Niederländische Kulturpolitik


II. Konstanten und Paradigmenwechsel – ein historischer Überblick

In der niederländischen Kulturpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg ließen sich bis 2011 zwei Konstanten erkennen: Zum einen sah sich der Staat als Förderer und Bewahrer der Hochkultur. Jener Kultur, die kein Massenpublikum erwarten durfte und trotzdem wichtiger Ausdruck einer Kulturnation ist. Zudem orientierten sich die staatlichen Grundsätze an der kulturellen Vielfalt. Sowohl geografisch als auch inhaltlich sollte die Kultur in den Niederlanden breit aufgestellt sein. Der Staat sorgte dafür, dass auch in ländlichen Regionen Spitzentheater oder Sinfonieorchester erhalten blieben. Für ein breites Publikum schloss das auch niedrige Eintrittspreise und die Förderung junger Nachwuchstalente ein. Der Staat hatte wesentlich zur Professionalisierung des Kunstsektors beigetragen. Privatleute als Mäzene waren (und sind) in den Niederlanden, im Vergleich zu anderen Staaten, selten.

Besucher und Schaulustige vor dem 2014 neu eröffneten Rijksmuseum in Amsterdam

Die Sparbeschlüsse von Mitte 2011, die 2013 in Kraft getreten sind, markieren eine tief greifende Wende in der Haltung des Staates gegenüber dem Kultursektor. Nicht nur zieht sich die öffentliche Hand zu einem großen Teil aus der Kulturförderung zurück; die Regierung hat sich zudem gegen die bisherige breite Förderung nach dem Gießkannenprinzip entschieden: in den Genuss staatlicher Zuwendungen kommen nunmehr noch die großen Einrichtungen von internationalem Rang, vornehmlich in den Ballungsgebieten der Randstad. Man habe sich ganz bewusst gegen das „graue Mittelmaß“ entschieden, wird Premier Mark Rutte (VVD) in der FAZ zitiert.[1] Flaggschiffe wie das im April 2013 wiedereröffnete Rijksmuseum, das Koninklijk Concertgebouw Orkest oder das Nederlands Danstheater kämen relativ glimpflich davon, während kleine, unabhängige Theater in der Provinz künftig ohne oder nur sehr geringe Förderung auskommen müssten.

Die 1940er und 1950er Jahre

Historisch betrachtet erfolgte die Kulturförderung seit dem Zweiten Weltkrieg vor dem Hintergrund unterschiedlicher gesellschaftspolitischer Vorzeichen. Grob gesprochen hatte die Kulturpolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen präventiven Charakter. Politiker und christliche Würdenträger sahen in der aufkommenden amerikanischen Massenkultur (Jazz, Rock´n´Roll, Kino) den Untergang der Hochkultur.

Daher wurden Radioprogramme kontrolliert und Kinobesuche wurden vergnügungssteuerpflichtig. Die Kulturhonoratioren klammerten sich an ihre jeweiligen Gesellschaftsschichten und versuchten diese von äußeren Einflüssen – vor allem von der amerikanischen Massenkultur und dem Kommunismus – fernzuhalten. Bis 1965 formten drei konfessionelle Parteien in den Niederlanden eine breite Mehrheit und ermöglichten damit auch eine Kulturpolitik, die stark auf die Ansprüche der Religionsgemeinschaften einging. Der Staat sollte in den Zeiten des Wideraufbaus zum Bewahrer der niederländischen Hochkultur in all ihren Facetten werden. Neben der Bildung, den Bibliotheken und Museen kümmerte sich der Staat auch um das gesellschaftliche und kulturelle Leben. Das breite Publikum sollte an die schönen Künste herangeführt werden. Das war das hehre Ziel. Die Budgets für die Kunst, die im Zweiten Weltkrieg stark gestiegen waren, wurden nach der Befreiung allerdings wieder auf Vorkriegsniveau gestutzt.

Im Laufe der 1950er Jahre stiegen die Kulturausgaben rasch. Neben der Musik und den bildenden Künsten wurden fortan auch Tanz, Theater und Literatur subventioniert. Allerdings war damals noch nicht von einer „Kulturpolitik“ die Rede. Das kam später.

Die 1960er und 1970er Jahre

In den 1960er und 1970er Jahren änderte sich das Kulturverständnis gravierend. Mit der Demokratisierung der Gesellschaft entstand auch ein neuer Kunst- und Kulturbegriff: Ein breites Publikum sollte nun angesprochen werden. Qualität war oftmals nur noch ein nebensächliches Kriterium für die Vergabe von finanziellen Hilfen. Es wurden bewusst politische Entscheidungen getroffen, um „gesellschaftlich relevante“ oder „regional unterentwickelte“ Künste zu fördern.

In den 1960er Jahren wurde ein Subventionssystem aufgebaut, von dem man in den 1950er Jahren nur hatte träumen können. Die üppige Förderung wurde getragen von der starken wirtschaftlichen Entwicklung. Davon profitierte der Kulturbetrieb ungemein: Gab es in den 1950er Jahren sieben Symphonieorchester in den Niederlanden, waren es fortan 16. Auch die Theatergruppen breiteten sich rasch aus: von sieben auf 20. Die Jugend- und Tanztheater stiegen von fünf auf 40 Gruppen. Noch bis in die 1960er Jahre hinein verteidigten die politischen Parteien ihr Leitbild, dass Subventionen nur auf Zeit gewährt werden können. Erst danach nahmen die Zahlungen an Kulturbetriebe sowohl in der Anzahl als auch im Umfang zu.

Das ursprüngliche Ziel, breite Bevölkerungsschichten für die Kultur zu gewinnen, misslang allerdings. Denn durch die breite Kulturförderung änderte sich auch das Angebot. „Die enge Verbindung zwischen Kultur und Publikum lockerte sich“, heißt es in der Studie „Cultuurbeleid in Nederland“ des Kulturministeriums. „Dank der Subventionen erwarben sich die kulturellen Einrichtungen eine autonome Position. Sie veränderten ihre Orientierung: Weg vom breiten Publikum und hin zu stets spezielleren Programmen.“ Das ursprüngliche Ziel, durch Kulturförderung ein breiteres Publikum anzusprechen, wurde auf dem Feld der Theater und Kleinkunstbühnen nicht erreicht, hingegen profitieren die Museen und Bibliotheken sehr wohl. Dass sich Theater und Kleinkunst in den 1960er Jahren schwerer taten, hing auch mit dem neuen Medium Fernsehen zusammen, das den Gang ins Theater oder ins Kino quasi überflüssig machte. 1967 wurde ein neues Rundfunkgesetz (nl. Omroepwet) eingeführt, welches neue Sender zuließ, die nicht konfessionell oder politisch gebunden waren.

Dass die Kulturpolitik sich in den 1960er Jahren deutlich änderte, hängt natürlich auch mit den gesellschaftlichen Umbrüchen zusammen. Religion und Parteizugehörigkeit spielten eine geringere Rolle, abweichende Lebensstile und Überzeugungen wurden akzeptiert. Der persönliche Geschmack wurde zu einem wichtigen Ausdruck individueller Lebensgestaltung. Eine Gruppenzugehörigkeit war nicht länger selbstverständlich.

Die gesellschaftlichen Umbrüche bestimmten die Kulturpolitik. Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft wurde umgetauft in Ministerium für Kultur, Erholung und Gesellschaftliche Bildung. Die Kunst, Altertumskunde, Rundfunk und öffentliche Bibliotheken wurden fortan als „außerschulische Bildung“ betrachtet und daher von Schule und Wissenschaft getrennt. Das neue Ministerium – kurz CRM – sah sich als ein „Experimentierfeld der Gesellschaft“. Künstlerische Qualität wurde mit „Erneuerung“ und „Experiment“ gleichgesetzt: Qualität wurde zum Gegenpol der bestehenden Ordnung.

In den 1970er Jahren fielen sämtliche Bollwerke der „feinen Kultur“. Popmusik, Comics und Hollywoodspielfilme eroberten die Niederlande – und wurden fortan auch vom Staat subventioniert. Der Begriff der „Qualität“ musste in jedem Einzelfall neu beurteilt werden. Bejubelt wurde, was gesellschaftlichen Nutzen stiftete. „Maatschappelijke relevantie“ wurde zu einem Credo der Kulturpolitik. Die Hochkultur und Künste, die nicht ein breites Publikum ansprechen, wurden zurückgedrängt.

Gut nachzuvollziehen ist der Ausbau der Kulturförderung in den 1960er und 1970er Jahren auch im niederländischen Staatshaushalt (nl. Rijksbegroting). 1910 gab der Finanzminister gerade mal umgerechnet 450.000 Euro aus seiner Schatulle. 1946 waren es dann schon gut 1,45 Millionen Euro. Zwischen 1950 und 1975 verdoppelten sich dann alle fünf Jahre die Ausgaben. Im Jahr 2002 waren es sogar 740 Millionen Euro. Vor allem Staatssekretär Rick van der Ploeg (PvdA) hatte sich für mehr Geld stark gemacht. Sein Credo: „Ein Prozent des Staatshaushaltes für die Kultur!“ Vor den Kürzungen von 2013 beliefen sich die Gesamtausgaben des Staats für Kultur zuletzt auf rund 950 Millionen Euro.

1980er und 1990er Jahre

In den 1980er Jahren musste sich die Kulturpolitik in den Niederlanden umorientieren. Die Wirtschaft stagnierte, die Staatskassen waren leer, das Geld für Kultur wurde knapp. Die Schlagwörter hießen jetzt Sparen, Privatisieren und Deregulieren. Es gab immer weniger Geld für Bibliotheken, Denkmäler und bildende Künste. Die Subventionsanfragen wurden scharf geprüft, Qualität und Professionalität fielen dabei stark ins Gewicht. Sponsoring durch private Unternehmen wurde für Museen und Theater zu einer Notwendigkeit. Das einstige Kulturministerium wurde 1982 bezeichnenderweise dem Sozialministerium unterstellt.

In demselben Jahr formulierte das Ministerium neue Ausgangspunkte der Kulturförderung. Der Kunst müsse Raum gegeben werden, selbstständig ihre Richtung zu bestimmen. Bei politischen Entscheidungen müsse künstlerische Qualität Vorrang haben. „Qualität“ und „Verschiedenheit“ wurden zu zwei Schlüsselbegriffen der Kulturpolitik, die auch Eingang im Wet op het specifiek cultuurbeleid (dt. Gesetz über die Kulturpolitik) fanden und bis heute gelten.

Qualität

Qualität ist ein vager Begriff und nicht objektiv zu bestimmen. Es geht eher um Eigenschaften, die man mit dem Begriff Qualität in Verbindung bringen kann. Das niederländische Kulturministerium unterscheidet vier Merkmale des Qualitätsbegriffs: Künstlerisches Geschick und Professionalität, Ursprünglichkeit und Authentizität. Alle vier Eigenschaften sind in verschiedenen Formen denkbar. „Nicht jede Kombination wird ausreichend sein, um von Qualität sprechen zu können. Aber ohne diese Eigenschaften ist Qualität in Kunst und Kultur undenkbar“, so das Ministerium.

Die Vergabe von Subventionen erfolgt in den Niederlanden nicht primär aufgrund von Zuschauerzahlen oder Mitgliedern. Häufig werden gerade Kunstformen und Projekte gefördert, die nur wenig Publikum erwarten. Hier stellt sich natürlich die Frage, inwiefern Steuergelder – Geld von Jedermann – an kulturelle Projekte gegeben werden können, die nur von wenigen wahrgenommen werden.

Verschiedenheit

Der Begriff Verschiedenheit betrifft die Vielfalt von kulturellen Disziplinen, Genres und Stilen sowie die regionale Verbreitung und gesellschaftliche Vorlieben. In der Musik soll Platz sein für symphonische Musik, für Kammerorchester, für Jazz und Popmusik. Der Begriff Verschiedenheit zielt auf formale und äußerliche Merkmale und spiegelt viel besser die Vorlieben des Publikums wider, als dies der Begriff Qualität tut.

Qualität und Verschiedenheit sind die wichtigsten Kriterien bei der Vergabe von Subventionen, aber nicht die einzigen. Kulturinitiativen und Projekte werden auch auf ihre gesellschaftliche Funktion und Bedeutung hin beurteilt. Dies geschieht nicht nur anhand von Besucherzahlen, sondern es spielt auch eine Rolle, wie lange eine Einrichtung besteht und wie viele Mitglieder ein Verein oder eine Stiftung hat. Bei Denkmälern etwa spielt die Umgebung des Gebäudes eine nicht unerhebliche Rolle.

Mit Beginn des Jahres 2009 tritt ein neues Finanzierungs- und Förderungssystem in Kraft, welches die Pole „Qualität“ und „Verschiedenheit“ akzentuiert. Gesellschaftlich relevante Einrichtungen (Rijksmuseum, Concertgebouworkest, Theater Instituut) erhalten fortan eine dauerhafte Förderung und müssen sich nicht alle vier Jahre neu bewerben.

Das Jahr 2013: eine Zäsur in der Kulturpolitik

Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, von der die Niederlande unerwartet hart getroffen wurden, verabschiedete die Mitte-Rechts-Regierung unter Premier Mark Rutte im April 2012 ein umfangreiches Sparprogramm, das auch drastische Kürzungen im Kulturbetrieb beinhaltete. Ab 2013, so das auch tatsächlich umgesetzte Vorhaben, solle der bisherige Etat von jährlich rund 950 Millionen Euro um etwa 200 Millionen Euro gekürzt werden – eine Subventionsstreichung von mehr als 20 Prozent. Zudem wurde die Mehrwertsteuer für Tickets im Bereich der Darstellenden Kunst von sechs auf 19 Prozent erhöht. Zu den Kürzungen des Landes in Höhe von 200 Millionen kamen noch Einsparungen durch die Provinzen und Gemeinden, die sich insgesamt auf rund 125 Millionen belaufen.

Doch nicht nur die Höhe der Einsparungen überraschte die Öffentlichkeit und sorgte für Protestmärsche der Kreativen in den Großstädten. Auch die Tatsache, dass der damalige Staatssekretär für Bildung, Kultur und Wissenschaft, Halbe Zijlstra, unter dem Titel „Mehr als Qualität: eine neue Sicht auf die Kulturpolitik“ eine komplette Verschiebung der bisherigen Subventionspolitik zugunsten der großen Top-Einrichtungen und zulasten kleinerer Kulturbetriebe plante, stieß auf Unmut in der Bevölkerung. Nicht zuletzt aber setzte die Regierung ihre Pläne zum Teil gegen die Empfehlungen des Raad voor Cultuur (dt. Rat für Kultur) durch.[1] Denn dieser hatte unter anderem für eine Übergangsphase für das Sparprogramm plädiert, die bis 2015 laufen sollte. Die Missachtung einer derart bedeutsamen Empfehlung des Kulturrats stellt ein Novum in der niederländischen Kulturpolitik dar – war man dessen Ratschlägen doch bislang stets gefolgt, zumal das ureigene Ziel des Rates ja die Beratung der Regierung durch Kulturexperten sein sollte. Aus Protest gegen die Sparpläne trat die langjährige Vorsitzende des Gremiums, Els Schwab, am 1. Juli 2011 zurück. „Durch die Wahl, die dieses Kabinett trifft, wird der Schaden, den die Kürzungen verursachen, größer als er notwendigerweise sein müsste“, begründete sie ihre Entscheidung.[3] Ihr folgte Joop Daalmeijer als Vorsitzender nach. Auch die „Kommission für Bühnenkunst“ trat im Zusammenhang mit den Sparbeschlüssen geschlossen ab.


[1] Schümer, Dirk: Sparen auf Niederländisch: Hochkultur? Nur ein linkes Hobby, in: FAZ.de vom 8. Juli 2011, Onlineversion.
[2] Raad voor Cultuur: Advies bezuinigingen cultuur 2013–2016. Noodgedwongen keuzen, Onlineversion.
[3] Bockma, Harmen: Voorzitter Raad van Cultuur vertrekt, commissie Podiumkunsten stapt op, in: volkskrant.nl vom 1. Juli 2011, Onlineversion.

Autoren: Alexandra Klaus und Andreas Gebbink
Erstellt:
November 2008
Aktualisiert: Januar 2015


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Akkermans, H.J.M. et al. (Hrsg.): Handboek Cultuurbeleid, Den Haag 1989.

Boekman, E.: Overheid en kunst in Nederland, Amsterdam 1989 (ursprünglich 1939).

Bevers, A.M.: Georganiseerde cultuur. De rol van overheid en markt in de kunstwereld, Bussum 1993.

Minocw (Hrsg.): Cultuurbeleid in Nederland, Den Haag 2002. Onlineversion

Minocw (Hrsg.): Kunst van Leven. Hoofdlijnen Cultuurbeleid, Den Haag 2007. Onlineversion

Niederländische Regierung: Wet op het specifiek cultuurbeleid, Den Haag 1993. Onlineversion

Pots, R.: Cultuur, koningen en democraten: overheid en cultuur in Nederland, Nijmegen 2000.

Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Dossier des nld. Kulturministeriums zu den wichtigsten Leitlinien der nld. Kulturpolitik Hoofdlijnen Cultuurbeleid

Nld. Kulturministerium zum Thema Kulturpolitik Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen

Oberstes Beratungsgremium der nld. Regierung in Sachen Kultur Raad voor Cultuur

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