Das Deutschland-/Niederlandebild


III. Erhöhte Empfindlichkeit vs. Normalisierung in den 1960er Jahren

Um 1960 verschlechterte sich die Stimmung gegenüber der Bundesrepublik. Sowie in vielen westlichen Ländern zeigte sich zu dieser Zeit auch in den Niederlanden, dass der Zweite Weltkrieg noch viel näher war, als viele in den fünfziger Jahren gedacht hatten oder zuzugeben bereit gewesen waren. Die Phase des Wiederaufbaus ging zu Ende, die internationalen Beziehungen schienen einigermaßen stabilisiert, und es gab allmählich mehr Raum für Fragen über die Kriegszeit, die man bis dahin selten gestellt hatte. „Die Wiederbelebung der Kriegserinnerungen“, berichtete der deutsche Botschafter Joseph Löns in Den Haag im März 1960 dem Auswärtigen Amt, „ist für uns nicht ohne Gefahren“. Er fürchtete „eine neue Versteifung der ohnehin nur wenig aufgetauten Haltung der Niederländer gegenüber der Bundesrepublik und den Deutschen.[1]

Hochzeitvon Königin Beatrix und Prinz Claus am 10. Juni 1966 in der Westerkerk in Amsterdam
Hochzeit von Königin Beatrix und Prinz Claus am 10. Juni 1966 in der Westerkerk in Amsterdam, Quelle: ANEFO/GaHetNa/cc-by-nc

Die Wiederentdeckung des früheren Feindes und heftige Reaktionen auf Personen und Ereignisse, die sich mit der NS-Vergangenheit in Zusammenhang bringen ließen: das ist die eine Seite der politisch-psychologischen Beziehung in den sechziger Jahren. Mit großer Empfindlichkeit reagierte die niederländische Öffentlichkeit z.B. im Jahre 1965/66 auf die Verlobung und Ehe von Prinzessin Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg. Die wichtigste Frage, die die Gemüter beherrschte, war die nach der Rolle Claus von Amsbergs im Dritten Reich. Wie viele Jugendliche war auch von Amsberg am Ende des Krieges noch in der deutschen Kriegsmaschinerie eingesetzt worden. Im Alter von achtzehn Jahren war er im März 1945 noch zu einer Panzerdivision der Wehrmacht in Italien geschickt worden, aber von einer Kampffront konnte inzwischen keine Rede mehr sein. Von Amsberg nutzte die Verwirrung unter den im Rückzug begriffenen deutschen Truppen und meldete sich einige Wochen später, ohne einen Schuss abgegeben zu haben, zusammen mit anderen Jugendlichen bei den Amerikanern. Nach einer kurzen Zeit der Kriegsgefangenschaft wurde er im August 1945 nach München gebracht, mit einem positiven Ergebnis politisch überprüft und anschließend von den Alliierten als Dolmetscher eingesetzt. Das war eine harmlose Kriegsbiographie, aber die niederländische Öffentlichkeit war schwer zu beruhigen. Kennzeichnend für diese Empfindlichkeit war auch die Frage, ob von Amsberg aus niederländischer Sicht fähig und bereit wäre, sich die Lebenswelt der „guten“ Niederlande anzueignen. Bejahte man dies – und nachdem von Amsberg im Fernsehen und in der Presse durch ein niederländisches „Kreuzverhör“ hindurchgegangen war, neigten viele dazu – dann konnte sein deutscher Hintergrund allmählich verblassen, und war Akzeptanz möglich. Charakteristisch in diesem Zusammenhang war die Diskussion innerhalb der niederländischen Regierung über die Änderung seines ersten Vornamens von „Claus“ in „George“. Dass „George“ ebenso wenig ein niederländischer Name war, spielte keine Rolle, wohl aber war von Amsberg offensichtlich akzeptabler, je mehr er „entdeutscht“ wurde.

Die andere Seite der politisch-psychologischen Beziehungen der sechziger Jahre ist die der fortschreitenden Normalisierung. Im Herbst 1964 fand in Rotterdam eine „deutsche Woche“ statt, deren Programm Theater, Musik, Ballett aus der Bundesrepublik, Sportwettkämpfe, kommerzielle Werbeaktivitäten, Ausstellungen und einen gemeinsamen Gottesdienst umfasste. In Anwesenheit von Prinzessin Beatrix, Außenminister Jozef Luns und anderer hoher Repräsentanten beider Länder nahm der deutsche Außenminister Gerhard Schröder die offizielle Eröffnung vor, dankte in angemessenen Worten der Stadt Rotterdam für die „Geste offenherziger Nachbarschaft“ und hielt eine ebenso angemessene Rede zur europäischen Zusammenarbeit. Der Rotterdamer Bürgermeister G. van Walsum beeindruckte, indem er ausdrücklich auf die Empfindlichkeiten einging, die die deutschen Veranstaltungen in Rotterdam hervorriefen, aber hinzufügte, dass er es persönlich nicht nötig habe, die Deutschen stets wieder mit der Besatzungszeit zu konfrontieren.[2]

Eröffnung der Deutschen Woche 1964 in Rotterdam Prinzessin Beatrix begrüßt den deutschen Außenminister Gerhard Schröder
Eröffnung der Deutschen Woche 1964 in Rotterdam: Prinzessin Beatrix begrüßt den deutschen Außenminister Gerhard Schröder, Quelle: ANP/Dick Coersen/cc-by-nc-nd

Indem er dieses „schmerzliche Thema auf beinahe schmerzlose Weise“ berührt hatte, wie die katholische Volkskrant van Walsums Worte umschrieb, und durch die einfühlsamen deutschen Reaktionen darauf wurde die „deutsche Woche“ zu dem erhofften neuen Impuls auf dem Weg zu einer besseren Beziehung.[3] Der deutsche Botschafter Dr. Hans Berger äußerte sich Anfang Oktober 1964 in einem Rückblick sogar beinahe euphorisch. Durch die „deutsche Woche“ seien niederländische Ressentiments „ein gutes Stück“ zurückgedrängt worden, und den Zeitungsredaktionen sei inzwischen bewusst, dass „die sture Ablehnung alles Deutschen nicht unbedingt mehr ein Patentrezept ist, um die Auflagen ihrer Zeitungen zu erhöhen“. Positiv sei außerdem, dass die Niederländer während des gemeinsamen Gottesdienstes – „endlich kann man sagen“ – gehört hätten, dass die Zeit der Vergebung und Versöhnung angebrochen sei.[4]

Mit diesem Optimismus ging Berger zwar ziemlich weit, aber unverständlich war seine Erleichterung nicht. Im März 1964 hatte Ludwig Erhard als erster Bundeskanzler die Niederlande besucht und dieser Besuch war von der niederländischen Öffentlichkeit ebenfalls positiv aufgenommen worden. Und so war die „deutsche Woche“ ein zweiter Lichtblick innerhalb eines Jahres: Die Stadt an der Maas war für eine Woche mit deutschen Flaggen geschmückt gewesen, alle Straßenbahnen hätten die niederländischen und deutschen Farben gezeigt, und Zwischenfälle waren ausgeblieben. Es war viel von Annäherung gesprochen worden, und das Königshaus hatte den versöhnlichen Botschaften durch seine Anwesenheit Glanz verliehen. Nicht zuletzt hätten auch die Medien wohlwollend, wenn auch nicht ausführlich, über die „deutsche Woche“ berichtet. Nach den düsteren Betrachtungen über die deutsch-niederländischen Beziehungen aus den vorangegangenen Jahren konnte tatsächlich der Eindruck entstehen, dass das Jahr 1964 eine Veränderung zum Guten herbeigeführt hatte.

Das Ergebnis einer NIPO-Umfrage unter Niederländern vom Juli 1965 bestätigt diese positive Entwicklung:

Tabelle 2: Wie sind Ihre eigenen Gefühle gegenüber dem deutschen Volk? (1965)
Quelle: NIPO-Bericht Nr. 1063 vom 22. Juli 1965.
Einstellung Anteil
sehr freundlich 7%
ziemlich freundlich 61%
ziemlich unfreundlich 16%
sehr unfreundlich 4%
keine Meinung 12%

Inzwischen war eine große Mehrheit der niederländischen Bevölkerung den Deutschen gegenüber freundlich eingestellt. 1953 hatte man eine vergleichbare Frage zuletzt gestellt (siehe Tabelle 1), und seitdem war der Anteil „freundlicher“ von 54 auf 68 Prozent gestiegen. Zwar hatte auch der Prozentsatz der „Unfreundlichen“ zugenommen, aber in viel geringerem Ausmaß (von 17% 1953 auf 20%). Mit anderen Worten: Einerseits konnte man von einer deutlichen Verbesserung der psychologischen Beziehung sprechen, andererseits gab es noch stets eine große Minderheit, die negative Gefühle gegenüber den Deutschen hegte.

Fügt man die positiven und negativen Tendenzen der Entwicklung im politisch-psychologischen Bereich zusammen, dann entsteht für die sechziger Jahre ein ambivalentes Bild von einerseits heftigen Emotionen und andererseits wachsender Nüchternheit. Beide Tendenzen lassen sich nicht völlig trennen. So schloss die instinktive Ablehnung der Hochzeit von Prinzessin Beatrix mit einem Deutschen nicht unbedingt aus, dass man gleichzeitig ein Auge für die positiven Entwicklungen z.B. der Demokratie in der Bundesrepublik hatte.

Wichtiger Einschnitt im bilateralen Verhältnis war das Jahr 1969. Seit den frühen sechziger Jahren hatte Bonn wiederholt  bei der niederländischen Regierung vorgefühlt, ob Den Haag nicht die Zeit für eine persönliche Begegnung zwischen Bundespräsident Heinrich Lübke und Königin Juliana für gekommen halte. Mit allen westlichen Staatsoberhäuptern hätten inzwischen Treffen stattgefunden oder waren in naher Zukunft geplant. Nur mit der niederländischen Monarchin sei dies noch nicht der Fall. Könne ein Staatsbesuch die Beziehungen nicht erheblich verbessern? Erst mit der Wahl von Gustav Heinemann (SPD) zum Bundespräsidenten im März 1969 gab Den Haag seine abweisende Haltung in dieser Hinsicht auf. Dabei spielte vor allem eine Rolle, dass Heinemann im Gegensatz zu seinem Vorgänger Heinrich Lübke eine unbestritten anti-nationalsozialistische Vergangenheit hatte. Dennoch haute man bei der Vorbereitung von Heinemanns Besuch zur Verhinderung von Unruhen in der niederländischen Öffentlichkeit zahlreiche „Sicherheitsmechanismen“ ein. Auf den vorsichtigen deutschen Vorschlag eines Besuchs Anfang 1970 reagierte die niederländische Regierung ablehnend, „weil es dann 25 Jahre her ist, dass die Niederlande vom deutschen Joch befreit wurden“[5] Hatte Den Haag bis dahin mit Blick auf die Öffentliche Meinung keinen deutschen Staatsbesuch gewollt, drang man nun mit demselben Argument darauf, den Besuch vorzuziehen und noch 1969 stattfinden zu lassen. Ende November wurde als ein geeigneter Zeitpunkt angesehen, der auch genügend zeitlichen Abstand zu den Gedenkfeiern zur Befreiung des Südens der Niederlande im September 1944 hielt.

Bundespräsident Gustav Heinemann legt bei seinem Staatsbesuch 1969 einen Kranz an der Gendekstätte Hollandse Schouwburg nieder
Bundespräsident Gustav Heinemann legt bei seinem Staatsbesuch 1969 einen Kranz an der Gendekstätte Hollandse Schouwburg nieder, Quelle: ANEFO/GaHetNa/cc-by-sa

Und so besuchte Bundespräsident Gustav Heinemann vom 24. bis zum 27. November 1969 als erstes deutsches Staatsoberhaupt seit 62 Jahren offiziell die Niederlande. Nicht nur der Zeitpunkt des Besuchs war wohl überlegt, auch das Programm wurde mit größtmöglicher Sorgfalt vorbereitet. So setzte man auf niederländischer Seite eine Kontaktgruppe ein, in der u.a. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft und des ehemaligen Widerstands saßen. Darin wurden von jüdischer Seite Einwände gegen den Vorschlag des deutschen Botschafters Hans Arnold vorgebracht, dass Heinemann das Anne-Frank-Haus besuchen sollte.  Rabbi Soetendorp sah darin „eine Entweihung“, einen kurzen Besuch der Gedenkstätte der Judendeportation Hollandse Schouwburg hielt er dagegen für angemessen.[16] Die Hollandsche Schouwburg, ein früheres Theater, war während der deutschen Besatzung die Sammelstelle in Amsterdam, wo für zehntausende Juden die Deportation zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern begonnen hatte. Tatsächlich sollte Heinemann diesen für die Judenverfolgung in den Niederlanden so bedeutenden Ort besuchen und dort einen Kranz niederlegen. Dasselbe tat er beim Nationalmonument auf dem Amsterdamer Dam. Als dritten symbolträchtigen Ort besuchte er die im Mai 1940 durch deutsche Luftangriffe zerstörte und wieder aufgebaute St. Laurens-Kirche in Rotterdam.

Es war der Person Heinemanns zu verdanken, dass in dem politisch-psychologischen Normalisierungsprozess Fortschritte gemacht wurden. Seine Vergangenheit als Mann der Bekennenden Kirche, seine religiös gefärbte Bußfertigkeit und seine moralischen Gesten machten den Besuch zu einem Erfolg. Endlich, so kann man die niederländischen Reaktionen zusammenfassen, kamen von deutscher Seite die moralischen Gesten, auf die man so lange gewartet hatte. Damit krönte Heinemann die bilaterale politische Normalisierung, die 1963 mit der Ratifizierung des sog. Ausgleichsvertrages (u.a. Wiedergutmachung) formal vollzogen worden war.

Wichtiges Ereignis für das politisch-psychologische Verhältnis war auch das Zustandekommen der sozialliberalen Regierung von Willy Brandt 1969. Nach den Bundestagswahlen jenes Jahres beherrschten erstmals seit 1949 nicht Wachsamkeit, Skepsis oder Ambivalenz die niederländische Wahrnehmung, sondern das Bewusstsein, dass die Bundesrepublik dabei war, eine „normale“ Demokratie zu werden. Dieses Vertrauen gründete sich nicht nur auf den Wahlausgang (die rechtsextremistische NPD war an der Fünfprozenthürde gescheitert), sondern auch auf die Person des neuen Bundeskanzlers, der ebenso wie Gustav Heinemann für viele Niederländer das „bessere“ Deutschland verkörperte. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, verkündete Willy Brandt im Herbst 1969 in seiner ersten Regierungserklärung. Mit der Bildung der SPD/FDP-Regierung begann nicht nur für die Bundesrepublik eine neue Ara. So wie der neue Bundeskanzler in der Bundesrepublik selbst eine Brücke zwischen vielen kritischen Westdeutschen und ihrem Staat schlug, so erleichterte er es den Niederländern, sich weiter von den alten Klischees zu lösen. Sicherlich hing das auch mit Brandts neuer Ostpolitik zusammen. Der Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos symbolisierte einen neuen deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit, nach dem man in den Niederlanden stets sehnsüchtig Ausschau gehalten hatte. Gerade in den Niederlanden, wo die Bedeutung einer engen Verbindung von Moral und Außenpolitik oft betont wird, führte dieses „andere“ Gesicht Deutschlands zu einer Welle der Sympathie und des Vertrauens in die sich wandelnde Bundesrepublik. Westdeutschland begann so auszusehen, wie sehr viele in den Niederlanden es gerne sahen.


[1] Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn (PA), B 24, Bd. 439, S. 254 vom 29. März 1960.
[2] o.A.: Duitse week in Rotterdam officieel geopend, in: Nieuwe Rotterdamse Courant (NRC) vom 22. September 1964.
[3] o.A.: Duitse week in Rotterdam door Schröder geopend, in: de Volkskrant vom 22. September 1964.
[4] PA, B 24, Bd. 545, Berger an AA vom 8. Oktober 1964.
[5] Archiv Buitenlandse Zaken Den Haag (BuZa), Archiv Ambassade Bonn (AAB), Geheime Stukken (GS), Blok 3, 272, Staatsbezoek Bondspresident, Dl. l, Aufzeichnung Luns an S. vom 21. Juli 1969.
[6] Ebd., Aufzeichnung Chef DKP an M., 29. September 1969.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Wielenga, Friso: Zwischen Annäherung und Distanz – Niederländer und Deutsche seit 1945, in: Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000. S. 55–85.

Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000. Onlineversion

Wielenga, Friso: Die Niederlande: Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

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