Niederländische Architektur


XIII. Amsterdam IJburg – Wasser weg, Häuser hin

Blick auf die Krijn Taconiskade in Amsterdam-IJburg
Blick auf die Krijn Taconiskade und das entstehende Amsterdam-IJburg, Quelle: jpmm/cc-by-nc-nd

In Amsterdam trotzen die Niederländer nach langer Pause dem Meer wieder ein bisschen Land ab und nennen es IJburg.

Wohin mit dem Schlafzimmerbett? In die zweite Etage, kurz vor dem Fenster? Oder doch lieber ganz unterm Dach? Toine Heijmans kann sich nicht entscheiden. Mit Zentimetermaß läuft er durch sein neues Haus und sucht nach einem Platz für sein 1,80 mal zwei Meter großes Bett. Seit drei Tagen ist Toine Heijmans stolzer Besitzer eines Reihenhauses auf IJburg, der zurzeit angesagtesten Wohngegend im Amsterdamer IJsselmeer. 47.000 Wohnungen sollen hier bis 2015 entstehen. Dort, wo jetzt noch das Meerwasser schwappt, sind bald sieben Inseln aufgeschüttet. In Amsterdam hat nach langer Pause der holländische Ehrgeiz wieder zugeschlagen: Wasser weg, Häuser hin.

Im Mai will Toine Heijmans einziehen. Bis dahin hat er noch ein paar Handschläge zu tun. Wände sollen versetzt werden und Fußböden verlegt. Die Tapeten hängen noch nicht an der Wand und das Badezimmer ist noch nicht fertig. Auf Toine Heijmans wartet der ganz normale Baustress: Den Kopf voller Termine und Absprachen, Ideen und Eindrücke: das Kinderzimmer, der Arbeitsplatz, die Küche, das Bad – hundert Ideen gilt es fast gleichzeitig umzusetzen.

Aber er freut sich schon diebisch auf sein neues zu Hause: „Ach herrlich, jeden Abend eben zum Strand joggen und Seeluft schnuppern. Ein Traum.“ Noch ein paar Monate und dann kann er seine Segeljacht quasi vor der Haustüre anbinden – der neue Hafen ist nur wenige Kilometer entfernt.

IJburg soll Ferienstimmung vermitteln. Und Toine Heijmans scheint sie schon verinnerlicht zu haben: „Die Sonne scheint hier schöner, der Wind bläst kräftiger und es regnet stärker. Für meine Familie ist das ideal. Mein Kind kann sicher auf der Straße spielen“, sagt der Redakteur der Zeitung de Volkskrant.

Wohnraum in Amsterdam-IJburg
Wohnraum in Amsterdam-IJburg, Quelle: Katie Lips/cc-by

Toine Heijmans und seine Familie passen genau in die Zielgruppe, die das neue Stadtprojekt IJburg ansprechen will: Junge Familien, die bereit sind, viel Geld für das eigene Domizil auszugeben und in einer architektonisch ansprechenden Umgebung wohnen wollen. Nicht das „Huisje-Beestje-Boompje“-Gefühl, nein, es darf etwas hipper sein. Am besten noch mit Gärtchen am Wasser und Segelboot im Hafen. Davon träumt jeder auf IJburg.

Einstweilen dominieren die Bagger. Wie eine Mondlandschaft liegen die ersten beiden Inseln brach: Auf dem Steiger- und Haveneiland staubt der Sand und regiert der Bauhelm. Die Buslinie 325 düst bereits über die IJburglaan und verbindet die ersten 800 Bewohner der Hafeninsel mit dem zwölf Kilometer entfernten Amsterdam. Im rasenden Tempo ziehen die Bautrupps die Reihenhäuser hoch. In typisch niederländischer Manier: Uniform und nur bedingt individuell. Jeder Straßenzug wird in sich harmonisch gestaltet. Eigene Ideen können kaum verwirklicht werden. Nur auf einem schmalen Streifen ist „freies Bauen“ erlaubt – für teuer Geld.

Amsterdam-IJburg ist die erste Landgewinnung seit der Schaffung des Nordostpolders im IJsselmeer 1927. Das ist schon 77 Jahre her und im Gegensatz zu damals haben sich die holländischen Wasserbauer von der Poldervariante verabschiedet: „Wir bauen keine Deiche mehr und pumpen dann das Wasser ab“, erklärt Dirk-Jan Franzissen vom Projektbüro IJburg. Die fünf Inseln werden mit Sand aufgeschüttet. „Wir nennen das ‚Pfannkuchensystem‘. In mehreren Lagen wird der Sand eingespritzt und dann zwei Jahre lang liegen gelassen, damit er sich verdichten kann. Danach kann gebaut werden“, sagt Franzissen.

Und gebaut werden muss alles. Nicht nur Häuser und Wohnungen, sondern Supermärkte und Kinos, Schulen und Kirchen, Kindergärten und Polizeibüro, Straßenbahn und Arbeitsstätten. Alles wird aus dem Nichts erschaffen: Jeder Strauch und Baum, der angelegte Diemerpark, alles wird über die Enneus-Heerma-Brücke auf das kleine Inselreich geschafft.

IJburg-Gracht
IJburg-Gracht an der Erich Salomonstraat, Quelle: jpmm/cc-by-nc-nd

Der Verkauf der Häuser hat seit einem halben Jahr langsam angezogen. Zu Beginn des Projekts gab es Vermarktungsprobleme: Denn wer will schon auf einer Sandinsel wohnen, wenn er nicht weiß, was ihn erwartet? Zudem sind die Baukosten nicht unerheblich. Toine Heijmans schüttelt immer noch mit dem Kopf, wenn er über seine Hypothek nachdenkt. 350.000 Euro nimmt er auf: „Ein wahnsinniger Betrag.“ Damit liegt Heijmans schon im gehobenen Segment. Auf IJburg sollen auch 14.000 Sozialwohnungen entstehen.

Richtige Wohnatmosphäre mag bislang noch nicht entstehen, nur auf dem Strand Blijburg war im vergangen Sommer Partystimmung angesagt. Die Avantgarde der Stadt traf sich während der warmen Tage auf dem Stadtstrand: „The place to be“, sagt Heijmans. Aber noch nicht für Schwarze. Denn bislang wohnen vor allem weiße Niederländer auf IJburg. Und das ist sehr untypisch für Amsterdamer Verhältnisse: „Ich fühle mich schon wie in einer weißen, geflüchteten Mittelklasse“, sagt Heijmans. Er schaut jeden Tag auf www.ijburg.nl was sich so tut in seinem Viertel und ist bereits aktiv in der Bewohnervertretung: „Ich versuche einen Segelverein zu gründen“.

Die Nachbarinnen haben schon den Möbelwagen bestellt. Ein riesiger LKW steht vor der Haustür und die Packer bugsieren die Möbel in ihre Wohnung, die nahezu identisch ist mit der von Heijmans. Der Redakteur guckt ein Weilchen zu, lugt kurz in die Küche und bekommt einen kleinen Eindruck, wie es bald bei ihm aussehen wird: „Oh, so habt ihr das gemacht. Einfach aus der Zwischenwand ein Regal gezaubert. Gute Idee!“

Toine Heijmans setzt sich in sein Auto. Gleich hat er noch einen Termin in Den Haag. Vorher schnappt er sich aber schnell den Ideenzettel aus dem Handschuhfach und notiert: „Regal aus Zwischenwand gestalten“.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Herzberger, Herman/Milanovic, Mirjana (Hrsg.): Het Sluishuis: landmark in het water bij IJburg, Bussum 2002.

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, 1998. Onlineversion

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