Jugendkultur in den Niederlanden


VII. Von Jugendkultur zu Jugendkulturstilen

Seit den 1970er Jahren ist „die“ Jugendkultur in viele verschiedene Stile auseinandergefallen, wobei Jugendliche verschiedener sozialer und ethnischer Hintergründe ihre eigenen Stilformen entwickelten, mit denen sie sich durch Musik, Kleidung, Frisur und Sprachgebrauch ausdrückten. „Den“ Jugendlichen gab es nicht, „die“ Jugendkultur auch nicht.

Ein wichtiger Stil, der dank nachkriegszeitlicher Immigration aus den früheren Kolonien (Surinam und den Antillen) die Popmusik und die Jugendkultur bereicherte, ist R&B (Rhythm & Blues), der seit den 1980er Jahren populär ist. Es waren vor allem afro-karibische Jugendliche (aus Surinam und von den Antillen), die den Musikstil zu einer Jugendsubkultur entwickelt haben. Nicht Protest und Widerstand gegen gesellschaftliche Verhältnisse, wie es in den 1960er Jahren der Fall war, sondern der Musikstil unterstreicht die Bedeutung von Liebe und Sex, Geld und gutem Aussehen. R&B ist als Freizeitkultur einzuordnen, als ein Stil der Jugendkultur, der sich im Nachtleben manifestiert. Er steht für „Fun“, den Jugendliche erleben, indem sie große Partys und Discotheken besuchen. Das Publikum besteht zu einem großen Teil aus Jugendlichen aus Surinam und von den Antillen, später auch aus Marokkanern und einheimischen Niederländern. Neben der Musik ist das Aussehen für R&B-Anhänger von großer Wichtigkeit: muskulöse Jungen, die nach Machos aussehen und Mädchen, die sich schick und sexy kleiden. Populäre Medien, wie die Musiksender TMF und MTV haben maßgeblich zur Verbreitung von R&B als populären Stil, der viele Jugendliche in den Niederlanden anspricht, beigetragen.

Grafitti
Kunstvolle Verschönerung: Graffiti, Quelle: monkieyes/cc-by

Ein anderes Beispiel eines Stils, der in den Niederlanden viele Jugendliche anzieht, ist Hip Hop. Ursprünglich als Straßenkultur in schwarzen Arbeitervierteln großer Städte wie Chicago, Paris und London begonnen, ist Hip Hop seit den 1980er Jahren eine einflussreiche Musikform und ein Lebensstil in den Niederlanden. Begründer des niederländischen Hip Hop ist der Rapper LTH aus Surinam, ein Vorbild für viele andere schwarze Jugendliche dafür, durch Rap, Breakdance, Graffiti, Bewegungen, Sprachgebrauch und Kleidung einen eigenen Stil zu entwickeln. Mit ihren Raptexten drücken die Jugendlichen aus, was sie in ihrem Viertel und in ihrer Straße erleben. Sie verfassen so Anklagen gegen ihre Lebenssituation. In den Texten wird straattaal (wörtlich Straßensprache) verwendet, eine Mischung aus marokkanischen, surinamischen, englischen, türkischen und niederländischen Wörtern. Durch diese Sprache unterscheiden sich die Jugendlichen von anderen als separate Gruppe. Durch Hip Hop geben Jugendliche ihrer Identität Ausdruck und benutzen dabei verschiedene kulturelle Kontexte, zu denen sie gehören: zur niederländischen Gesellschaft, der marokkanischen Gemeinschaft, dem Islam, der ausländischen Minderheit. Jugendliche „spielen“ durch ihre Musik, ihre Sprache und ihrem Äußeren damit und lassen sich nicht in eine Ecke drängen.

Hip Hop

Hip Hop ist eine Musikform und ein Lebensstil, bei dem es nicht nur um das Rappen geht, sondern auch um spezielle Arten des Tanzens (Breakdance), Bewegens, des Sprachgebrauchs, der Kunst (Graffiti), der Kleidung und des Films. Hip Hop gibt Jugendlichen, besonders aus Arbeitervierteln großer Städte, ein Podium, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihr alltägliches Leben auf der Straße in Worte zu fassen. Mit der „Straße“ ist nicht nur der physische Raum oder die Wohngegend gemeint, aus der die Rapper kommen, sondern auch ein kulturelle Raum, der Normen und Werten, Ästhetik und Verhaltenscodes eine Form gibt, die das Alltagsleben in den Vierteln repräsentiert. Kennzeichnend für das Rappen ist die straattaal, die verwendet wird. Das ist eine Mischung aus marokkanischen, niederländischen, türkischen, englischen und surinamischen Wörtern. Musik, Sprache und Tanz: ein Mix aus kulturellen Stilen (Jugendlicher).

breakdance
Hip Hop: Breakdance prägt diese Art der Jugendkultur, Quelle: zabara_breakdance/cc-by

Neben diesen zwei Beispielen von Stilen, die nicht einzigartig für niederländische Jugendliche sind, aber durch Jugendliche in den Niederlanden doch einen eigenen Akzent, eine eigene Färbung und Interpretation erhalten haben, sind viele weitere Stile der Jugend zu erwähnen, die in den Niederlanden Anklang finden. Kennzeichnend für die meisten Jugendlichen von heute ist allerdings, dass sie sich nicht auf einen einzigen Stil, Musik- oder Modegeschmack festlegen, sondern diese kombinieren und wechseln. Trendhopping und Stilsurfen sind erlaubt. Durch das Kombinieren von Stilen zeigen Jugendliche, dass sie mit Trends und Marketingeinflüssen spielen. Jugendliche in größeren Städten sprechen eine Sprache, die mit ausländischen Wörtern gespickt ist. Sie flechten SMS- und Chat-Sprache in ihre tägliche Kommunikation ein. Trotz des großen Einflusses der (neuen) Medien und Marketingstrategien haben Jugendliche weiterhin das Bedürfnis zu zeigen, wer sie sind, wofür sie stehen und wo sie dazu gehören wollen. Die Stile Jugendlicher verleihen Einheit und Verschiedenheit gleichermaßen Ausdruck.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bogt, Tom ter/Hibbel, Belinda (Hrsg.): Wilde Jaren. Een eeuw jeugdcultuur, Utrecht 2000.

Haan, Jos de/Hof, Christian van ’t (Hrsg.): Jaarboek ICT en Samenleving 2006. De digitale generatie, Amsterdam 2006.

Hermes, Joke/Naber, Pauline/Dieleman, Arjan (Hrsg.): Leefwerelden van Jongeren, Bussum 2007.

Naber, Pauline: Alledaags leven. Hangjongeren & Dugouts, in: Het alledaagse leven : tradities en trends in Nederland 27, Zwolle/Utrecht 2010.

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