Niederländische Architektur


VIII. Almere: Ein städtebauliches Versuchslabor

Almere
Retortenstadt: Almere, Quelle: Erik van Roekel/cc-by-nc-sa

Von null auf über 190.000 in nur 35 Jahren: Für eine Stadt ist das ein ganz schönes Tempo. Die Retortenstadt Almere , die als Ausweichstandort für großstadtmüde Amsterdamer geplant wurde, hat sich mit inzwischen 190.655 Einwohnern[1] in kürzester Zeit zur siebtgrößten Stadt der Niederlande entwickelt. Almere ist in mehrerlei Hinsicht ein Phänomen. Wer nicht vor der steifen Brise zurückschreckt, die so oft über den noch keine 60 Jahre alten Flevopolder fegt, kann hier viel über niederländische Architektur und Stadtplanung der jüngsten Jahrzehnte lernen. Auf dem erst seit 1955 dem IJsselmeer abgerungenen Stück Land ist eine Stadt entstanden, die an einigen Stellen trotz des vielen Grüns an Künstlichkeit kaum zu überbieten ist. Hier existieren verschiedenste Architekturströmungen seit den 1970er Jahren in ihrer Reinkultur nebeneinander – vom bodenständigen, sozialistisch inspirierten Reihenhausviertel der Anfangsjahre bis zur Spektakel-Architektur der 1990er und frühen 2000er. Nach wie vor wächst die Stadt weiter. Zehntausende Wohnungen sollen in den kommenden Jahren noch gebaut werden. So ist und bleibt Almere ein Versuchslabor für städtebauliche Experimente.

Als im Jahre 1975 der erste Spatenstich für die Stadt in den sandigen Polder gesetzt wurde, war von den heutigen Dimensionen der Stadt noch nichts zu spüren. Damals dürften sich die Ur-Almerer eher wie die ersten Siedler im wilden Westen gefühlt haben: In Notunterkünften schlugen sich eine Handvoll Familien ohne Geschäfte, Schulen, Ärzte und Ausgehgelegenheiten durch den ersten Winter, den der Stadtteil Almere-Haven erlebte. Das nächste frische Brot war über zwölf Kilometer entfernt.[2]

DE Fantasie
Experiment in Sachen Städtebau: De Fantasie, Quelle: roryrory/cc-by-nc-sa

Für viele Amsterdamer war die neue Stadt im Polder trotz der anfangs kargen Verhältnisse das gelobte Land. Im großen Stil entstanden hier Wohnviertel mit Reihenhäusern, die den modernen Standards entsprachen. Es gab Platz, Ruhe und es war sauber – das genaue Gegenteil von Amsterdam. Zu Anfang tauschten viele mit Begeisterung die beengten Verhältnisse der Hauptstadt gegen die Weite und Bequemlichkeit von Almere. Doch mit dem rasanten Wachstum der Stadt kam auch die Identitätskrise: Wer mehr vom Wohnen erwartete als „huisje, boompje, beestje“ (dt. Häuschen, Bäumchen, Tierchen)[3], der hatte hier wenig zu lachen.

Das Imageproblem ist Almere bis heute noch nicht los. Nach wie vor gilt sie den meisten Niederländern als anonyme Schlafstadt. Erst 2008 wählten sie die Leser der Tageszeitung de Volkskrant zum hässlichsten Ort der Niederlande.[4] Dabei wird an vielen Fronten gekämpft, um der Stadt aus der Retorte ein Gesicht zu geben. Ein eigener Stadtphilosoph macht sich berufsmäßig Gedanken über „das Almerische“. Originelle Straßennamen sollen Orientierung und Identifikation schaffen. Das Ganze gipfelt im Comicheldenviertel, wo man zum Beispiel in der Asterixstraße, am Popeyeweg oder an der Donald-Duck-Allee wohnen kann.

Vor allem aber hat sich Almere seit den 1980er Jahren architektonisch ins Zeug gelegt, um markante Punkte zu schaffen, die sich vom Einerlei der unendlichen Reihenhaussiedlungen unterscheiden. Erste Errungenschaften sind die Bauexperimente De Fantasie (1982) und De Realiteit (1985). Damals durften Architekten ihre kühnsten Wohnträume ausleben, und wessen Entwurf von der Jury ausgewählt wurde, der bekam ein Grundstück, auf dem er sein Experiment in die Tat umsetzen durfte. Eigentlich war den Gebäuden nur eine Lebenszeit von fünf Jahren zugedacht worden. Weil sie aber ein so großer Besuchererfolg sind, stehen sie bis heute.

In den bauwütigen 1990ern wurde schließlich ein echtes Megaprojekt angeschoben: Eine Stadt suchte ein neues Zentrum. Eine markante Mitte musste her, die Almere Großstadtallüre verleihen sollte und genug Kapazitäten für die gewachsene Stadt bieten konnte. Das Office for Metropolitan Architecture (OMA), das für seine megalomanen Entwürfe bekannte Büro von Stararchitekt Rem Koolhaas, gewann die Ausschreibung für den Masterplan.[5]

De Smaragd
De Smaragd: buntes Hochhaus im Hintergrund, Quelle: Wiliam Verbeek/cc-by-nc-sa

Das neue Herz der Stadt, das Stadshart von Almere, setzt bewusst auf Spektakuläres. Gar nicht zimperlich wurden auch erst 20 Jahre alte Gebäude abgerissen um für das neue, futuristisch anmutende Totalkonzept Platz zu machen, das sich dort wie ein frisch gelandetes Ufo breit macht. Schon die Grundidee ist sehr ambitioniert: So entwarfen Rem Koolhaas und Floris Alkemade zunächst einen holländischen Berg, der im flachen Poldergebiet selbstverständlich künstlich angelegt ist: Der Boden des gesamten Stadshart ist leicht angehoben, an manchen Stellen bis zu sechs Meter. Das gibt dem Auge in der Fläche einen Halt und schafft einen charakteristischen Punkt. Die Erhöhung hat aber auch einen praktischen Vorteil. Denn so lässt sich die Welt im neuen Zentrum der Stadt in zwei Teile teilen: Oben wechseln sich Geschäfte, Wohnungen, Büros, Restaurants und andere Ausgehgelegenheiten ab. In der Unterwelt verbirgt sich dagegen alles, was man nicht so gerne sehen will und mit der Infrastruktur zu tun hat. Hier wird geparkt, Busse fahren auf eigenen Bahnen und es gibt ein hochkompliziertes Müllentsorgungssystem, das direkt aus einem technikverliebten Science-Fiction-Film abgeschaut sein könnte: Jeglicher Müll, den die Geschäftsinhaber, Anwohner und Passanten verursachen, gelangt in eine Art Rohrpostsystem. Der Abfall wird durch Absaugrohre automatisch an unterirdische Sammelstellen transportiert, die sich wiederum selbst bei der Müllabfuhr melden, wenn sie geleert werden müssen.

De Citadel
De Citadel: Einkaufsviertel in Almere, Quelle: Wiliam Verbeek/cc-by-nc-sa

Den Bauhorizont an der Oberfläche teilt der Masterplan in verschiedene Zonen ein. Die Aufträge dafür gingen an verschiedene meist internationale Architekten. Das Herzstück ist die Citadel, nach einem Entwurf des französischen Architekten Christian de Portzamparc. Der Komplex steht auf einer 130 mal 130 Meter großen Grundfläche. Zwei sich kreuzende Straßenschluchten teilen die Fläche in vier Quadranten auf. Wegen der dadurch entstehenden rasanten Ecken und wegen der rötlichen Betonelemente in Felsenoptik, welche die Fassade schmücken, kommen Assoziationen mit dem Grand Canyon auf. Das Erdgeschoss bietet Platz für 50 Ladenlokale, darüber befinden sich 46 Wohnungen und ein Dachgarten. Die Kreuzung der Einkaufsstraßen wird von einem grünen Wohnturm markiert. In der direkten Umgebung befindet sich das neue Multiplexkino mit dem schönen Namen Utopolis, entworfen von Rem Koolhaas/OMA, der Wohn-und Shoppingkomplex De Smaragd (Gigon und Gruyter) oder der Appartmentkomplex The Lakeside (SeaARCH), in etwa der schiefe Turm von Almere.

Als echte Verfechter der Großstadt haben die OMA-Architekten Almere sogar so etwas wie eine Mini-Skyline verpasst. Wer sich den Weg durch die Einkaufsmeile gebahnt hat, erreicht am Ende des künstlichen Hügels das Weerwater (dt. etwa „Wieder-Wasser“). Das Ufer des Sees, der sich vor allem noch dort befindet, weil er sich auch mit größten Mühen nicht austrocknen lassen wollte, wird von einigen markanten Bauten gesäumt. Die Kontraste sind groß, aber nicht unüberwindlich: Östlich breitet sich die nüchtern-minimalistische Kunstlinie auf dem Wasser aus. Den vom japanischen Architektenduo Kazuyo Sejima/Ryue Nishisawa (SANAA) entworfenen Komplex teilt sich die städtische Theater- und Musikbühne mit einem Zentrum für kulturelle Bildung, wo Kurse von Aktzeichnen bis Ziehharmonikaspielen belegt werden können. Aus der eingeschossigen, komplett verglasten Grundfläche von 100 mal 100 Metern ragen drei verschieden große, helle Kuben. Darin befinden sich drei Zuschauersäle mit 1.050, 350 und 150 Sitzplätzen. Neben dem Kulturkomplex erheben sich zwei Wohntürme mit dem lyrischen Namen Side by Side. Hinter der glatten Fassade der von Frits Dongen (Architecten van Cie.) entworfenen Appartementhäuser verbirgt sich eine große Vielfalt: Über 20 verschiedene Wohnungstypen sind darin zu finden. Von außen sichtbar wird diese Variation durch die Fenster aus blauem Industrieglas. Unregelmäßig sind sie auf der Außenfassade verteilt, so dass ein mosaikartiger Eindruck entsteht. Regelrecht schwindelerregend ist Renée van Zuuks Gebäude The Wave. Der Wohnkomplex macht seinem Namen alle Ehre: Die spektakuläre Fassade des siebenstöckigen Gebäudes ist tatsächlich wie eine Welle geformt und mit gegeneinander versetzten, silbernen Aluminiumplatten verkleidet. Mit der Silverlinie haben auch die niederländischen Architekten Claus und Kaan Almere ihren Stempel aufgedrückt. Der obere Teil des Wohnturmes mit der leicht silbern glänzenden Fassade ragt hervor und ein Stück über den See. Diese zunächst ungewöhnlich erscheinende Form geht von einem ganz praktischen Fakt aus: Die Wohnungen im unteren und oberen Teil eines Hochhauses sind am beliebtesten. Deshalb fallen diese beiden Volumen hier größer aus, als der uninteressante Mittelteil.

Dass aber bei weitem nicht alles Gold ist was glänzt und dass das Konzept des geplanten Zentrums auch an Grenzen stößt, zeigt sich vor allem am Beispiel des Urban Entertainment Center, entworfen vom britischen Architekten Wiliam Alsop. Zu dem Komplex gehören insgesamt vier Baukörper: Ein Hotel, eine Popkonzertbühne, ein Vergnügungszentrum und ein Einkaufszentrum.

The Wave
Wellenförmiges Hochaus: The Wave von Renée van Zuuks , Quelle: Erik van Roekel/cc-by-nc-sa

Das Hotel mit seinen 117 Betten ist so ein Beispiel für die Startschwierigkeiten, mit denen das Stadshart von Almere zu kämpfen hat. Auf schlanken Pfeilern ruht das kubusförmige, mit Zedernholz verkleidete Gebäude mit seinem futuristisch anmutenden, blasenförmigen Eingang acht Meter über der Straßenoberfläche. Das Hotel wurde als eines der ersten Gebäude im neuen Stadtzentrum fertig gestellt, stand aber lange leer, bevor sich endlich ein Betreiber fand. In Almere war einfach nicht so viel Bedarf an Schlafplätzen, und die wenigen Gäste verbrachten ihre Nächte wohl lieber in der Nähe einer Autobahnauffahrt, als im Stadtzentrum. Eine Retortenstadt funktioniert eben nach einer anderen Logik. Gleich neben dem Hotel scheint eine mit Zink verkleidete Blase aus dem Boden zu quillen. Sie ist ebenfalls ein Teil von Alsops Entwurf. Seit ihrer Errichtung bereitet diese metallene Halbkugel der Stadt Kopfschmerzen. Ursprünglich sollte hier eine Pop-Bühne betrieben werden, die Muzinq getauft wurde. Die ging aber trotz großzügiger öffentlicher Zuschüsse bereits nach drei Wochen pleite. Die für 1.200 und 500 Besucher angelegten Säle waren einfach zu groß für das Almerer Publikum. Danach stand die „Blase“ längere Zeit leer, bevor dort eine Diskothek eröffnete. Die ist inzwischen auch wieder verschwunden, weil der Betreiber die Stadt um die Miete prellte. Was jetzt mit dem einstigen Poppodium passieren soll, steht noch immer in den Sternen.

Trotz dieser Anlaufschwierigkeiten steht das neue Zentrum für einen Epochenschritt und eine städtebauliche Neuausrichtung. Die Planer, die Almere einst am Reißbrett entwarfen, hatten ursprünglich eine Stadt mit mehreren Kernen vor Augen: Der Ausdehnung in die Fläche waren in der Leere und Weite des Polderlandes keine Grenzen gesetzt. So war zu Anfang auch fast kein Hochbau vorgesehen und es entstanden mehrere voneinander weitgehend unabhängige Stadtteile, die mit ihren verkehrsberuhigten Straßen und ihrer kleinteiligen Bauweise ganz der städtebaulichen Mode der Zeit entsprachen und die bis heute kaum urbanen Charakter haben. An das Problem, dass jede Stadt eine Seele, also auch Wahrzeichen und Wiedererkennbarkeit braucht, hatten die Planer damals nicht gedacht. Dem setzt jetzt die neue Stadtmitte eine deutliche Hierarchie entgegen. Die angehobene Grundfläche und die Wohntürme am Ufer des Weerwater liefern eine klare Markierung: Hier ist das Zentrum, hier ist Stadt.

Tatsächlich führt die Neuorientierung dazu, dass sich in Almere zaghaft eine Ausgeh-Kultur entwickelt. Endlich wissen die Einwohner, wo sie dazu hingehen sollen. Immerhin haben sich inzwischen eine ganze Reihe von Cafés und Restaurants im neuen Zentrum angesiedelt und das Kino ist gut besucht. Zum Shoppen brauchen sich die Almerer jetzt nicht mehr durch die überfüllte Amsterdamer Kalverstraat zu zwängen. Inzwischen bietet das Touristikbüro der Stadt wöchentliche Architekturführungen an, die das neue Aushängeschild der Stadt zum Thema haben. Das beweist: Mittlerweile findet auch der ein oder andere Tourist seinen Weg nach Almere.


[1] Vgl. CBS: Demografische kerncijvers per gemeente 2011, Den Haag/Heerlen 2011, S. 20, Online.
[2] Geheugen van Almere: Bivakkeren in de woestijn, Online.
[3] niederländische Redensart, die das Idyll des Eigenheims umschreibt.
[4] Heijmans, Toine: Almere lelijkste plek van Nederland, in volkskrant.nl vom 29. Februar 2009, Online.
[5] OMA: Almere Masterplan, A New City Centre for the City of Almere, Almere 2007, Online.

Autorin: Katja van Driel
Erstellt: Januar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bouman, Ole: Niederlande – Architektur der Konsequenz. Niederländische Entwürfe für die Zukunft, Einleitender Essay zum Katalog der Ausstellung „Architecture of Consequence“, 2009. Onlineversion

Ibelings, Hans: Niederländische Architektur des 20. Jahrhunderts, München 1995.

Ibelings, Hans: Die gebaute Landschaft. Zeitgenössische Architektur, Landschaftsarchitektur und Stadtleben in den Niederlanden, München 2000.

Jodidio, Philip: Architectuur in Nederland, Hong-Kong/London 2006.

Ministerie van Verkeer en Waterstaat (Hrsg.): Project Mainportontwikkeling Rotterdam. Oplossingsrichting Zuidwest-Nederland, 1998. Onlineversion

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