Jugendkultur in den Niederlanden


II. Spinningen und kwanselbieren: historische Formen der Jugendkultur

Jugendkultur ist kein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch in Bildern, Schriftstücken, Volkserzählungen und Liedern der ferneren Vergangenheit in den Niederlanden zu entdecken, insbesondere in der frühen Neuzeit. Gerard Rooijakkers zeigt in seiner Dissertation Rituele repertoires wie sich unverheiratete Mädchen und Jungen auf dem Land in Nordbrabant (im Süden der Niederlande) in der frühen Neuzeit trafen.[1] Die spielerische und herausfordernde Art und Weise, in der die Jugendlichen in dieser Zeit miteinander umgingen – trinken, tanzen, singen, physische Kontakte – fungierten laut Rooijakkers als wichtige Übergangsrituale zum Erwachsenenleben, zu einem Leben mit Ehe und Familie. Diese Übergangsrituale waren den geistlichen Eliten allerdings ein Dorn im Auge. Angeblich würden sie die Normen des Anstands und die von der Kirche diktierten Verhaltensregeln verletzen. Rooijakkers beschreibt spinningen, labbayen und kwanselbieren als informelle Treffen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die traditionsgemäß, jedoch nach ungeschriebenen Gesetzen verliefen.

Spinnerin
Die Spinnerin“ von William-Adolphe Bouguereau 1873: Handarbeitstreffen als Heiratsmarkt, Quelle: Wikimedia Commons

Spinningen waren Handarbeitstreffen, mit denen Mädchen und Frauen auf dem Land mit spinnen und anderen Arbeiten die Winterabende verbrachten. Während der Arbeit wurde viel geredet und gelacht, wurden Wissen und Wissenswertes ausgetauscht. Junge Mädchen wurden in die Geheimnisse der Frauenwelt eingeführt. Nach guter Tradition kamen die Jungen nach der Hälfte des Abends bei den spinningen auf einen Besuch vorbei. Es wurden Gesellschaftsspiele gespielt, gelacht und getanzt. Die Treffen boten den Jungen und Mädchen Gelegenheit, sich gegenseitig unverbindlich kennen zu lernen und einen Partner auszuwählen. In den Augen der Kirche und des wohlhabenden Bürgertums waren diese spinningen unkeusch und verwerflich, für die Jugendlichen ging es um die vergnügliche und herausfordernde Art und Weise, das andere Geschlecht kennen zu lernen.

Ebenso verdorben waren den katholischen Geistlichen zufolge die labbayen, „frivole und schamlose Zusammenkünfte von Jungen und Mädchen auf dem Land in Wirtshäusern oder an anderen Orten, um zu tanzen, zu trinken, sich zu vergnügen und zu tratschen,“ so schrieb der Moraltheologe Joseph Pauwels 1749. Er veröffentlichte ein Buch über Jugendtreffen solcher Art, um die Beichtväter über die Vergnügungen zu informieren und sie zu warnen. Da wurde gesungen, getanzt und Bier getrunken, während sich die Hände der Jungen und Mädchen beiläufig berührten. Es wurden Küsse ausgetauscht. Das war leichtfertig und nicht gestattet, so lautete sein Urteil. Wer an den Treffen teilnahm, brauchte nicht mit der Absolution im Beichtstuhl zu rechnen.

Die kwanselbieren schließlich sind das Bier und die stärkeren Getränke, die die Jugend anlässlich einer Hochzeit oder dem Bestellen eines Aufgebots tranken. Der Abschied von der Jugend und der Übergang zur Ehe wurde durch Gewehrschüsse in der Nähe des Hauses der Braut markiert („die Braut freischießen“) sowie durch das (gespielte) Absperren der Wege zum zukünftigen Brautpaar, damit es den jungen Leuten Geld und Getränke spendierten. Dieser Brauch fand auf der Straße oder auf Plätzen im Dorf statt und führte nicht selten zum Aufbrechen alter Fehden.

Diese Art Rituale wurden soweit es ging verboten, aber sie blieben trotzdem auf dem Land üblich. Sie boten Möglichkeiten, als junger Mensch eine eigene Lebenswelt zu schaffen, sich als Jungen und Mädchen zu treffen und Spaß zu haben auf einer Art „informellem Heiratsmarkt“.


[1] Vgl. Rooijakkers, Gerard: Rituele repertoires; Volkscultuur in oostelijk Noord-Brabant, 1559-1853, Nijmegen 1994.

Autorinnen: Pauline Naber und Veerle Knippels
Übersetzerin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bogt, Tom ter/Hibbel, Belinda (Hrsg.): Wilde Jaren. Een eeuw jeugdcultuur, Utrecht 2000.

Haan, Jos de/Hof, Christian van ’t (Hrsg.): Jaarboek ICT en Samenleving 2006. De digitale generatie, Amsterdam 2006.

Hermes, Joke/Naber, Pauline/Dieleman, Arjan (Hrsg.): Leefwerelden van Jongeren, Bussum 2007.

Naber, Pauline: Alledaags leven. Hangjongeren & Dugouts, in: Het alledaagse leven : tradities en trends in Nederland 27, Zwolle/Utrecht 2010.

Rooijakkers, Gerard: Rituele repertoires; Volkscultuur in oostelijk Noord-Brabant, 1559-1853, Nijmegen 1994.

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