Blumenland Niederlande


VII. Die Schattenseite der Blüten: Monokulturen und Ausbeutung


Die Zijpe, der Anna Paulowna Polder und die Koegras zusammen bilden mit über 6.000 Hektar Blumenfeldern heute eines der größte Blumenzwiebelanbaugebiete der Welt. Die Felder ziehen sich an der Küste entlang und dehnen sich bis auf die Insel Texel aus. Noch vor 100 Jahren bestimmten hier Wiesen und Kuhweiden das Bild, daneben pflanzten die Bauern auf kleinen Feldern Getreide und Gemüse für den Eigenkonsum an. Ab etwa 1880 wurde im Norden der Niederlande der Anbau von Blumenzwiebeln aufgenommen. Aber erst in den 1920er Jahren entstanden im Zuge der mechanisierten Landwirtschaft und der breiten Einführung des Kunstdüngers die ersten großen Felder. Ab 1960 waren die Blumen als billiges Massenprodukt nicht mehr zu stoppen. Auch in anderen Teilen der Niederlande verschwanden die kleinen Felder und Weiden von einst und machten Platz für Schnittblumen. Eine unternehmerische Erfolgsgeschichte, denn die Blumenfelder lösten in den Niederlanden Butterberge und Milchseen ab, die in der Europäischen Gemeinschaft immer mehr zur Last wurden.

Zijpe
Tulpen werden in den Niederlanden auf tausenden Hektar angepflanzt, Quelle: driek/cc-by-nc-sa

Aber wie jede Erfolgsgeschichte hat auch diese Schattenseiten. So schön die bunten Tulpenfelder im Frühling leuchten – ökologisch sind die Monokulturen eine Wüste, in der kaum ein Tier Nahrung oder Obdach finden kann. Zudem erfordern die endlosen Reihen von bunten Blumen stets viel Wasser, Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel. Erst sehr langsam nehmen nachhaltige Anbaumethoden heute mehr Raum ein. Noch 2007 fand die Stiftung Warentest in allen von ihr getesteten Rosen Pestizidrückstände, bis zu 16 verschiedene Substanzen an einer Blume. Unter ihnen waren auch Wirkstoffe, die beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation WHO als hochgiftig eingestuft. Die gefundenen Mengen waren so klein, dass sie für die Käufer kein Gesundheitsrisiko bedeuteten. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Anbau und Handel aber ist ein solcher Pestizideinsatz gefährlich, weil sie den Stoffen täglich und in weit größeren Mengen ausgesetzt sind.[1]

2009 schließlich erließ die EU eine neue Umweltschutzrichtlinie, die den Einsatz zahlreicher Pestizide verbot. Mehr als 120 chemische Stoffe dürfen heute nicht mehr eingesetzt werden. Viele davon waren auch in der niederländischen Blumenzucht Standardmittel. Die Tageszeitung de Telegraaf sprach vom „Todesstoß für die Blumenindustrie“ und rechnete vor, dass die Tulpenzucht „völlig unrentabel“ werden würde. Das werde das Ende des Blumenanbaus bedeuten.[2] Trotz aller Panikmache aber blühen die bunten holländischen Tulpenfelder heute immer noch.

Allerdings: Wie überall in der Landwirtschaft sinken auch in den Niederlande die Erträge. Und die Zahl der niederländischen Schnittblumenproduzenten nimmt kontinuierlich ab. Die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sind hart, und nur wenige Niederländer entscheiden sich freiwillig für eine schlechtbezahlte Arbeit auf den Tulpenfeldern. Während es ganz offensichtlich auch ohne die verbotenen Pestizide geht, gäbe es vielleicht heute ohne billige Arbeitskräfte aus dem ehemaligen Ostblock tatsächlich keine Tulpenfelder mehr in den Niederlanden. Die meisten der etwa 200.000 EU-Bürger, die seit 2004 in die Niederlande geströmt sind, stammen aus Polen, und sie sind es, die heute für wenig Geld Tulpen schneiden und Tomaten ernten. Und trotzdem zittern die Blumenanbauer – denn andere Länder produzieren noch billiger. In den Niederlanden machen die Energiekosten etwa 15 Prozent der Gesamtaufwendungen aus. Etwa ein Drittel muss der Produzent für die Löhne veranschlagen. In Afrika oder Lateinamerika, wo ganzjährig im Freien gearbeitet wird und die Arbeiterinnen und Arbeiter teilweise ohne jeden gewerkschaftlichen Schutz ausgebeutet werden, fällt nur ein Bruchteil dieser Kosten an.

Tulpen aus Kenia: Blumen im Zeitalter der Globalisierung

Seit Beginn der 1950er Jahre globalisiert sich auch der Blumenanbau. Kenia, Kolumbien und Ecuador züchten Rosen, und auch China und Russland drängen auf das Blumenfeld. Sogar Flora Holland hat durch das Flower Center in Dubai Konkurrenz bekommen. Dubai investiert, um langfristig eine weitere Blumengroßmacht zu werden. Langsam könnte die Vormachtstellung der Niederländer schwinden.

Ecuador gilt heute als wichtigster Blumenproduzent des Südens. Von Januar bis November 2010 verkaufte das Land laut Angaben der Handelsorganisation Expoflores für 586 Millionen Dollar Pflanzen. 122.000 Tonnen Pflanzen führt das Andenland aus; nach Öl, Bananen und Shrimps sind Blumen heute das wichtigste Exportprodukt geworden. Mehr als 65.000 Menschen arbeiten im Anbau. Dank der neuen Konkurrenz auf dem Markt steigt das Angebot an Schnittblumen weltweit seit Jahren, und folglich sinken die Preise. Denn immer neue Anbieter aus den Entwicklungsländern drängen auf diesen umkämpften Markt und drücken die Preise. Ein großer neuer Absatzmarkt könnte Russland werden. Aber dort werden aktuell Strukturen für den Eigenanbau aufgebaut. In Russland fallen zwar mehr Heizkosten an als in den Niederlanden oder gar in Afrika und Lateinamerika. Aber an Öl und Gas mangelt es dem Land nicht.

Im globalen Konkurrenzkampf schielen alle entsetzt nach China: 2008 wurden in der Provinz Yunnan auf 33.300 Hektar Blumen produziert.[3] Von 42.000 Hektar geht die Verwaltung der Provinz für 2010 aus.[4] Bedenkt man, dass es noch 2005 16.000 Hektar waren, muss die Provinz ihre Anbaufläche bis heute fast verdreifacht haben. Zum Vergleich: Der gesamte Tulpenanbau in den Niederlanden nimmt eine Fläche von nur 7.500 Hektar ein.[5] Und sogar „raubkopierte“ Rosen kommen aus Asien – Blumen, für deren Anbau Lizenzgebühren zu zahlen wären. Am Flughafen Schiphol allein vernichtet der niederländische Zoll jährlich Rosen im Wert von einer Viertelmillion Euro.[6]

Fair Trade: David gegen Goliath

Auch immer mehr holländische Blumenzüchter verlagern ihre Produktion ins Ausland, vor allem Kenia gilt als attraktiv. Dort sind die Wachstumsbedingungen besonders für Rosen optimal. Zudem werden die Blumenfarmen kaum auf den Einsatz von verbotenen Pestiziden überprüft, denn die kenianische Umweltbehörde National Environment Management Authority (NEMA) hat zu wenig Personal. „Das führt dazu, dass jede Farm nur alle zwei Jahre kontrolliert wird. Zudem müssen wir Kontrollen ankündigen,“ sagt ein NEMA-Sprecher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Februar 2010. Die Arbeiter dagegen klagen über schwere gesundheitliche Schäden durch den dauernden Einsatz von Pestiziden, und in vielen Regionen Kenias ist das Wasser durch die Abwässer aus den Farmen nicht mehr trinkbar. Die Blumenindustrie spielt für Kenias Wirtschaft eine wichtige Rolle: Mit einem Jahresumsatz von rund 400 Millionen Euro macht sie fast ein Viertel des kenianischen Bruttoinlandsproduktes aus und ist nach dem Tourismus der zweitwichtigste Devisenbringer.[7]

Ein Arbeiter auf einer Blumenplantage aber verdient selten mehr 40 Euro im Monat bei einer Wochenarbeitszeit von über 50 Stunden. Das reicht auch in Kenia nicht, um eine Familie zu ernähren. Die Berichterstattung über die katastrophale Arbeitsbedingungen in der Blumenindustrie hat unter anderem dazu geführt, dass verschiedene NGOs Blumenkampagnen ins Leben gerufen haben. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort aber wirklich zu verbessern, ist ein langer Weg. Mittlerweile gibt es Gütesiegel für Schnittblumen, wie das Flower Label Program (FLP) von Fair Trade oder das niederländische Milieu Programma Sierteelt (MPS), ein Umweltsiegel, das für Farmen in Entwicklungsländern seit 1998 die Kategorie „Socially Qualified“ überprüft. Aber obwohl die Verkaufszahlen der verantwortlich gehandelten Blumen steigen, ist ihr Marktanteil noch winzig – weniger als drei Prozent der in Deutschland verkauften Schnittblumen tragen aktuell das FLP-Siegel.[8]

Die Monopolstellung der Niederlande als Blumenland ist unter Beschuss geraten. Noch allerdings genießt die Blumenindustrie dort einen hohen Stellenwert. Die Niederländer setzen auf ihre jahrhundertealte Expertise im Blumenhandel. Bis heute kann kein anderer Anbieter ein größeres Sortiment an Pflanzen vorweisen als Flora Holland. Und auch über einen Einstieg neuer Zentren des Blumenhandels wie Dubai denkt man dort Gerüchten folgend zumindest ganz zaghaft schon nach.[9] Klar ist: Die Niederlande will das Blumenzentrum der Welt bleiben – und setzt auch auf neue Ideen und Wege, um diesen Titel zu verteidigen.


[1] Vgl. hierzu einen Beitrag der Stiftung Warentest, Online.
[2] Vgl. Hetzel, Helmut: Tulpen aus Amsterdam, Online.
[3] Vgl. Conrad, Jennifer: Yunnan's Flower Industry Blooms, Online.
[4] Vgl. Li Yingqing/Yang Yang: Flower Power, Online.
[5] Hierzu ein Beitrag der Fachschule Gartenbau, Online.
[6] Vgl. Steinkirchner, Peter/Busch, Alexander/Biskamp, Stefan: Vormacht von Holland im Rosen-Geschäft gerät ins Wanken, Online.
[7] Vgl. KFC: The flower industry in Kenia and marke data, Online.
[8] Vgl. Die Verbraucher Initiative: Fairtrade wächst um 27 Prozent, Online.
[9] Vgl. Steinkirchner, Peter/Busch, Alexander/Biskamp, Stefan: Vormacht von Holland im Rosen-Geschäft gerät ins Wanken, Online.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:
September 2011


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Koma, Beate: Diese Rose macht zwei Frauen glücklich - Eine in Deutschland, eine in Afrika, Reportage über eine Fairtrade-zertifizierte Blumenfarm, in: Brigitte Nr. 5 (2011).

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