Niederländischer Film


III. Jenseits von Gut und Böse: Widerstand im niederländischen Film

Premiere De Overval Premiere des niederländischen Widerstandsfilms De Overval: Tuschinski Theater Amsterdam 1962, Quelle: NA (914-6326)

Viele niederländische Filme beschäftigen sich mit dem niederländischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs. Als Klassiker unter Filmen mit diesem Thema gilt. De Overval (internationaler Titel: The Silent Raid) des Regisseurs Paul Rotha von 1962, dessen Skript – wie oft im niederländischen Nachkriegsfilm – auf eine reale Geschichte zurückgeht. Thema ist die heldenhafte und minutiös geplante Befreiung von Widerständlern aus dem Nazi-Arrest in Leeuwarden im Dezember 1944. Solche Aktionen gegen die verhassten Besatzer wurden von der niederländischen Bevölkerung mythologisiert und mussten nicht selten als Beweis für den allgemeinen Widerstand des niederländischen Volkes herhalten. Der Widerstand fand im nationalen Gedenken an den 2. Weltkrieg eine feste Verankerung.

Eine Million Besucher konnte Der Überfall bereits nach einem Monat verzeichnen. Es war, als wollten sich die Kinogänger davon überzeugen, was viele Niederländer damals ohnehin schon glaubten: dass ein Großteil der Landsleute dem heldenhaften Untergrund angehörte. Heute weiß man, dass nicht mehr als zehn Prozent der Niederländer tatsächlich am Widerstand beteiligt war.

In den 70er Jahren kamen andere Themen auf: freie Liebe, Sex und Rock´n´Roll. Der Krieg macht allein noch in Pastorale 1943 - nach dem gleichnamigen Roman von Simon Vestdijk - von sich reden. Der Film, den Wim Verstappen 1978 drehte, handelt von dem erbitterten Kampf einer holländischen Widerstandsgruppe gegen den lokalen Vertreter der NSB (Nationalsozialistische Bewegung in den Niederlanden). Als es endlich gelingt, den Mann zu liquidieren, schlagen die Deutschen umso drastischer zurück.

1981 kam Das Mädchen mit den roten Haaren unter der Regie von Ben Verbong auf den Markt. Wieder basiert die Handlung auf einem realen Hintergrund. In dem Film wird die Jurastudentin Hannie Schaft (Renée Soutendijk) zur Widerständlerin, als sie sieht, wie ein Junge von einem „Moffen“ erschossen wird. Historisch gesehen ist Het meisje met het rode haar ein einzigartiger Film, denn er bringt zum ersten Mal eine Frau als Symbol für den Widerstand hervor. Für Renée Soutendijk war es der internationale Durchbruch. Seitdem war sie in weiteren Kinofilmen (Abwärts von 1984, gemeinsam mit Götz George), aber mehr noch in Theater- und Fernsehproduktionen auch in Deutschland zu sehen.

Mitte der 80er Jahre folgen einige weitere, mittelprächtige Filme, in denen der Widerstand eine – wenn auch nur geringe – Rolle spielt: Der Eissalon, Im Schatten des Sieges und Das bittere Kraut. Der letztgenannte Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Margo Minco und wurde vom Regisseur Kees van Ostrum verfilmt. Er handelt von dem jüdischen Mädchen Sara (Ester Spitz), das in Amsterdam untertaucht. Der Vergleich liegt nahe mit Anne Frank, der Symbolfigur für den zweiten Weltkrieg in den Niederlanden. Seit dem Krieg ranken sich Geschichten und neue Erkenntnisse um das Schicksal der im KZ Bergen Belsen Umgekommenen. Zahlreiche Biographien sind abwechselnd mit den Neuauflagen ihrer Tagebücher und der Verfilmung ihres Lebens auf den Markt gekommen. Nicht eine jedoch seitens der Niederländer – und das, obwohl ihr Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern des Landes zählt.

Auch De Aanslag (Das Attentat) von Literatur-Ikone Harry Mulisch ist ein weltweit viel gelesenes Buch. 1986 wurde es von Fons Rademakers verfilmt und avancierte schnell zum berühmtesten niederländischen Film über den Krieg und seine Folgen. Der Film unterschied sich von seinen Vorgängern: Erstmals stand nicht der Widerstand während des Krieges im Vordergrund, sondern die Auseinandersetzung mit ihm in der Zeit danach. Als Widerstandskämpfer einen Offizier der holländischen Faschisten erschießen und den Leichnam vor das Haus von Antons Eltern legen, sind die Folgen für den Zwölfjährigen dramatisch. Die Familie wird von den Deutschen umgebracht, das Haus in Brand gesteckt. Wer hat den Anschlag verübt? … und warum? Die Suche nach Antworten wird Anton (Derek de Lint) fortan sein Leben lang begleiten. Schuld und Sühne, Erinnern und Verdrängen sind die Themen dieses von Rademakers subtil umgesetzten Films, der nicht nur in den Niederlanden ein großer Erfolg war. Auch international wurde die intelligente Verknüpfung mit der Gegenwart gewürdigt. Für Das Attentat konnte Rademakers nicht nur den Golden Globe, sondern auch den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film mit nach Hause nehmen.

Das Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen galt nach dem Krieg über Jahrzehnte als schwierig. Zu tief saßen bei den Nachbarn die Wunden der deutschen Besatzung. Seit den letzten 30 Jahren etwa hat sich die Beziehung jedoch zum Positiven verändert. Das ist auch im Film zu spüren, wie nicht zuletzt die Verfilmung des Romans De Tweeling (Die Zwillinge) von Tessa de Loo aus dem Jahr 2002 zeigt. Nach dem Tod ihrer Eltern wachsen die Zwillingsschwestern Anna (Nadja Uhl) und Lotte (Thekla Reuten) getrennt voneinander in Deutschland und Holland auf. Erst als Erwachsene begegnen sie einander per Zufall wieder. Die Schwestern, die sich einst sehr nahe waren, aber während des Krieges eine komplett unterschiedliche Sozialisation mit ebenso unterschiedlichen Moralvorstellungen erfahren haben, probieren die Annäherung. Regisseur Ben Sombogaart zeigte mit diesem Film auf subtile und menschliche Art und Weise, dass das Verhalten von Menschen in Kriegszeiten nicht so einfach in Raster eingeteilt werden kann.

Aktuelle Filme, die das Thema Widerstand zum Inhalt haben

Zwartboek (Black Book)

Zwartboek Black Book: Hauptdarstellerin Carice van Houten und Regisseur Paul Verhoeven 2007 , Quelle: Davide Dellacasa/cc-by-nc-sa 

2005, fast 30 Jahre nach seinem 1. Kriegsfilm Soldaat van Oranje (siehe Archiv/ Kurzportraits bekannter Filme) wagte sich auch Paul Verhoeven wieder an das Thema heran. Zwartboek (beziehungsweise Black Book wie der deutsche Titel lautet) war der erste niederländische Film nach zehn Jahren, der 2006 in Venedig um den Preis des Goldenen Löwen buhlte. Mit 17 Millionen Euro war er zugleich die teuerste niederländische Produktion aller Zeiten. Der Film ist – trotz internationaler Besetzung und Finanzierung sowie actionreicher Szenen á la Hollywood – ein durch und durch niederländischer Film.

Black Book trumpft mit Superlativen auf. Das Schwarzbuch spielt die Schlüsselrolle in diesem Film, in dem es um Verfolgung, Verrat und Kollaboration geht. Die junge, jüdische Sängerin Rachel Stein – deren Familie auf der Flucht von einer deutschen Patrouille ermordet wird – schließt sich gegen Ende des Krieges als Ellis de Vries dem holländischen Widerstand an. Als der Versuch misslingt, inhaftierte Mitglieder der Bewegung zu befreien, wird sie sowohl von den eigenen Leuten, als auch von den Nazis des Verrats beschuldigt. Das enthüllende Schwarzbuch hilft ihr, Rache zu nehmen.

Der Film kommt mit voller Fahrt daher. Die Ereignisse überschlagen sich. Hier gilt wörtlich: Ein Unglück kommt selten allein. Das macht Zwartboek zu einem rasanten, spannenden Film, der – trotz vieler brutaler Szenen – weniger als Kriegsdrama, denn als Spionagethriller überzeugt.

Unschwer ist eine Reihe von Zitaten aus Verhoevens früheren Filmen zu erkennen. So ist es kein Zufall, dass die Szene, in der van Houten ihr Schamhaar blondiert, um auch „untenrum“ wie eine „echte Arierin“ zu erscheinen, an Sharon Stones sliplosen Einsatz in Basic Instinct von 1992 erinnert. Auch die Fahrrad-Szene erinnert an einen früheren Film des niederländischen Kultregisseurs. In Soldaat van Oranje prompt beschlagnahmt („Absteigen. Die deutsche Wehrmacht braucht Ihr Fahrrad!“), ist es auch hier eine Metapher für das, womit die Deutschen, den Nerv der fietsverliebten Niederländer besonders trafen. Gleichzeitig ist die Szene, in der Ellis auf dem Gepäckträger eines Fahrrades mitgenommen wird und so fröhlich-lasziv an deutschen Soldaten vorbeiradelt eine Reminiszenz an Verhoevens berühmte Türkische Früchte, in der eine ähnliche Szene das unbeschwerte Lebensgefühl der Protagonisten zum Ausdruck brachte. Während Black Book für Carice van Houten das Sprungbrett für eine internationale Karriere war – für die Rolle der Rachel Stein wurde sie 2007 als beste Darstellerin für den Europäischen Filmpreis nominiert –, war der Film für Paul Verhoeven die Rückkehr in seine Heimat nach mehr als 20 Jahren Hollywood. “Nach dem 11. September hätte ich einen solchen Film in den USA nicht machen können. Da war nur Raum für oberflächliche Unterhaltung”, sagte der Wahlamerikaner in einem Zeitungsinterview. “Ich wollte mal nicht Epos und Abenteuer zeigen wie in Soldaat van Oranje, sondern die Schattenseite des Krieges”. Und dazu gehört das holländische Bekenntnis, dass auch Widerstandskämpfer falsch sein können und Nazis gut.

Oorlogswinter (Winter in Wartime)

2008 erschien mit Oorlogswinter ein weiteres Kriegsdrama der jüngeren Generation. Regisseur Martin Koolhoven (Schnitzelparadies) verfilmt darin die autobiographische Geschichte des hochrangigen Politikers und Kinderbuchautors Jan Terlouws, dessen Buch von 1972 seit seinem Erscheinen 62 Mal wieder aufgelegt und 300.000 Mal verkauft wurde. Oorlogswinter erzählt die Geschichte des 14-jährigen Michiel (gespielt von dem talentierten Martijn Lakemeier), der mit seiner Familie den letzten Winter des Zweiten Weltkriegs in der niederländischen Stadt Zwolle durchsteht und dabei durch Zufall Teil des Widerstands wird. Rund 850.000 Besucher zog der Film im Jahr 2009 allein in den Niederlanden in die Kinos und wurde in den Niederlanden und Belgien mit 37 Millionen Euro Einnahmen zum Kassenschlager.

Auch in den USA wurde der Film gezeigt, dank seiner Platzierung auf der sogenannten Shortlist der Oscar-Nominierungen für den besten nicht-englischsprachigen Film im Jahr 2009. Auf dieser Liste werden die Filme, die für eine Oscar-Nominierung in Frage kommen könnten, aufgenommen. Obwohl Oorlogswinter letztendlich nicht nominiert wurde, erwarb der amerikanische Filmverleih Sony Pictures die Rechte an der nur vier Millionen Euro teuren Produktion.

Sonny Boy

Auch Sonny Boy (2011) der niederländischen Filmproduzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Peters handelt in gewisser Weise vom Widerstand, wenngleich die Geschichte eigentlich eine verbotene Liebe zum Thema hat. Der farbige Waldemar Nods emigriert in den 1920er Jahren aus Surinam in die Niederlande, wo er sich in die 17 Jahre ältere, weiße Rika verliebt. Diese hat gerade ihren streng gläubigen Mann und ihre vier Kinder verlassen. Trotz aller Widerstände bleiben sie zusammen und kriegen einen Sohn, ihren Sonny Boy. Dann bricht der 2. Weltkrieg aus. Rikas Pension wird schnell zu einem Zufluchtsort für verfolgte Juden. Eines Tages aber fliegt das Versteck auf.

Von der Fachwelt wurde der ambitiöse Film nur durchschnittlich bewertet. So kritisierte der Filmkenner Thomas Hermssen im niederländischen Online-Portal Film Totaal, dass das Drehbuch schlecht, die Wahl der Akteure mäßig und auch die Kinderdarsteller besser gewählt hätten sein können. Lediglich seiner schönen Bilder wegen sei der Film sehenswert: „Sonny Boy bleibt ein braves Epos, aber wird nie das epische Meisterwerk sein, das der Niederländische Film so dringend braucht.“ Ob die Entscheidung also richtig war, just diesen Film ins Oscar-Rennen um den besten ausländischen Film 2012 zu schicken, bleibt abzuwarten.

Sueskind
Süskind: „Oskar Schindler der Niederlande“, Quelle: Independent Films Press Release/Jaap Vrenegoor

Süskind

Einer kleinen Sensation gleich kommt der Film Süskind, der im Januar 2012 an den Start gehen soll. Der Film erzählt die wahre – kaum bekannte - Geschichte des deutschen Juden Walter Süskind, der während des 2. Weltkriegs in Amsterdam für den Judenrat arbeitete. Süskind spielt ein gewagtes Doppelspiel mit SS-Hauptsturmführer Ferdinand Aus der Fünten (gespielt durch Fälscher-Darsteller Karl Markovics), wodurch es ihm gelingt, rund 1.000 jüdische Kinder vor der Deportation zu retten. Der Film, den der Regisseur Rudolf van den Berg gemeinsam mit der Produktionsgesellschaft Fu Works, die auch für Zwartboek verantwortlich zeichnet, auf den Weg bringt, soll Anfang 2012 in die Kinos kommen. Erst im vergangenen Jahr hatte Van den Berg für TIRZA, die nach dem Bestseller von Arnon Grunberg gedrehte Geschichte eines Mannes, der seine vermisste Tochter sucht, beim Niederländischen Filmfestival die Goldene Film-Trophäe erhalten. Laut Produzent San Fu Maltha ist Süskind ein Film voller Heldentum, Mut, Tragik und Verrat und seine Hauptperson der „Oskar Schindler der Niederlande“.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt:
Oktober 2011


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Der Trailer zum Film Zwartboek

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