Dutch Design


VI. Erneuerung und Diskurs in den Jahren 1980-2000: Die Entstehung des Dutch Design

Unzufriedenheit über die eingeschränkten Möglichkeiten, die die Industrie ihm ließ, war der Grund für Bruno Ninaber van Eyben, 1971 sein eigenes Designstudio zu gründen. Im Jahr 1976 gelang ihm sein Durchbruch mit einer ganz in Eigenverantwortung produzierten Halsuhr. Eine in Serie gefertigte Halsuhr hatte gute Aussichten, ein großer kommerzieller Erfolg zu werden und Ninaber bekam Subventionen, um sie produzieren zu können. Im Jahr 1979 gewann er als Erster den Kho-Liang-Ie-Preis für sein Gesamtwerk, das zu diesem Zeitpunkt außer aus der Halsuhr aus einer Leuchtstofflampe und einer Serie von Armbanduhren bestand. Ninaber wurde oft als einer der ersten selbstproduzierenden Designer bezeichnet. Die Produktion unter eigener Leitung kam in den 1970er Jahren als Folge des lückenhaften Zusammenschlusses zwischen Designerausbildung und der Industrie auf. Viele neue Designabsolventen konnten nur mühsam in der Industrie Fuß fassen und schrieben dies der Unkenntnis und dem Unwillen seitens der Unternehmer zu. Dies spielte zweifellos eine Rolle, aber bedeutender war die ausländische Konkurrenz, unter der viele niederländische Unternehmer zu leiden hatten. Diese sorgte dafür, dass im Laufe der 1970er Jahre viele Unternehmen bankrott gingen oder gezwungen wurden, in Niedriglohnländer auszuweichen. Die Investition in innovatives Design hatte in vielen Betrieben jedenfalls keine Priorität.

Beflügelt durch die Erfolge der Vorgängergruppe stieg die Anzahl selbstproduzierender Designer in den 1980er Jahren rasant an. Die meisten hatten an einer Akademie studiert, denn für wirtschaftlich und technisch ausgebildete Studenten der technischen Universitäten gab es in der Industrie mehr Stellen. Durch die Trennung des traditionellen Designunterrichts in die technische Designausbildung an technischen Universitäten in Delft und Eindhoven einerseits und die Designausbildung an Kunstakademien nach dem Krieg anderseits kam es zu einer viel stärkeren Unterscheidung zwischen Industriedesign als technische und Gestaltung als künstlerische Aufgabe. Insbesondere an der Akademie in Arnheim wurde letztere Annäherung bevorzugt. Ein Dozent wie Gijs Bakker regte Studenten dazu an, sich zu unternehmerischen, geschäftsorientierten Künstler-Designern zu entwickeln. Das gelang einigen besser als anderen. Im Jahr 1975 schlossen sich Hans Ebbing, Ton Haas und Paul Schudel als Vormgeversassociatie (dt. Designvereinigung) zusammen und begannen in eigener Verantwortung mit der Produktion und dem Vertrieb ihrer Entwürfe. Einige ihrer Entwürfe wurden auch durch andere Unternehmen vertrieben, wie die Tischlampe duck lamp von Hans Ebbing, die durch den Lampenhersteller Artimeta vertrieben wurde, oder die Leuchtstofflampe Diamond von Ton Haas, die von Raak produziert wurde.

Die Designer der Vormgeversassociatie waren erfolgreich und kamen in vielen Ausstellungen und Publikationen zum Zug, die dem Phänomen der selbstproduzierenden Designer gewidmet waren. Es wurde oft suggeriert, dass dies ein eigenständiges und typisch niederländisches Phänomen war, aber hierzu ist eine Anmerkung angebracht. Der Vertrieb in Eigenregie war in Wirklichkeit kein neues Phänomen: Bereits in den 1950er Jahren arbeiteten im Ingenieurbüro und -geschäft Bas van Pelt verschiedene Designer, die ihre Entwürfe am eigenen Arbeitsplatz umsetzten.[1] Jedoch produzierten Designer des englischen Arts & Crafts Movement und zum Beispiel von ’t Binnenhuis schon viele Jahre zuvor ihre eigenen Entwürfe.[2]

Ein ebenfalls neuer, aber wieder anderer Weg wurde in den 1970er und 80er Jahren in Italien eingeschlagen, wo die Kleinindustrie den Ton angab. Die dadurch erzeugte Flexibilität schuf den Nährboden für experimentelle Entwürfe der Studios Alchymia und Memphis, die oft in kleinen Serien produziert wurden. Das postmoderne Design dieser Kollektive drang Mitte der 1980er Jahre in die Niederlande vor und fand viele Nachahmer. Da die Objekte von Memphis und Alchymia vor allem durch Handarbeit zustande kamen, war es für selbstproduzierende Designer ziemlich einfach, sie am eigenen Arbeitsplatz zu imitieren. Gleichzeitig sorgte der Enthusiasmus der breiten Öffentlichkeit dafür, dass sehr schnell eine nicht geringe Anzahl postmoderner Teekessel, Kaffeetassen und Platzdeckchen aus den Fabriken rollte. Aber außer oberflächlichen Kopien hat vor allem der Einfluss von Memphis auch viel Positives gebracht. So wurde der Grundstein für eine neue Entwicklung im niederländischen Design gelegt, bei der Ausdruckskraft und der persönliche Beitrag des Designers immer mehr geschätzt wurde. Die Künstler-Designer, die aus dieser Bewegung hervorgingen, rechtfertigten ihre Präsenz im Scheinwerferlicht durch den Verweis auf die Stars von Memphis und Alchymia. Der Begriff der industriellen Formgebung machte Platz für Design, der Formgeber oder Gestalter wurde ein Designer. Dabei wurden die Ideale der Guten Form und der Funktionalismus ausdrücklich aufgegeben. Der postmoderne Gebrauchsgegenstand löste sich von seiner Verwendungsfunktion und Bedeutung sowie Konzept rückten in den Vordergrund, genau wie es zwanzig Jahre zuvor im Bereich Schmuckdesign geschehen war.

Die 1980er Jahre können also als prägende Jahre für das niederländische Produktdesign charakterisiert werden. In diesem Zusammenhang ist auch von der Emanzipation des Fachgebiets die Rede.[3] Zumindest, eines Teils des Fachgebiets, denn während der überwiegende Teil der Designer ihrer Arbeit unbemerkt weiter für Betriebe und die Industrie nachgingen, war es eine viel kleinere Gruppe kritischer Designer, die ab den 1980er Jahren bis zum Jahr 2000 nationale und internationale Anerkennung errang.[4] Die eigenständigen Entwürfe dieser Designer waren aufgrund der Assoziation mit bildender Kunst ein populäres Thema für Ausstellungen in Galerien sowie Museen und Veröffentlichungen in Zeitschriften fanden reißenden Absatz bei einem neuen, designverliebten Publikum. Im Jahr 1987 schien die Aufmerksamkeit von Museen und Kunsthistorikern mit der Veranstaltung Holland in Vorm (dt. Holland in Form) einen vorläufigen Höhepunkt erreicht zu haben.

Tejo Remi
Tejo Remi entwarf eine Ansammlung aus Schubladen, die zusammen mit einem Riemen ein Ganzes ergeben, Quelle: jsigharas/cc-by-nc-sa

Daran annähern konnte man sich erst wieder 1993 durch die Präsentation von Droog Design beim Salone del Mobile in Mailand. Unter dem Namen Droog stellten Renny Ramakers und Gijs Bakker dort eine Gruppe junger Designer vor, die häufiger als je zuvor Produkte entwarfen, die Fragen aufwarfen statt Lösungen anzubieten. Ein bekanntes Beispiel ist der Schrank you cannot lay down your memory von Tejo Remy, der aus einer Ansammlung alter Schubläden besteht, die durch einen Riemen zusammengehalten werden. Der Entwurf von 1991 rückt Themen wie Erinnerung, (emotionale) Werte und Wiederverwendung in den Vordergrund.

Ein anderer früher Entwurf war der Kronleuchter 85 Lamps von Rody Graumans, der, wie der Name schon sagt, aus 85 gebündelten Glühbirnen besteht. Außerdem hängen die Lüsterklemmen als dekorative Traube beieinander. Diese Aufwertung des Alltäglichen, die Betonung von Emotion und Bedeutung und das Verwerfen der funktionalistischen Normen hatte bereits in den 1980er Jahren eingesetzt, aber es geschah nun zum ersten Mal, dass Designer so deutlich auf die Aktivität des Gestaltens hinwiesen und damit eine Debatte über Design anregten.[5]

Der innovative und eigensinnige Gestaltungsstil von Droog bewirkte in der Welt des niederländischen Designs einen kleinen Erdrutsch. Schon bald gelang dem Dutch Design mit Droog als Flaggschiff und der Design Academy in dessen Kielwasser auch der internationale Durchbruch. Die Akademie aus Eindhoven wurde am Ende der 1980er Jahre reorganisiert und in acht neue Studienrichtungen aufgeteilt, wobei sehr deutlich zwischen Industriedesign als technischer Aufgabe und dem konzeptionellen, eigenständigen Design, das in den 1980er Jahren in den Vordergrund trat, unterschieden wurde. Eindhoven entschied sich für letzteres und überließ die Ausbildung von Ingenieuren den technischen Universitäten. Das wurde eine Erfolgsgeschichte. Die Krönung folgte 2003, als The New York Times die Design Academy zur besten Designausbildung der Welt kürte.[6]

Droog Design
Droog Design Geschäft in Amsterdam, Quelle: /NBTC

Der Erfolg der Design Academy hielt um die Jahrhundertwende in etwa mit dem weltweiten Vormarsch von Droog Schritt. In Amsterdam, Dubai, Taipeh, Istanbul, Tokio und New York wurden Droog-Geschäfte eröffnet, aber abgesehen von einigen kleinen kommerziellen Erfolgen blieben Museen die wichtigsten Käufer: So kaufte das Centraal Museum Utrecht 1997 und 2000 die vollständige Kollektion der vorangegangenen Jahre. Daneben erhielt Droog von der niederländischen Regierung viel Unterstützung, die sich gern mit dem Paradebeispiel der nationalen Kulturindustrie schmückte. Droog wurde deshalb auch vorgehalten, sich zu sehr in der Kulturszene zu verstecken und zu abhängig von Subventionen zu sein.[7] Ein originelles Konzept und die Zurschaustellung eines kreativen und kritischen Denkprozesses hatte für Droog-Designer schließlich Priorität. Die Machbarkeit der (industriellen) Produktion war dabei von untergeordneter Bedeutung.

Im Jahr 2000 unternahm die Ausstellung Droog & Dutch Design mit Entwürfen aus der Kollektion des Centraal Museum Utrecht eine Rundreise durch die Museen in Jerusalem, Tokio und Kolding (Dänemark). Droog und Dutch Design wurden in jenen Jahren synonym verwendet.[8] Es schien neben dem überwältigenden Erfolg von Droog keine andere niederländische Variante von Design zu geben. Eine Plattform für das vollständige Spektrum des niederländischen Designs existierte nicht. Das Vormgevingsinstituut, das 1993 als Nachfolger des IIV gegründet wurde und einen breiteren Ansatz zu Gestaltung anstrebte, musste 2000 seine Türen bereits wieder schließen. Der Nachfolger ließ nicht lange auf sich warten, da schon 2002 Premsela, das niederländische Institut für Mode und Design, ins Leben gerufen wurde.


[1] Vgl. Fuhring, P./Eggink, R.: Binnenhuisarchitectuur in Nederland: 1900-1981, Den Haag 1981, S. 87.
[2] Vgl. Huygen, F.: Tussen ambacht en industrie. Ontwerpen op eigen initiatief’, in: Items Nr. 14 (1984).
[3] Vgl. Staal, G.: Going Dutch: the Eindhoven Connection, in: Schouwenburg, L./Staal, G.: House of Concepts. Design Academy Eindhoven, Amsterdam 2008, S. 230.
[4] Vgl. Simon Thomas, M.: Goed in vorm: honderd jaar ontwerpen in Nederland, Rotterdam 2008, S. 205.
[5] Vgl. Ramakers, R.: Tussen kunstnijverheid en industriële vormgeving: de Nederlandse Bond voor Kunst in Industrie, Utrecht 1985. S. 25.
[6] Im Jahr 1997 änderte die Academie voor Industriële Vormgeving Eindhoven (AIVE) ihren Namen in The Design Academy.
[7] Siehe unter anderem: Beumer, G./Schouwenberg, L.: De Stille Kracht van vormgeving, in: Metropolis M Nr. 1 (2004), S. 129–140; Huygen, F.: Droog serveren, in: Metropolis M Nr. 3 (2004), S. 47–57; Rock, M.: Mad Dutch Disease, Premselalezing vom 19. März 2004, 2004, Onlineversion.
[8] Vgl. Kaal, R.: Wannabe Art, in: Frame Nr. 37, Jg. 8 (2004), S. 140–142.

Autorin: Roosmarijn Hompe
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Beumer, G./Schouwenberg, L.: De Stille Kracht van vormgeving, in: Metropolis M Nr. 1 (2004), S. 129–140.

Fuhring, P./Eggink, R.: Binnenhuisarchitectuur in Nederland: 1900-1981, Den Haag 1981.

Huygen, F.: Tussen ambacht en industrie. Ontwerpen op eigen initiatief’, in: Items Nr. 14 (1984).

Huygen, F.: Droog serveren, in: Metropolis M Nr. 3 (2004), S. 47–57.

Kaal, R.: Wannabe Art, in: Frame Nr. 37, Jg. 8 (2004), S. 140–142.

Ramakers, R.: Tussen kunstnijverheid en industriële vormgeving: de Nederlandse Bond voor Kunst in Industrie, Utrecht 1985.

Rock, M.: Mad Dutch Disease, Premselalezing vom 19. März 2004, 2004. Onlineversion

Simon Thomas, M.: Goed in vorm: honderd jaar ontwerpen in Nederland, Rotterdam 2008.

Staal, G.: Going Dutch: the Eindhoven Connection, in: Schouwenburg, L./Staal, G.: House of Concepts. Design Academy Eindhoven, Amsterdam 2008, S. 223–311.

Links

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Ausführliches Dossier zum Thema Creatieve Industrie in den Niederlanden Creatieve Industrie

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