Niederländische Architektur


IV. „Blütejahre der niederländischen Architektur definitiv vorbei“

Nach dem Boom der Jahrtausendwende steckt die niederländische Architektur in einer Krise. Der Sektor ist stärker als andere von der weltweiten Finanzkrise getroffen und die Investitionen für neue Projekte liegen weitgehend auf Eis. Die Aussichten bleiben also vorerst trübe. Was bedeutet diese Entwicklung für die Architektur in den Niederlanden?

Interview mit Hans Ibelings, Architekturkritiker, Autor und Herausgeber.

Kritiker Hans Ibelings
Kritiker Hans Ibelings, Quelle: SUN architecten/Roel Backaert

Van Driel: Wie hat sich die Situation für die Architektur und die Architekten im Vergleich zu den 1990er Jahren verändert?

Ibelings: Die Situation in den 1990er Jahren war ein Glücksfall und wurde wesentlich von drei Faktoren begünstigt: Der anhaltenden wirtschaftlichen Konjunktur, der Schlüsselfigur Rem Koolhaas  und durch die großzügige Förderkultur, die von einer bewussten Architekturpolitik begleitet wurde. Die Architektur-Programme, die die Regierung seit Anfang der 90er Jahre veröffentlichte, haben mit dazu beigetragen, dass ein breites Bewusstsein für Qualität entstanden ist.
Heute hat sich diese Situation wesentlich verändert: Die Hälfte der Architekten haben ihren ursprünglichen Job verloren, die staatliche Förderung und Programmierung sind nur noch Randerscheinungen. Hinzu kommt, dass die Generation der Architekten, die in den 90er Jahren groß geworden sind, immer noch sehr dominant ist, also wichtige Posten und Aufträge für sich beansprucht. Das macht es für die nachfolgende Generation sehr schwierig, an Aufträge zu kommen und sich zu profilieren.

Van Driel: Sind die „goldenen Jahre“ der niederländischen Architektur also endgültig vorbei?

Ibelings: Bei dieser Frage drängt sich mir der Vergleich mit dem Bergbau auf: Der hat in den Niederlanden auch nur sehr kurz Bedeutung gehabt, etwa von 1958 bis 1965. Die Blütejahre der niederländischen Architektur sind definitiv vorbei und dieses Ende markiert einen globalen Epochenwandel. Diese Jahre waren die letzte Phase, in der nach der alten Formel Fortschritt an Wachstum gekoppelt war. Jetzt müssen wir mit Schrumpfungsprozessen leben und ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft mit weniger auskommen müssen. Diese Position widerspricht im Grunde dem Wesen der Architektur; sie verträgt eigentlich keinen Pessimismus. Sie lebt davon, dass man positiv in die Zukunft blickt und beinhaltet keine Gesellschaftskritik, sondern dient der Affirmation der bestehenden Gesellschaftsordnung. Manche sagen natürlich: In China und Indien ist noch genug zu tun, aber ich denke, das lässt sich schwer vergleichen, weil man dort eine ganz andere Auffassung von Öffentlichkeit hat.

Van Driel: Wieso ist der Bezug zwischen Öffentlichkeit und Architektur für Sie so entscheidend?

Ibelings: Mit Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft wird Architektur überall in Europa zur sozialen Kunst. Das heißt: Architektur hat die Aufgabe, die Gemeinschaft zu formen. Diese Entwicklung läuft parallel zur Entstehung der Demokratie, spielte aber natürlich auch in den sozialistischen Staaten eine entscheidende Rolle. In der Gegenwart findet diese soziale Bedeutung der Architektur ein abruptes Ende, denn unsere Situation ist eine andere. Die Bevölkerung wächst nicht mehr, weshalb es weniger Bedarf für Architektur gibt und die Formel von Wachstum und Fortschritt trägt nicht mehr. Schon jetzt ist der Leerstand von Büroflächen ein sichtbares Problem, das von Spekulanten verursacht wurde.

Van Driel: Muss in der Zukunft also gar nicht mehr gebaut werden?

Ibelings: Ich würde nicht sagen, dass gar nicht mehr gebaut wird, aber viel weniger. Die Bedeutung von Architektur wird in der Zukunft wahrscheinlich geringer. Dann wird es vor allem darum gehen, funktionelle Probleme zu lösen, vermutlich vor allem um die Transformation des Bestehenden. Es wird eine andere Auffassung von Architektur entstehen, der Trend geht weg vom Herstellen von Objekten.

Van Driel: Können Sie da in den Niederlanden schon einen neuen Trend feststellen, wie Architekten mit der veränderten Situation umgehen?

Inntel Zaandam
Inntel Hotel in Zaandam: Der Stil des „Neotraditionalismus“, Quelle: Roel Backaert (Foto)/Wilfried van Winden/WAM architecten (Architekt)/WAM architecten/Molenaar & Van Winden architecten (Entwurf)

Ibelings: Nein, einen Trend kann ich nicht ausmachen. Eher viele kleine Versuche. Aber als Kritiker habe ich festgestellt, dass ich sowieso immer erst dann über Bewegungen schreibe, wenn diese ihren Höhepunkt schon überschritten haben.
Die Themen der Gegenwart sind Nachhaltigkeit und Globalisierung. Die Situation hat sich durch die EU-weite Ausschreibung von Aufträgen sehr verändert. 1990 hatten noch 90 Prozent der niederländischen Büros über 90 Prozent niederländische Angestellte. Das ist heutzutage beinahe umgekehrt.

Van Driel: Macht es dann überhaupt noch Sinn, von niederländischer Architektur zu sprechen?

Ibelings: Es wird sicher immer schwieriger, über niederländische Architektur zu sprechen. Überall in Europa wird ungefähr dasselbe gebaut, unter Einbeziehung lokaler Traditionen. Das ist übrigens nichts Neues, das gibt es schon seit Jahrhunderten. Nur hat sich dieser Trend durch die Entwicklung der vergangenen Jahre zugespitzt.


Van Driel: Zum Thema lokale Traditionen: Wie sehen sie den Trend zur Retro-Architektur, der in den vergangenen Jahren vor allem beim Wohnungsbau durchgeschlagen ist?

Ibelings: Das ist vermutlich Nachholbedarf: In den Niederlanden hat es eine merkwürdige Entwicklung gegeben: Die Postmoderne hat hier kaum Wiederhall gefunden. Die Architekten der 90er Jahre sahen und sehen sich mehr in der Tradition des Modernismus, die in den Niederlanden ungebrochen fortlebte. Der Neo-Traditionalismus der vergangenen Jahre ist vermutlich ein verspätetes Durchschlagen des Postmodernismus. Aber wenn man sich das Inntel Hotel in Zaandam von WAM Architecten anschaut, wohl das Paradebeispiel dieses Stils,entdeckt man eigentlich wenig Unterschied zur witzigen Architektur der 90er Jahre – außer dass dort mit traditionellen statt mit modernistischen Formen gespielt wird.

Zur Person:

Hans Ibelings gehört zu den wichtigsten Architekturkritikern der Niederlande. Er studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Amsterdam und lehrte als Dozent an verschiedenen Hochschulen, unter anderem am der Akademie für Architektur in Amsterdam und an der Technischen Hochschule Eindhoven. Ibelings hat war an der Konzeption zahlreicher Architekturausstellungen beteiligt. Er ist, zusammen mit Arjan de Groot, Herausgeber des Architekturmagazins A10 und hat zahlreiche Publikationen zum Thema Architektur veröffentlicht, von denen auch einige auf Deutsch erschienen sind.[1]


[1] Ibelings, Hans (Hrsg.): Die gebaute Landschaft: Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Städtebau in den Niederlanden, München u.a. 2000; Ibelings, Hans: Europäische Architektur seit 1890, Berlin 2011.

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Links

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Informationen rund um die nld. Architekturszene Architectenweb

ArchEX hat als Ziel, Architekturinteressierten die Niederlande und seine Bauten näherzubringen ArchEX

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