Niederländische Architektur


VII. Berge versetzen: Planungskultur und Wohnungsbau in den Niederlanden

Seit dem Sommerloch 2011 geistert die Idee durch die niederländischen und internationalen Medien: Ein echter Berg soll her. 2.000 Meter soll er hoch werden und mitten im Polder stehen.[1] Nur zur Erinnerung: Die Niederlande sind so flach wie ein Pfannkuchen und 60 Prozent der Einwohner lebt unter dem Meeresspiegel.

Zonnenveld-Idee Berg im Polder
Zonnenveld-Idee Berg im Polder: Der Glaube an die Formbarkeit von Landschaft ist in den Niederlanden schier grenzenlos, Quelle: De Pers

Eigentlich war das Ganze erst nur genau das, wonach es klingt: Ein Witz. Der Ex-Radrennprofi Thijs Zonneveld schimpfte in einer Zeitungskolumne[2], dass die niederländischen Sportler in Ermangelung nennenswerter Höhenzüge von der Natur benachteiligt seien und forderte einen echten Berg im Polder. „Wir können so etwas, wir haben unser halbes Land selber gemacht“. Weil da etwas dran ist, fingen Experten an, über diese Idee zu brüten und sie tatsächlich ernst zu nehmen. Ihre Einschätzung: Technisch ist das Projekt durchaus realistisch. Jetzt müsste man nur noch Investoren finden, die ein paar Milliarden übrig haben.

Diese Geschichte vom Berg im Polder beweist vor allem eins: Der Glaube an die Formbarkeit von Landschaft ist in den Niederlanden schier grenzenlos. Wenn die Niederländer in der Vergangenheit auch noch keine Berge versetzt haben – die landschaftsplanerische Leistung allein im 20. Jahrhundert kommt dem allerdings schon recht nahe. Riesenprojekte wie die Deltawerke in der Provinz Zeeland (seit 1957), die Landgewinnung an den Zuiderzeepoldern in Noord-Holland, bei Utrecht und in der Provinz Overijssel (1930-1968) oder die Hafenerweiterung Maasvlakte 2 bei Rotterdam gehören auf die Liste der Errungenschaften. Mit dem 1986 eingeweihten Flevoland ist gar eine komplette neue Provinz zustande gekommen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde dafür dem IJsselmeer eine Fläche abgerungen, die in etwa so groß ist wie Hamburg und Berlin zusammen. Wer sich das Ausmaß dieser Projekte vor Augen führt, dem kommt ein künstlicher Zweitausender plötzlich gar nicht mehr so utopisch vor.

Die besonderen geografischen Bedingungen haben die Niederländer zu Planungsweltmeistern gemacht. Wie jedes Schulkind weiß, würden die Niederlande ohne Deiche und Entwässerungsgräben zum größten Teil in den Fluten versinken.[3] Der ständige Kampf gegen das Wasser prägt die Identität des Landes und bestimmt nicht nur die Gestaltung der Landschaft, sondern auch Städtebau und Architektur. Von jeher erforderte die Landgewinnung nämlich gemeinschaftliche Anstrengungen. Daraus ist ein tief in der Gesellschaft verankertes Gemeinschaftsgefühl entstanden, was wiederum zur Folge hat, dass Planung in den Niederlanden viel stärker als in Deutschland durch Beteiligungsprozesse und das Konsensprinzip geprägt ist. Die vom Staat verabschiedeten Noten zur Raumnutzung („Nota over de ruimtelijke ordening“) formulieren Leitbilder und Zukunftsszenarien. Auch auf Ebene der Provinzen und der Gemeinden existieren Flächennutzungspläne. Die Gemeinden können außerdem einen Strukturplan (nl. Struktuurplan) formulieren, der eher einem ganzheitlichen Entwicklungsplan für das gesamte Gemeindegebiet entspricht.

Grund und Boden ist in den Niederlanden nicht nur deshalb so wertvoll, weil die Gewinnung und Erhaltung mit Arbeitsaufwand verbunden ist. Hinzu kommt, dass Raum knapp ist. Die Niederlande sind nicht nur eines der flachsten, sondern auch eines der am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. 400 Menschen müssen sich den Quadratkilometer teilen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 229. Die Niederlande haben seit den 1950er Jahren ein enormes Wachstum erlebt: Schätzungsweise ist 75 Prozent der Baumasse nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden.[4]

Wer heute mit dem Zug zwischen Amsterdam und Utrecht unterwegs ist, kann kaum noch unterscheiden, wo die Stadt aufhört und das Land anfängt: Riesige Autobahnen teilen die Landschaft, Hochhäuser bilden die Hintergrundkulisse für grüne Weiden mit Kühen, die sich wiederum mit weitläufigen Gewerbegebieten und kleinen Dörfchen mit Kirchturm abwechseln. Das Gebiet ist so dicht besiedelt, dass die großen Städte in der „Randstad“ (das Hufeisen zwischen Utrecht und Rotterdam) seit Jahrzehnten aufeinander zu wachsen und einen landschaftlichen Flickenteppich erzeugt haben.

Wegen des Platzmangels und der Wohnungsnot haben sich die Architekten und Planer in den Niederlanden selten mit utopischen Ideen wie der Errichtung eines Berges beschäftigt. Stattdessen ging es bei den Entwurfsfragen oft um ein sehr praktisches Thema: Dem Wohnungsbau. Aus den Niederlanden kamen auf diesem Gebiet immer wieder richtungweisende Entwürfe - von den frühen, modernistisch geprägten Sozialwohnungen von J.J.P. Oud im Rotterdam der 1920er Jahre bis zu der abwechslungsreichen, urbanen Bebauung des Java-Eiland im Amsterdamer Hafen setzten die niederländischen Architekten immer wieder Maßstäbe.

VINEX
Städtebau für die Mittelschicht: VINEX, Quelle: Maarten (c)/cc-by-sa

Seit der Zeit der Industrialisierung ist der Wohnungsmangel ein immer wiederkehrendes Problem, das systematisch angepackt werden will. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl vor allem der großen Städte sprunghaft an. Um das Jahr 1900 bekam allein die Stadt Rotterdam jährlich 10.000 neue Einwohner. Um diesem rasanten Wachstum zu begegnen, wurden große Wohnungsbauprojekte angeschoben. Der Staat schaltete sich ein und förderte seit Anfang des 20. Jahrhunderts die aufkommenden Wohnungsbaugesellschaften, die wiederum für den Bau von bezahlbaren (Arbeiter-)Wohnungen sorgten.

Seitdem ist mit vielen verschiedenen Formen des Wohnungsbaus experimentiert worden, dem jede Zeit ihre eigene Interpretation verleiht: In den 1920er Jahren wurden vor allem in Amsterdam Arbeitersiedlungen nach dem britischen Ideal der Gartenstadt angelegt, während Rotterdam modernistische Formen des Wohnungsbaus realisierte, die zum Teil von De Stijl[5] beeinflusst waren. In Rotterdam und Den Haag entstanden bereits gegen Anfang der 1930er Jahre die ersten Wohnhochhäuser.

Zur Zeit des Wiederaufbaus feierte die modernistische Stadtplanung mit der typischen Trennung der Funktionen von Arbeiten, Wohnen und Freizeit ihren Siegeszug auch in den Niederlanden. In der Peripherie wurden einförmige Hochhaussiedlungen gebaut. Gleichzeitig verschwanden die Wohnungen aus den Stadtzentren. In den 1970er Jahren gerieten die Großprojekte in eine Existenzkrise. Die Bürger forderten Beteiligung an der Gestaltung ihrer Wohnumgebung. Weil viele Innenstädte nicht saniert waren, zogen zudem viele Menschen an die Stadtränder in kleinteilige Reihenhaussiedlungen – eine typische Erscheinung dieser Zeit. Hier war der Traum vom eigenen Haus mit Garten für jeden greifbar. In den ältesten Gebieten der Reißbrettstadt Almere, die 1976 gegründet wurde, kann dieser Baustil bis heute in Reinkultur bewundert werden. Allerdings waren auch diese Wohnviertel so durchgeplant, dass von vornherein die Funktionen aller Gebäude festgelegt wurde und diese nicht mehr durch die Bewohner mit eigenen Ideen gestaltet oder bei Bedarf umgenutzt werden konnten. Die Trennung der Funktionen blieb auch in diesen Vierteln bestehen, denn sie waren hauptsächlich zum Wohnen vorgesehen. Das komplizierte, kleinteilige Straßensystem, zur Verkehrsberuhigung angelegt, sorgte von Anfang an für Orientierungsprobleme. Es verschaffte den typischen Wohngegenden der 1970er und 80er Jahre den spöttisch gemeinten Beinamen „Bloemkoolwijken“ (Blumenkohlviertel).

In den 1990er Jahren fand eine entscheidende Zäsur in der niederländischen Wohnungsbaupolitik statt: Die bisher staatlichen Wohnungsbaugesellschaften wurden 1994 privatisiert und müssen sich seitdem am freien Markt behaupten. Damit hat der Staat zumindest einen Teil der Kontrolle über die großen Wohnungsbauprojekte abgegeben. Um trotzdem der nach wie vor herrschenden Wohnungsnot zu begegnen und den freien Markt zu lenken, wird Anfang der 1990er Jahre die Vierte Architekturnota Extra (VINEX) verabschiedet. Darin ist der organisierte Bau von 750.000 neuen Wohnungen zwischen 1995 und 2015 in dafür vorgesehenen Gebieten festgeschrieben. Diese Siedlungen sollten hauptsächlich in der Umgebung der sieben größten Städte des Landes entstehen. Vom quantitativen Umfang entspricht das Vorhaben dem Wohnungsbau in der Wiederaufbauphase, inhaltlich gibt es aber entscheidende Unterschiede. So ist eine der in der VINEX festgeschriebenen Zielsetzungen, die durchschnittliche Bauqualität und Nachhaltigkeit der Wohnungen zu steigern. Die Zielgruppe der mittlerweile so genannten VINEX-Viertel ist die Mittelschicht, die hier komfortablere Häuser kaufen oder mieten soll, um dafür die karger ausgestatteten, knappen Sozialwohnungen für Bedürftigere frei zu machen. Auch sollten die neuen Wohnviertel abwechslungsreicher gestaltet werden. Die Neubauten müssen nach VINEX eine bestimmte Mindestgröße haben und sollen „architektonische Vielfalt“ aufweisen. Grundstückskäufern wurde die Möglichkeit geschaffen, Häuser nach eigenen Vorstellungen zu bauen.[6]

VINEX
VINEX-Viertel: Leidsche Rijn, Quelle: rhodes/cc-by-nc-sa

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verdichtung von Wohnraum in der Nähe bestehender urbaner Zentren. Damit soll zum einem der Abwanderung aus den mittelgroßen Städten entgegen gewirkt werden. Zum anderen ist das Sparen von Ressourcen ein weiteres Ziel, denn durch Verdichtung lässt sich Baugrund effektiver nutzen und es kann auf bestehende Infrastruktur zurückgegriffen werden. Auch setzt man auf eine stärkere Mischung der Funktionen, indem man beispielsweise bestehende Einkaufszentren in die Planung mit einbezog. Mittlerweile sind die meisten Siedlungen, die nach den VINEX-Kriterien seit Ende der 1990er Jahre überall im Lande gebaut werden, fertiggestellt oder in der finalen Bauphase. Obwohl bei der Konzeptionierung der VINEX-Viertel versucht wurde, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und bewusst auf Vielfalt geachtet wurde, ist der Begriff VINEX zum Synonym für langweilige, mittelständisch-spießige Vorstadtsiedlungen geworden.

Leidsche Rijn am westlichen Rand von Utrecht ist mit angepeilten 30.000 Wohnungen das größte VINEX-Viertel der Niederlande. Der Bau dieses neuen Stadtteils von Utrecht beinhaltet viel mehr, als nur die Aneinanderreihung von Wohnhäusern, sondern ist nach einem vielschichtigen Masterplan von Riek Bakker und Maxwan entstanden. Danach bleiben die bestehenden Dörfer Vleuten und De Meern sowie landschaftlich wertvolle Gebiete erhalten und werden in die Neubauflächen integriert. Die über zehn Jahre laufende Künstler-Residence Beyond begleitete die Entwicklung von Leidsche Rijn: Künstler kommentierten mit vor Ort entwickelten Arbeiten, was sie in dem Neubauviertel beobachteten und trugen somit zu einer Diskussion über den Entstehungsprozess bei. Daraus ist schließlich eine Reihe permanenter Kunstwerke im öffentlichen Raum entstanden. Im Zentrum von Leidsche Rijn wird zurzeit der Maxima-Park realisiert und diverse neue Verkehrsverbindungen sorgen für eine verbesserte Erreichbarkeit des Gebietes. Schließlich wird für das größte VINEX-Viertel zwar kein Berg versetzt, aber das Stadtzentrum von Utrecht soll sich den Plänen zufolge in Zukunft verschieben und ein kleines Stück weiter westlich in Richtung von Leidsche Rijn rücken.


[1] Website Die Berg Komt Er
[2] Zonneveld, Thijs: Berg!, Kolumne in: nu.nl vom 29. Juli 2011, Online.
[3] Klompmaker, Adiël: Nederland: zeespiegel, bodemdaling en watermanagement, in: kennislink.nl vom 6. Juli 2009, Online.
[4] Lootsma, Bart: Neue niederländische Architektur – SuperDutch, Stuttgart u.a. 2000, S. 12.
[5] De Stijl war eine niederländische Gruppe von Malern, Architekten und Designern, die 1917 in Leiden eine Künstlervereinigung und eine Zeitschrift gleichen Namens gründete. Die Gruppe bekannte sich zu einer geometrisch-abstrakten Darstellungsform in Kunst und Architektur und einem auf Funktionalität beschränkten Purismus, der ähnlich wie das deutsche Bauhaus, zu dem ideen- und kunstgeschichtlich eine enge Beziehung besteht, Grundsätze für eine auf alle Gestaltungsbereiche anwendbare Ästhetik aufstellte. (Quelle: Wikipedia)
[6] Vgl. Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, Den Haag 1998, S. 11, Online.

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Lootsma, Bart: Neue niederländische Architektur – SuperDutch, Stuttgart u.a. 2000, S. 12.

Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, 1998. Onlineversion

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