Jugendkultur in den Niederlanden


III. Straßenkultur in der Vergangenheit

Strassenszene
Die Straße als Treffpunkt: Juli 1958, Quelle: NA (909-7456)

Die Straße als Treffpunkt zu nutzen, war schon immer üblich. Das taten sowohl Jugendliche als auch Erwachsene. Auf dem Dorfplatz, im Laden um die Ecke oder im Park wurden Neuigkeiten ausgetauscht und ein Schwätzchen gehalten. Dorfbewohner und Städter in dicht besiedelten Vierteln trafen sich an festen Orten. Auf dem Land waren der Kirchhof, der Dorfladen und der Wochenmarkt bekannte Treffpunkte. Es wurden Einkäufe erledigt und gehandelt, aber die Straße war auch der Ort, an dem Dorfklatsch aufgeschnappt und verbreitet werden konnte sowie Nachrichten von Geburt und Tod ausgetauscht und Treffen arrangiert werden konnten. Die Dorffeste, Jahrmärkte und sonntäglichen Spaziergänge brachten unverheiratete Jungen und Mädchen miteinander in Kontakt.

In der Stadt hatte die Straße für Arbeiterfamilien aus beengten Lebensverhältnissen von alters her nicht nur eine soziale Funktion, sondern sie erweiterte auch das Wohnzimmer. Sobald es das Wetter zuließ, nach draußen zu gehen, schickten Mütter ihre Kinder hinaus und stellten sich einen Stuhl vor die Tür, um sie beim Gemüseputzen oder beim Wäscheflicken im Auge zu haben. Die Wohnungen in den Arbeitervierteln, die in der Nähe der Gerbereien, Brauereien oder Nähstuben gebaut waren, waren klein, mit Sicherheit kleiner als die großen Grachtenresidenzen der reichen Kaufleute in den Städten. Die Arbeiterfamilien waren groß, die Räume klein. Im Sommer hingen Väter und Mütter nach der Arbeit an den Fenstern, um ein Schwätzchen mit den Nachbarn zu halten, während sie ab und zu ihren spielenden Kindern etwas zuriefen und sie anfeuerten. Wer kennt die romantisierten Bilder aus den Arbeitervierteln wie dem Joordan in Amsterdam nicht, wo die Wäsche aus dem Fenster hing oder auf Wäscheständern trocknete, wo die Türen der Arbeitsplätze der Gerber, Zimmerleute und Schmiede tagsüber offenstanden und wo das Leben in der Nachbarschaft noch miteinander geteilt wurde? Die Häuser standen so dicht nebeneinander, dass jeder sehr schnell von allen Verwicklungen und Gesprächen in der Nähe auf dem Laufenden war. Nachbarn tauschten Neuigkeiten am Stand des Gemüsehändlers, beim Scherenschleifer, dem Bäcker oder dem Fischverkäufer aus. Und wenn die Drehorgel in die Straße kam, warfen Mütter und Töchter die Arbeit beiseite und eilten die Treppen von den Dachwohnungen hinunter, um beim Leierkasten zu tanzen. Die Drehorgel brachte Musik auf die Straße und die Menschen auf die Beine. Wer drinnen blieb, machte die Fenster auf, um zuzuhören und warf ein paar Münzen in ein Zettelchen eingewickelt für den Leierkastenmann hinunter. Die Menschen auf der Straße blieben an der Drehorgel stehen. Nicht selten wurde dabei getanzt.

Drehorgel: Symbol der Straßenkultur

Die Drehorgel De Arabier ist eine der bekanntesten niederländischen Drehorgeln und wurde ca. 1925 gebaut. Sie war Eigentum der Familie Perlee in Amsterdam. Derzeit ist die Orgel geschützter nationaler Kulturbesitz und im Museum van Speelklok tot Pierement[1] in Utrecht zu bewundern. Am nationalen Drehorgeltag im Nederlands Openluchtmuseum[2] in Arnheim sind jedes Jahr die schönsten Kirmes- und Straßenorgeln zu sehen. Und in den Straßen von Amsterdam ist die Drehorgel immer noch ein Ereignis, auch wenn sie immer mehr zur Attraktion für Touristen wird, die gerne vor dem immer noch beliebten Instrument fotografiert werden.

Draaiorgel
Drehorgel 1946:  Tanzen auf der Straße, Quelle: NA (901-8052)

Tanzende und singende Menschen auf der Straße sind vielleicht ein romantisiertes Bild, durch Sehnsucht nach den Niederlanden der Vorkriegszeit befeuert, aber trotzdem hat dieses Bild mit dem Leben im Arbeiterviertel in der Großstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun.

Mit der zunehmenden Verbürgerlichung der Gesellschaft gerieten die Umgangsformen der Arbeiterklasse allerdings unter Druck. Das Leben auf der Straße wurde als unzivilisiert und ungehörig betrachtet. Das Anlegen von Kanalisation und Wasserleitungen, von Badehäuser und gemeinsam nutzbaren Waschküchen sollten nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung in den rückständigen Vierteln verbessern und ihr Raum zum Leben geben, sondern auch eine hübsche, bürgerliche Wohnkultur schaffen. Auf der Straße herumhängen und tanzen gehörte nicht dazu. Und genau wie Bürgertöchter und Bürgersöhne wurden Arbeiterkinder dazu angeregt, ihre Freizeit in organisierten Verbänden zu verbringen, unter der Aufsicht von Jugendleiterinnen und Jugendleitern. Sport, Erziehung und Bildung waren die Devise; lernen und sich entwickeln, bürgerlicher Normen und Werte annehmen anstatt dem Müßiggang nachzuhängen. Selbstbewusste und organisierte Jugendliche übernahmen bei dieser Entwicklung die Initia


[1] Vgl. Musuem van Speelklok tot Pierement, Online
[2] Vgl. Nederlands Openluchtmuseum, Online

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bogt, Tom ter/Hibbel, Belinda (Hrsg.): Wilde Jaren. Een eeuw jeugdcultuur, Utrecht 2000.

Haan, Jos de/Hof, Christian van ’t (Hrsg.): Jaarboek ICT en Samenleving 2006. De digitale generatie, Amsterdam 2006.

Hermes, Joke/Naber, Pauline/Dieleman, Arjan (Hrsg.): Leefwerelden van Jongeren, Bussum 2007.

Naber, Pauline: Alledaags leven. Hangjongeren & Dugouts, in: Het alledaagse leven : tradities en trends in Nederland 27, Zwolle/Utrecht 2010.

Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Den niederländischen Originaltext dieses Dossiers können Sie hier herunterladen

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Kultur Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: