Niederländische Architektur


XII. Das Rijnboogprojekt in Arnheim

Wer den Bahnhof in Arnheim verlässt, hat zurzeit einiges zu gucken. Keine drei Meter vor dem Haupteingang fällt der Blick in eine tiefe Baugrube gigantischen Ausmaßes. Riesige Baggerschaufeln und LKW nehmen sich hier aus wie kleine Spielzeugautos und die emsigen Arbeiter, die schweißen und schaufeln, verschwinden in der Sandgrube, die bis 2010 ein Parkhaus werden soll. In Arnheim wird zurzeit groß gebaut. Und der erste Blick am Bahnhof verrät schon beinahe alles: Diese Stadt ist im Totalumbruch.

Arnheim aus der Luft
Arnheim aus der Luft: Die Innenstadt soll bis 2020 ein anderes Gesicht bekommen, Quelle: NBTC

„Arnheim soll einen neuen Charakter bekommen“, sagt Sander van Bodegraven. Er ist erster Beigeordneter der Stadt und politisch verantwortlich für das größte Bauprojekt, das jemals in Arnheim durchgeführt wurde. Das Bahnhofsgelände wird gerade für 550 Millionen Euro umgebaut, mit Wolkenkratzern, Straßentunnel, Einkaufspromenade und neuem Bahnhofsgebäude. Und das soll nur der Vorgeschmack sein. Denn Arnheim bastelt zurzeit emsig an einer ganz neuen Innenstadt, Rijnboogproject genannt. Investitionsvolumen: Eine Milliarde Euro.

„Das wird der zweite Wiederaufbau“, sagt Nicole Pelgrim. Die Leiterin des Rijnboogprojekts bekommt immer noch große Augen, als sie die Stadtpläne des spanischen Architekten Manuel de Solá-Morales erklärt. Denn der „zweite Wiederaufbau“ soll die Bausünden nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ausmerzen. In Schnellbauweise wurden damals Wohnflats hochgezogen, Quantität war wichtiger als Qualität, und jetzt sollen die meisten Häuser abgerissen und durch moderne Eigentumswohnungen ersetzt werden.

Neuer Anziehungspunkt der Stadt wird ein Innenhafen, der Arnheim wieder zum Rhein führen soll. „Bislang gibt es kaum eine Verbindung zur Promenade. Wir stehen sozusagen mit dem Rücken zum Wasser, obwohl gerade der Rhein unsere Schokoladenseite sein sollte“, sagt Nicole Pelgrim. Im Winter sei die Promenade fast ausgestorben, obwohl es hier zahlreiche Lokale gibt. Geht es nach Sander van Bodegraven, sollen in Arnheim schon 2012 die ersten Segelschiffe im Innenhafen anlegen. Ein Hauch von Triest, am tristen Rhein.

Bauvorhaben Bahnhof Arnheim
Bauvorhaben Bahnhof Arnheim als erstes Rijnboog-Teilprojekt, Quelle: Roberto Maldeno/cc-by-nc-nd

Zurzeit ist der Innenhafen noch eine Straße – die Nieuwstraat. Die muss weichen und auch die anliegenden Wohn- und Geschäftshäuser werden teilweise abgerissen, um das 40 Meter breite Becken zu realisieren. Aber nicht jeder, der in der Nieuwstraat wohnt, ist begeistert von den Plänen. „Eine Milliarde Euro. Das ist doch völlig übertrieben“, sagt ein Lampenverkäufer, dessen Geschäft vermutlich abgerissen wird. Der Unternehmer, der sich bedeckt hält, ist bereits auf der Suche nach einem neuen Geschäft. „Ich möchte nicht auf die Straße gesetzt werden“, sagt er.

Über die ambitionierten Pläne wird zurzeit heftig diskutiert, nicht nur unter den Anwohnern der Nieuwstraat. Die Bewohner der Stadt hatten fünf Wochen lang die Gelegenheit, um Einspruch gegen die Pläne zu erheben und weitere Verbesserungsvorschläge zu machen. Alle Parteien seien sich einig, dass die Innenstadt verändert werden muss, sagt Sander van Bodegraven, ob dies jedoch so umfassend geschehen muss, sei umstritten. Die Handelskammer Gelderland wirft der Stadtverwaltung gar Überheblichkeit vor: Arnheim sei nicht Triest oder Kopenhagen, Arnheim habe nur 150.000 Einwohner und sei eine Provinzstadt, so der Kammervorsitzender Keulen gegenüber der niederländischen Presse.

Und gerade von diesem Kleinstadt-Image möchte Sander von Bodegraven weg. Arnheim soll eine richtige Großstadt werden. In drei Phasen wird das Rijnboogprojekt bis 2022 realisiert. Die wichtigsten Eingriffe werden laut Masterplan noch vor 2013 vorgenommen: Vom Bahnhof wird eine Fußgängerroute Richtung Innenstadt angelegt, an der entlang neue Geschäftskomplexe, ein World Trade Center mit 20.000 Quadratmetern Nutzfläche und Wohnhäuser entstehen. Im Stadtteil Coehoorn sind drei Wohntürme geplant, neue Grünanlagen und ein Museum unter der Nelson-Mandela-Brücke. An 1.200 neue Wohnungen und Häusern wird gedacht. 500 Häuser müssen dafür weichen. Ziel sei es, so Von Bodegraven, mehr Eigentumswohnungen zu schaffen. Bislang bestimmt vor allem der soziale Wohnungsbau das Stadtbild.

Und Parkplätze en masse. „Die Innenstadt ist geprägt von Asphalt und Blech“, sagt Nicole Pelgrim. Auch das soll sich ändern, in der Innenstadt darf es nur noch Tiefgaragen geben. Gigantismus überall. Bis Mai möchte der Stadtrat den Masterplan verabschieden. Die enorme Finanzierung von einer Milliarde Euro soll vor allem von Projektentwicklern, Investoren und der Stadt Arnheim getragen werden. Der niederländische Staat hat eine Finanzierung von 20 Prozent der Kosten bereits zugesagt.

Den Kopf voller Pläne, aber was wird realisiert? „Sicher ist, dass es im Jahr 2020 in Arnheim nicht so aussehen wird, wie wir es uns heute ausgedacht haben“, sagt Nicole Pelgrim. Dass sich aber gewaltig was ändern wird, „darüber besteht kein Zweifel“, so Von Bodegraven.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, 1998. Onlineversion

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