Jugendkultur in den Niederlanden


IX. Jugendkultur und Straßenmusik

drehorgel
Musik verbindet Jugendliche: Drehorgel, Quelle: Bundesarchiv (183-D0101-0006-001)/cc-by-sa

Musik war und ist ein untrennbarer Teil des täglichen Lebens, das sich in Arbeitervierteln oft auf der Straße abspielte. Die Drehorgel zog Menschen auf die Straße hinaus, wo die Lieder aus voller Brust mitgesungen wurden und ein Tänzchen um den „Leierkasten“ gemacht wurde. Daran hat sich anscheinend wenig geändert. Die Jugend vergnügt sich heute immer noch mit Musik und Tanz, auch wenn dies gegenwärtig eher als Belästigung wahrgenommen wird. Technische Entwicklungen haben Musik auf eine neue Art auf die Straße gebracht. So gab das Aufkommen des Transistorradios in den 1950er Jahren den Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Musik mit nach draußen zu nehmen und den öffentlichen Raum mit ihrem eigenen Musikstil zu füllen. Das kleine schnurlose Radio führte im Erleben von Musik zu einer Revolution und machte die Lebenswelt und Kultur der Jugend im Freien sehr gut sichtbar und hörbar. Teenager ließen sich gern von der Musik mitnehmen und imitierten ihre Hüften schwingenden Helden, die sie auf der Leinwand gesehen hatten. Anfang der 1980er Jahre kam der Ghettoblaster auf den Markt. Das Gerät, aus den Ghettos der Großstädte in den USA übernommen, gab Jugendlichen die Möglichkeit, die Musik noch lauter zu spielen und die neuesten Tanzbewegungen und körperlichen Künste auf der Straße auszuprobieren. Durch Kassetten und später durch CDs konnte der eigene Musikstil über stattliche Lautsprecher über die Straße, den Strand oder durch den Park schallen. Im 21. Jahrhundert verbreiten die Jugendlichen ihre Musik per Handy oder iPod.

Ghettoblaster
Bereits Nostalgie: Der Ghettoblaster, Quelle: elswatchoboracho/cc-by-nc-sa

Die moderne Technik hat Einfluss auf die Art, in der Musik in der Öffentlichkeit auftaucht. Jedoch ist der Genuss von Musik auf der Straße alles andere als eine neue Erscheinung. Bis das Radio ein vertrautes Attribut wurde, waren es Straßenmusikanten, Drehorgeln und Troubadoure, die für die Musik sorgten. Bei der Kirmes, bei Straßenfesten, Hochzeiten, aber auch im alltäglichen Leben zogen Straßenmusikanten und Leierkastenmänner durch die Wohnviertel, so dass Jungen und Mädchen, Väter und Mütter um die Drehorgel tanzen konnten. Von alters her wurde auf der Straße Musik gespielt und diese miteinander geteilt. Straßenmusikanten sangen Volkslieder und gaben sie so weiter. Musik auf der Straße wurde im Laufe der Zeit immer mehr Regeln und Verordnungen unterworfen. Das Angebot an Musikanten war groß und die Lautstärke musste mit dem Straßenlärm konkurrieren, so dass die technisch verstärkten Instrumente immer kräftiger und lauter klangen. Die Stadt Amsterdam machte am 9. April 2007 auf ihrer Website bekannt, dass auf der Straße zu musizieren ab sofort an folgende Regeln gebunden war: „Sie dürfen keine klangverstärkenden Geräte verwenden und keine Musik mit Schlaginstrumenten, wie zum Beispiel Bongos und Trommeln, machen. Es ist auch verboten, mit mehr als sechs Personen aufzutreten. Ferner ist das Musizieren auf öffentlichen Straßen nur zwischen 9:00 und 23:00 Uhr erlaubt. Schließlich dürfen Sie nicht länger als eine halbe Stunde am selben Ort spielen.“ Nur am Königinnentag und am Nationalen Tag der Befreiung, dem 5. Mai, dürfen Jung und Alt, Anfänger und Berufsmusiker ohne Genehmigung ihre Musik spielen und ihre Kunst zeigen. Und wenn es gut klingt, bekommen sie vom Publikum dafür noch etwas Kleingeld!

Farbe im Nachtleben

Die zunehmende Diversität unter niederländischen Jugendlichen, die seit den 1960er Jahren die Schulbänke, das Straßenleben und die Ausgehkultur bunt färben, zeigt sich insbesondere im Nachtleben. Während sich ein großer Teil der Jugend in Clubs, Lounges und Discos miteinander „mischt“, sind gleichzeitig spezielle „Geschmacksenklaven“ entstanden, in denen sich Gleichgesinnte treffen. Neben Schwulenbars, Studentencafés, Discos für „Ordis “ oder „Normalos“ gibt es in der Ausgehszene in Städten auch „Ethno-Partys“, bei denen spezielle ethnische Gruppen feiern, zum Beispiel asiatische, türkische und marokkanische Jugendliche. Die Zunahme dieser Partys hängt zum Teil mit der „Duldungspolitik“ im Nachtleben zusammen, wobei ausländische Jugendliche nicht selten der Zugang verweigert wird, aber auch damit, dass man eigene Tanzstile beibehalten, eigene Musik, zum Beispiel Rap oder Türkpop, spielen, den Umgangsformen zwischen Jungen und Mädchen, die von der Elterngeneration mitgegeben wurden, Rechnung tragen will. Während die Ethno-Partys zu Beginn auf die eigenen Gruppe beschränkt waren, sind sie inzwischen kommerziell so erfolgreich, dass solche Abende von großen Veranstaltern in den Städten angeboten werden, ein vielfältiges Publikum anziehen und Mainstream werden.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bogt, Tom ter/Hibbel, Belinda (Hrsg.): Wilde Jaren. Een eeuw jeugdcultuur, Utrecht 2000.

Haan, Jos de/Hof, Christian van ’t (Hrsg.): Jaarboek ICT en Samenleving 2006. De digitale generatie, Amsterdam 2006.

Hermes, Joke/Naber, Pauline/Dieleman, Arjan (Hrsg.): Leefwerelden van Jongeren, Bussum 2007.

Naber, Pauline: Alledaags leven. Hangjongeren & Dugouts, in: Het alledaagse leven : tradities en trends in Nederland 27, Zwolle/Utrecht 2010.

Links

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Den niederländischen Originaltext dieses Dossiers können Sie hier herunterladen

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