Niederländische Architektur


X. „Manhattan an der Maas“ oder wie Rotterdam sich ein neues Zentrum baut

Maasufer Rotterdam
Blck auf Rotterdam vom Ufer des Wilhelminapiers, Quelle: Massimo Catarinella/cc-by

Ein echter Postkarten-Moment: Am Westufer des Wilhelminapiers in Rotterdam zücken die Touristen reihenweise den Fotoapparat, um das eindrucksvolle Panorama einzufangen, das sich hier an der Spitze der Halbinsel Kop van Zuid auftut. Eingerahmt von den blitzblanken Hochhäusern am Ufer der Maas wirkt das historische Hotel New York, als wäre es für eine Fotomontage dorthin geklebt worden. Zwischen dem silbrig glänzenden, halbrunden Turm des World Port Center von Norman Foster an der linken Seite und der über 150 Meter in den Himmel ragenden, gegeneinander versetzen Würfeln des Montevideo (Mecanoo Architekten) an der rechten Seite zeugt das pittoreske Jugendstilgebäude von einer ganz anderen Zeit. Noch keine 100 Jahre ist es her, dass das heutige Hotel als Hauptsitz der Holland-Amerika-Linie gebaut wurde. Damals brachen vom Wilhelminapier hunderttausende Auswanderer auf, um in der Neuen Welt ihr Glück zu suchen. Auf der Halbinsel in der Maas herrschte reger Betrieb in den Lagerhallen und an den Passagierterminals; Ozeandampfer liefen ein und aus. Mit dem Strukturwandel der 1960er und 70er Jahre wurde es still am Kop van Zuid. Die Holland-Amerika-Linie stellte in diesen Jahren ihren Dienst ein und der innerstädtische Hafen war Rotterdam über den Kopf gewachsen. Die Anlagen, die mit dem steigenden Güteraufkommen immer mehr Platz benötigten, waren aus der Stadt hinaus gewandert und hatten sich immer weiter nach Westen Richtung Maasdelta verschoben, so dass überall in der Stadt große Leerflächen entstanden.

Heute ist das ehemalige Hafengebiet zu einem neuen, zweiten Leben erwacht. Nach mehreren kleiner angelegten Versuchen, das Gelände wiederzubeleben, witterte Rotterdam in den 1980er Jahren die Chance. Die Stadt schob ein Großprojekt an und entwickelte den Plan, am Kop van Zuid ein neues Stadtzentrum zu errichten. Nach dem Masterplan von Teun Koolhaas (1987) ging man ans Werk: Der neue, günstig gegenüber der alten Stadtmitte von Rotterdam gelegene Stadtteil sollte ein urbanes Zentrum werden, das mitten in der Maas eine Verbindung zwischen dem durch den breiten Fluss voneinander getrennten Norden und Süden der Stadt bildet. [1]  Ein erster Meilenstein für dieses Vorhaben war die 1996 fertig gestellte Erasmusbrücke von Ben van Berkel. Die Schrägseilbrücke mit dem „Schwanenhals“ ist heutzutage schon gar nicht mehr weg zu denken aus dem Rotterdamer Stadtpanorama und verbindet das alte Zentrum mit dem neu angelegten. 

Montevideo Rotterdam
Montevideo: Ausdruck der Holland-Amerika-Linie, Quelle: Drayton Hiers/cc-by-nc-sa

Dort, am Kop van Zuid, ist in den vergangenen 15 Jahren eine kleine Großstadt aus dem Boden gestampft worden. Allein am äußersten Zipfel, dem rund 12 Hektar großen Wilhelminapier, werden 1.500 Appartments und 150.000 Quadratmeter an Bürofläche realisiert. Nach dem Masterplan von Stararchitekt Norman Foster ist hier mittlerweile ein Stück Stadt entstanden, das in seiner Dichte einzigartig für die Niederlande ist und nicht zu Unrecht mittlerweile „Manhattan an der Maas“ genannt wird. Auf kleinster Fläche jagt ein Rekord den nächsten: Am Wilhelminapier stehen mit dem New Orleans (160 Meter, Architekt Alvaro Siza) und dem Montevideo (152 Meter, Mecanoo Architekten) das höchste und das zweithöchste Wohnhochhaus des Landes. Das Rem-Koolhaas-Büro OMA realisiert am Nordufer De Rotterdam. Der multifunktionale Klotz, der wahrscheinlich 2013 fertig ist, soll mit seinen 160.000 Quadratmetern das größte Gebäude der Niederlande werden. In Verlängerung der Achse des Piers steht seit 2009 das Bürohochhaus Maastoren; mit 164,75 Metern das höchste Gebäude der Niederlande.

Auch wenn immer noch einige Teile des Kop van Zuid  eine Großbaustelle sind, flaniert zwischen den Kränen, Betonmischern und Baugerüsten inzwischen ein diverses Ausgehpublikum. Rotterdam hat einige Anstrengungen unternommen, um den neuen Stadtteil möglichst bald mit Bewohnern und Besuchern zu beleben: Nachdem der Kop van Zuid mit der Erasmusbrücke und einer neuen U-Bahn-Haltestelle ans Verkehrsnetz der Stadt angeschlossen war, folgten neben den Arbeitsplätzen in den zunächst gebauten Bürohochhäusern sofort auch Kultureinrichtungen und Freizeitangebote, die dem Großprojekt Leben einhauchen sollten. An repräsentativer Stelle am Fuße der Erasmusbrücke steht das größte Theater der Stadt. Im Neuen Luxor, entworfen von Peter Wilson, haben bis zu 1.500 Zuschauer Platz. In einer ehemaligen Werkhalle der Holland-Amerika-Linie, dem Las Palmas  eröffnete 2007 die neue Niederlassung des niederländischen Fotomuseums. Der Komplex von 1953 ist das einzige Gebäude aus der Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg, welches auf dem Wilhelminapier erhalten blieb. Bei der Restaurierung versuchten der Architekt Benthem Crouwel, möglichst viel vom nüchternen Flair des ursprünglichen Gebäudes zu erhalten. In einem Seitenflügel des Wohnturmes New Orleans entstand schließlich das Film- und Jazzpodium Lantaren Venster.

Auch wenn der Kop van Zuid einen städtebaulichen Kraftakt besonderer Größenordnung darstellt, steckt keineswegs ein totalitäres Gesamtkonzept dahinter. Diversität und Funktionsmischung haben innerhalb des gesamten Projektes Methode und die Eigenschaften eines „natürlich“ gewachsenen Stückes Stadt werden so gut wie möglich imitiert. So ließ man von vornherein nicht einen einzelnen Architekten ans Werk, sondern beauftragte, ähnlich wie beim neuen Stadtzentrum von Almere , verschiedene Büros, die recht unterschiedliche Entwürfe lieferten. Neben den modernen Hochhäusern blieb, wo möglich, historische Bausubstanz erhalten: Außer dem Hotel New York und dem Las Palmas bleiben auch die alte Ankunftshalle der Holland-Amerika-Linie und die alten Lagerhallen aus den 1940er Jahren stehen, die jetzt aufwändig zu Apartments umfunktioniert werden. Selbst innerhalb des Mikrokosmos der einzelnen Hochhäuser spielt die Kombination verschiedener Funktionen eine wichtige Rolle. Erwähnt ist bereits das Lantaren Venster am Fuße des New Orleans. Am konsequentesten wird dieses Prinzip bei De Rotterdam von OMA angewandt. Grundidee des 150-Meter-Kolosses mit seinen monolithischen Quadern, die von drei verschiedenen aber gleich hohen Türme gebildet werden, ist die vertikale Stadt, angelehnt an das modernistische Vorbild von Le Corbusiers berühmter Unité d‘habitation. Theoretisch sollte sich der Nutzer 24 Stunden in dem Gebäude aufhalten können, ohne es verlassen zu müssen. Auf den 160.000 Quadratmetern wird es neben Wohnungen, Büros und einem Parkhaus auch ein Fitnessstudio, ein Hotel, Geschäfte und verschiedene Cafés geben.

Hotel NewYork
Das Hotel New York: mitten in Rotterdam, Quelle: Wiliam Verbeek/cc-by-nc

Ein Blick zurück in die jüngere Vergangenheit macht deutlich, warum Rotterdam bei der Stadterneuerung am Kop van Zuid so entschieden auf Diversität setzt. Hier wollte man nicht dieselben städtebaulichen Fehler wie beim Wiederaufbau des Rotterdamer Zentrums begehen. Nachdem der historische Stadtkern 1940 von einem deutschen Luftangriff in Schutt und Asche gelegt worden war, setzten die Stadtherren auf einen radikal modernen Entwurf, der Rotterdam einen völlig anderen Charakter verleihen würde.[2]

Das bestehende Straßenraster wurde verworfen, Grachten wurden zugeschüttet, um Platz zu schaffen, die Verkehrswege wurden begradigt und den Bedürfnissen des wachsenden Autoverkehrs angepasst. Vom alten Rotterdam ist deshalb heute im Zentrum, außer dem lädierten Turm der Laurentiuskirche, nichts mehr zu erkennen. Nach dem klassischen modernistischen Schema wurde in den 1950er Jahren die strikte Trennung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit umgesetzt. Der Innenstadtbereich war der Arbeit und dem Einkaufen gewidmet. Außerhalb der Büro- und Ladenöffnungszeiten blieb das Zentrum, wo zunächst fast keine Wohnungen mehr vorhanden waren, menschenleer zurück. Das führte schnell zu den auch anderswo aufkommenden Problemen der modernistischen Stadt – zu Kriminalität, Verwahrlosung des öffentlichen Raumes und mangelnder Identifikation der Bürger mit ihrem Wohnort. Die Menschen flüchteten aus der unattraktiven Großstadt in kleinere Zentren.

Fast Zeitgleich mit den ersten Plänen für den Kop van Zuid kam auch die Kehrtwende in der Baupolitik Rotterdams. Um das Stadtzentrum aufzuwerten, sollten dort mehr Wohnungen und Ausgehgelegenheiten entstehen. Das Zauberwort lautete Verdichtung. So kam das Hochhaus in Rotterdam zu besonderen Ehren, so dass die Stadt heute die eindrucksvollste Skyline des ganzen Landes vorweisen kann. Zahlreiche Wohntürme  wie der Weenaturm (1990), der Schielandturm (1996), die Hoge Heren (2000) oder aktuell The Red Apple (2009), wurden und werden nachträglich in das Stadtzentrum integriert.

Die städtebaulichen Akzente, die in den vergangenen Jahren gesetzt wurden, haben Rotterdam ein neues Gesicht gegeben und zeigen ihre Wirkung auch beim Leben auf der Straße: In den vergangenen Jahren sind immer mehr Touristen gekommen. 2010 war ein besonders gutes Jahr: 5,6 Prozent mehr Besucher und 10 Prozent mehr Übernachtungen. Das hat die Stadt vor allem ihren architektonischen Highlights zu verdanken. Wer an einem beliebigen Abend durch das Rotterdamer Stadtzentrum schlendert, wird außerdem bemerken, dass das Konzept der Wohnungspolitik aufgegangen ist: Die Straßen sind belebt, die Bewohner der neuen Hochhäuser nutzen die Möglichkeiten, die ihnen das Leben in der Stadtmitte bietet. Je mehr Wohnhochhäuser jedoch gebaut wurden, desto dringender stellte sich die Frage nach den Investoren. Um die aufwändigen Entwürfe wie zum Beispiel für Sizas New Orleans realisieren zu können, war eine Menge Kapital nötig. Darum setzten die Planer am Kop van Zuid stärker als ursprünglich vorgesehen auf teure Luxusappartements und vernachlässigten die soziale Durchmischung, wie sie zum Beispiel durch günstigere Wohnungen oder sozialen Wohnungsbau erreicht werden könnten. Es bleibt abzuwarten, ob die bisher starke Nachfrage nach den neuen Wohnungen anhält und ob die Planer es erreicht haben, einen neuen Stadtteil zu bauen, der dauerhaft bestehen bleibt und nicht nur eine Modeerscheinung ist. In einer Arbeiterstadt wie Rotterdam stellt sich zudem die Frage, wie groß der Bedarf an Luxuswohnungen wirklich ist und wie sozial verträglich es ist, wenn eine Zwei-Klassen-Stadt mit einem reichen Zentrum und einem armen Rand entsteht. In der Vergangenheit hat Rotterdam schließlich bereits die Erfahrung gemacht, dass eine zu einseitige städtebauliche Ausrichtung zu Problemen führt.


[1] Siehe hierzu: Cusveller, S.: Rotterdam herzien, 30 jaar architectuur 1977-2007, Rotterdam 2007.
[2] Vergleichbares ist in der Wiederaufbauphase in Deutschland mit Hannover geschehen.

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, 1998. Onlineversion

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