsche „Sie“ nicht distanziert oder abweisend gemeint ist, sondern als Ausdruck des Respekts vor dem andern. Man interpretiert es eher als Zeichen von Steifheit und ausgeprägtem Hierarchiebewusstsein.

Autorin: Ute Schürings
Erstellt:
Januar 2008


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Linthout, Dik: Frau Antje und Herr Mustermann. Niederlande für Deutsche, Berlin 2004.

Schlizio, Boris U. / Schürings, Ute / Thomas, Alexander: Beruflich in den Niederlanden. Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte, Handlungskompetenz im Ausland, Göttingen 2008.

Schürings, Ute: Zwischen Pommes und Praline. Mentalitätsunterschiede, Unternehmens- und Verhandlungskultur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Nordrhein-Westfalen, Münster 2003.

Thomas, Alexander / Schlizio, Boris U. (Hrsg.): Leben und arbeiten in den Niederlanden. Was Sie über Land und Leute wissen sollten, Göttingen 2007.

Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Dossier über Betriebskultur in den Niederlanden Eures

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Kultur Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: