Niederländische Architektur


V. Architekturpolitik

In den Niederlanden ist mithilfe des Staates eine eigene Architekturinfrastruktur aufgebaut worden, die sich in Rotterdam konzentriert. 1993 wurde das Niederländische Architekturinstitut (NAi) gegründet, das weltweit einzigartig ist. NAi beherbergt Dokumente von 500 Architekten, organisiert Ausstellungen und Konferenzen, unterhält enge Kontakte zu niederländischen Architekten. Zudem ist im Haus ein Museum untergebracht, in dem Wechselausstellungen zu Leben und Werk bekannter Architekten gezeigt werden. Der Staat fördert NAi mit 11,2 Millionen Euro.

Das NAi in Rotterdam
Das NAi in Rotterdam des Architekten Jo Coenen, Quelle: Cak-cak/cc-by-nc-nd

Weitere wichtige Institutionen sind das Berlage-Institut und das Architectuur-Lokaal in Amsterdam. Letzteres dient als Plattform für Informationen und gibt Bauherren Anregungen: Was soll gebaut werden? Wie? Welche staatlichen Förderungen gibt es?

Architekturpolitik fällt in den Niederlanden unter die Obhut des Ministeriums für Volkshuisvestiging, Ruimtelijke Ordening en Milieu (kurz VROM) sowie des Kulturministeriums OCW. Alle vier Jahre erscheint eine Architektur-Nota, in der die Leitlinien der Politik festgelegt werden. Die letzte Nota „Ontwerpen aan Nederland“ beschäftigte sich mit zehn großstädtischen Projekten, die in den Mittelpunkt der politischen Agenda gerückt wurden. Darunter die geplante Zuiderzeelijn von Amsterdam nach Groningen, die Neugestaltung der Autobahn A12, das neue Rijksmuseum oder der Neubau der Denkmalschutzbehörde in Amersfoort.

Obwohl es in den Niederlanden viel Beachtung für die moderne Architektur gibt, beschleicht die Bürger Unbehagen wegen der landschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre. Sie machen sie Sorgen über die stetige Urbanisierung, den Wildwuchs von Wohngebieten in Dörfern und Städten und nicht zuletzt die schnell wachsenden Industrieflächen. Kritik, für die die Niederländer ein schönes Wort gefunden haben: „Verrommeling“ des Landes.

Das Ministerium VROM hat die Aufgabe hier gegenzusteuern. Der Staat will stärkere Vorgaben für den öffentlichen Charakter der Architektur, des Städtebaus, der Landschaftsarchitektur und der Infrastruktur. Dies ist auch geboten, denn die Niederlande durchschneiden ihre Landschaft mit großen infrastrukturellen Projekten, wie der Betuwelijn oder der Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL von Amsterdam nach Paris. Sie greifen in den Charakter der Landschaft ein, genauso wie die riesigen Bausiedlungen, Vinex-Wijken genannt, die in Utrecht (Leidse Rijn) oder Amsterdam (IJburg) entstehen. Der Staat will mittels der oben genannten zehn Projekte an der Landschafts- und Architekturentwicklung teilhaben. Die Projekte sollen ein Vorbild sein, wie in Zukunft mit landschaftlichen und architektonischen Problemen umgegangen wird. Ferner möchte der Staat eine bessere Verbindung zwischen architektonischer Kunst und den Bürgern erzielen: „Eine gesellschaftliche Einbettung der Architektur“, wie es in der Kultur-Nota heißt. Denn Architektur solle eine deutliche Qualitätsverbesserung erfahren. Bislang mangele es an Qualitätsstandards; niederländische Architekten sind vor allem wegen ihrer gewagten Konzepte und innovativen Entwurfsstudien bekannt. Das Ministerium bemängelt, dass Kenntnisse über technische Konstruktionen, Installationen und Material unter den Studenten zu schlecht seien.

In den Niederlanden gibt es in etwa 10.000 Architekten und Planer (7.985 Architekten, 575 Städtebauplaner, 563 Landschaftsarchitekten). Sie sind freiberuflich tätig oder im Dienst des Staates. Durch den Bauboom der 1990er Jahre hatten sie viele Aufträge. Dies hat sich allerdings geändert, Aufträge sind rückläufig.

Eine zentrale Rolle spielt der so genannte Rijksbouwmeester (zurzeit Frits van Dongen). Er ist der Berater des Ministeriums (VROM) und Direktor des Rijksgebouwendienst (Rgd) auf den Gebieten strategische Planung, Denkmalschutz, Architektur und Kunst. 2001 wurde das Atelier Rijksbouwmeester eingerichtet, das eine Kontrollfunktion zur Qualitätssicherung hat. Das Atelier soll die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen VROM-Direktorien verbessern und ist bei der Entwicklung der zehn staatlichen Projekte beteiligt.

Seit 2002 gibt es ein neues Institut für Landschaftsplanung, das Ruimtelijke Planbureau. Es dokumentiert relevante gesellschaftliche Entwicklungen und erstellt Prognosen für die Landschaftsplanung.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005
Aktualisiert: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Links

Wichtige kulturelle Institutionen finden Sie unter Institutionen

Informationen rund um die nld. Architekturszene Architectenweb

ArchEX hat als Ziel, Architekturinteressierten die Niederlande und seine Bauten näherzubringen ArchEX

Berufsvereinigung niederländischer Architekten Königliches Institut Niederländischer Architekten BNA

Das Niederländische Architekturinstitut NAi ist Archiv, Bibliothek, Kulturpodium und Museum. Nederlands Architectuurinstituut

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