Blumenland Niederlande


II. Tulpomanie: Von der Liebhaberei zur Spekulation


Tulpen waren hochgeschätzt, selten und darum kostbar – der Diebstahl der wertvollen Zwiebeln war ein verbreitetes Verbrechen. Schon de L’Écluse wurde mehrfach beraubt. Mindestens dreimal überwältigten ihn Räuber und machten sich mit seinen Zwiebeln aus dem Staub. Seit etwa Ende des 16. Jahrhunderts wurden seltene Pflanzen und Blumen nicht mehr nur getauscht, sondern kommerziell gehandelt. Auch einige einstige Liefhebbers stiegen in das Geschäft ein. Mit dem Aufkommen des lukrativen Handels bemühten sich die Züchter noch intensiver, neue Sorten zu ziehen. Vor allem aber wollten sie pro Tulpe mehr der Tochterzwiebeln ernten, über die sich die Pflanzen vermehren.

Blumenzwiebeln
Trockene Blumenzwiebeln, Quelle: Keukenhof

Mit den Zwiebeln gehandelt wurde zunächst nur während der Pflanzzeit, in den Sommermonaten. Da die Nachfrage stieg, das Angebot aber konstant blieb, gingen die Käufer schnell immer größere Risiken ein. Bald kauften und verkauften Händler mehr und mehr Zwiebeln, die sich noch in der Erde befanden und erst nach der Blüte ausgegraben werden konnten – eine frühe Form des hochspekulativen Terminkontrakts war geboren. Für den Käufer war das Risiko extrem hoch, denn niemand konnte vorhersehen, ob die gehandelten Tulpenzwiebeln in der neuen Saison wieder blühen würden. Zudem stiegen nun auch Betrüger in das Geschäft ein, die Allerweltstulpen als kostbare Exemplare ausgaben. Ab etwa 1634 bestimmten Spekulanten den Markt, die Tulpenzwiebeln erwarben, um sie bei steigenden Preisen mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Eine Tulpenzwiebel für 10.000 Gulden

Einige Sorten, vor allem die der selteneren Tulpen mit gemusterten Blüten, waren schon seit Beginn des Handels sehr teuer. In den 1630er Jahren aber zogen die Preise fast aller Sorten an, zum ein Teil stiegen sie auf das Zwölffache. Die teuerste Tulpe war die „Semper Augustus“ mit blauem Blütenboden und weißen Blättern, auf denen rote Flammen zu spielen schienen. Sogar nur wenige der Zeitgenossen werden diese Tulpe je gesehen haben, denn von dieser raren Sorte kursierten im ganzen Land meist nur rund ein Dutzend Tulpen-Zwiebeln. Diese leisteten sich nur die reichsten und dekadentesten Sammler, denn eine Zwiebel der „Semper Augustus" konnte 10.000 Gulden kosten. Das entsprach dem Preis eines edlen Amsterdamer Stadthauses in bester Grachtenlage. Damit waren Zwiebeln im Handel, die einen größeren Wert als Gold oder Edelsteine hatten. An den niederländischen Börsen freuten sich die Händler und Spekulanten über Gewinne in unglaublicher Höhe.

Semper Augustus
Die teuerste Tulpe war die „Semper Augustus", Quelle: Wikipedia

Schon damals empörten sich viele Zeitgenossen über diesen haarsträubenden Luxus. Die hitzigen Diskussionen fanden ihren Niederschlag in Pamphleten und Schmähschriften, aber auch in der Malerei. Jan Brueghel malte eine böse Allegorie auf den seinerzeit grassierenden Tulpenwahn. Im Bild drängeln sich Affen um Tulpenzwiebeln, schachern und versuchen, die anderen zu übervorteilen. Mit der jüngsten Finanzkrise hat es dieses Gemälde wieder in viele aktuelle Medien geschafft.[1]

Der schwarze Februar von Haarlem

Im Februar 1637 schließlich kam das böse Erwachen. In Haarlem konnte bei einer Versteigerung keine der angebotenen Tulpenzwiebeln zu dem verlangten Preis verkauft werden. In den nächsten Tagen brach dann in den gesamten Niederlanden der Tulpenmarkt zusammen. Sobald sich keine neuen Käufer mehr fanden, fiel der Wert von Tulpen um mehr als 95 Prozent. Am Ende der Spekulationsblase fanden sich Händler mit Verpflichtungen, Tulpenzwiebeln im Sommer zu einem Preis weit über den aktuellen Marktpreisen zu erwerben, während andere Tulpenzwiebeln verkauft hatten, die nur noch einen Bruchteil des Wertes besaßen, für den sie ihnen abgekauft wurden.

Warum die Preise zuerst himmelhoch stiegen und dann von einem Tag auf den anderen abstürzten, darüber gibt es verschiedene Theorien. Der Tulpenwahn kann als erster überlieferter „Börsencrash“ in der Geschichte betrachtet werden und wird darum bis heute von Ökonomen analysiert. 1841 brachte der schottische Journalist Charles Mackay in seinem Buch „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds“ erstmalig die Idee eines „Massenwahns“ um die Blume ins Spiel. Mackay ging davon aus, dass der Tulpenwahn die am Handel Beteiligten ruiniert und der niederländischen Wirtschaft insgesamt einen schweren Schaden zugefügt habe. Erst in den 1980er Jahren setzten sich Ökonomen kritisch mit seiner Deutung auseinander.

Persiflage auf die Tulpomanie
Persiflage auf die Tulpomanie, Quelle: Jan Brueghel der Jüngere

Wahn oder Wirtschaftsalltag? Deutungen des Tulpenwahns

Zuerst wies der amerikanische Wissenschaftler Peter M. Garber auf zeitgleiche Beulenpestwellen in Europa hin. Diese brachten nicht nur durch Erbschaften viel Geld in den Umlauf, sondern hätten auch Risikokäufe gefördert. Der Ökonom Earl A. Thompson sieht den Preissturz dagegen als Reaktion auf die Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg. Der Vormarsch der Schweden nach Brandenburg habe die Hoffnung auf einen neuen Absatzmarkt für die überteuerten Tulpen bei den deutsche Fürsten zunichte gemacht.

Die Historikerin Anne Goldgar führt aus, dass das Phänomen des Tulpenwahns vermutlich nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung betraf. Die zeitgenössischen Berichte über den massenhaften Handel stuft sie als reine Propaganda ein. Zu der kleinen Gruppe der Händler hätten weder Angehörige der obersten noch der untersten gesellschaftlichen Schichten gehört. Zudem sei der Handel mit Tulpen ein rein urbanes Phänomen gewesen, habe also die Landbevölkerung in keiner Weise betroffen. Goldgar argumentiert, dass die städtischen Händler zudem im Umgang mit den Risiken des spekulativen Handels vertraut waren. Unstrittig ist, dass in der auf den Seehandel orientierten niederländischen Wirtschaft spekulative Geschäfte durchaus die Regel waren. Oft verkauften die Handelskompanien ihre Waren, bevor diese auch nur den Hafen erreicht hatten. Goldgar bestreitet zudem, dass die Tulpenmanie ernste negative Folgen für die niederländische Wirtschaft hatte. Der Einbruch der Tulpenpreise habe für die Niederlande keinen wirtschaftlichen Abschwung bedeutet. Auch seien nur sehr vereinzelt Geschäftsleute durch die Verluste im Handel mit Tulpen Bankrott gegangen. Da der Kaufpreis zudem erst fällig wurde, wenn die Zwiebel nach der Blüte ausgegraben werden konnte, hätten sich im Winter 1637 viele Händler untereinander auf eine Annullierung der Käufe geeinigt.


[1] Bilder Online; nach: Andre van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts, Zwolle 2004, Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Dash, Mike: ulipomania: The Story of the World’s Most Coveted Flower and the Extraordinary Passions It Aroused, London 1999.

Garber, Peter M.: Tulipmania, in: Journal of Political Economy Nr. 3, Jg. 97 (1989).

Garber, Peter M.: Famous First Bubbles: The Fundaments of Early Manias, Cambridge/Massachusetts 2000.

Goldgar, Anne: Tulipmania: Money, Honor, and Knowledge in the Dutch Golden Age, Chicago/London 2007.

Thompson, Earl A.: The Tulipmania: Fact or Artifact?, in: Public Choice Nr. 1/2, Jg. 130 (2007).

Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Eine Übersicht über die geschichte der Tulpen erhalten Sie unter www.blumenzwiebeln.de

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Kultur Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: