II. Kleine Historie der niederländischen Theaterpolitik

Die Theaterszene war in den Niederlanden immer ein zartes Pflänzchen. Bis in die 50er Jahre hat der Staat das Theater nicht als eigene künstlerische Ausdrucksform anerkannt und finanziell auch nicht gefördert. Gegen alles gab es in calvinistischen Kreisen Vorbehalte. „Denn“, so befand die Rijkscommissie voor de Dramatische Kunst, „nur das was den Menschen veredelt und erhöht, darf Kunst genannt werden“. Theater als Freizeitvergnügen galt nicht als „wahrhaftige Kunst“. Und selbst im Gutachten für die Cultuurnota 2004 sieht sich der Raad voor Cultuur immer noch veranlasst zu notieren: „Für den Rat steht das Theater als Kunstform nicht zur Diskussion.“

Die heutige niederländische Theaterlandschaft hat noch keine lange Tradition. In der Saison 1953/54 gab es gerade mal vier professionelle Theatergesellschaften im Land. Und alle vier waren in der Randstad ansässig. Erst nach 1953 gab es auch in den östlichen Landesteilen eigene, durch den Staat subventionierte Gesellschaften, die sich in Eindhoven und Limburg niederließen. Für die nördlichen Provinzen entstand die Reisegesellschaft Noorder Compagnie. Aber von einer reichen Bühnenlandschaft kann bis in die 70er Jahre nicht gesprochen werden. 1969 unterstützte der Staat gerade mal sieben Theater. Anno 2002 waren dies 44.

Viel Bewegung löste die Actie Tomaat 1969 aus. Junge Studenten warfen während der Theatervorstellung Tomaten auf die Bühne, um gegen das verstaubte und in ihrer Wahrnehmung fast reaktionäre Theater zu demonstrieren. Sie forderten freie Bühnen, kleine Säle, in der moderne gesellschaftliche Probleme thematisiert werden und nicht ausschließlich die historischen Klassiker gespielt wurden. Die Actie Tomaat  löste eine Welle der Modernisierung aus. In der Folge entstanden gut 50 neue Theatergesellschaften, mit mehr oder weniger amateurhaftem Anspruch. Das klassische, seriöse Programm blieb weiterhin den großen Theaterhäusern vorbehalten.

Im Oktober 1983 erkannte der Raad voor de Kunst eine Krise in der Theaterszene und riet der Regierung, die Politik in wichtigen Punkten grundlegend zu ändern. „Wir können nicht sagen, dass es eine breite Theaterlandschaft gibt, die ins Auge sticht“, so der Raad voor de Kunst in seiner Beurteilung. Die Kritik des Rates führte in der Tat zu einem tief greifenden Einschnitt, der bis heute zu erkennen ist.

Durch die Commissie De Boer (Commissie Landelijk Toneelbestel) wurden Mitte der 80er Jahre viele Theater  aufgehoben oder zusammengeführt. Auch die künstlerischen Leitungen der Gesellschaften wurden teilweise zusammengelegt. Die Kommission war der Meinung, dass vor allem die großen Theatergesellschaften in der Randstad, in Groningen, Arnheim und Eindhoven die Theatertradition aufrecht erhalten müssen. Sie sollen klassische und moderne Welttheaterliteratur für ein breites Publikum auf hohem Niveau präsentieren. „Die Kommission hat 1984 die Basis für unsere heutige Theaterlandschaft gelegt“, so der Raad voor Cultuur anno 2008.

Seit 1985 werden daher die großen Gesellschaften außerhalb der drei Großstädte in der Randstad ausschließlich vom Staat finanziert. Eine Co-Finanzierung ist nur mit Amsterdam, Rotterdam und Den Haag möglich. Hier zahlten der Staat 40 und die Städte 60 Prozent der Subventionen.

2002 wurden zirka 25 Prozent des Budgets für Podiumskünste für das Theater aufgewendet. Hiervon profitieren auch die insgesamt zwölf so genannten „Repertoire-Gesellschaften“ wie Toneelgroep Amsterdam, Het Nationale Toneel, Rotheater in Rotterdam, Zuidelijk Toneel/Hollandia, Toneelgroep Oostpool und das Noord Nederlands Toneel. Mittelgroße Gesellschaften sind De Theatercompagnie, das Onafhankelijk Toneel, Orkater, De Paardenkathedraal, Het Toneel Speelt, De Appel und Het Vervolg. Sie alle spielen ein variationsreiches Programm mit klassischen und modernen Stücken.

Neben den acht dauerhaft geförderten Theatergruppen gibt es 31 Gesellschaften, die nur alle vier Jahre eine Förderung bekommen haben. Darunter fünfzehn Puppen- und Pantomimetheater.
Wer Staatssubventionen erhält, der spielt in der ersten Liga der Theaterszene. 47 Theater haben 2008 eine Anfrage an das Kulturministerium gestellt, um für die Jahre 2009 bis 2012 gefördert zu werden. Von den insgesamt 52 Millionen Euro, die gewünscht wurden, konnten  zwei Drittel bewilligt werden. Der niederländische Staat muss sparen und dies merkt auch der Theatersektor. Die insgesamt 31 Millionen Euro bekamen nur ausgesuchte, qualitativ gute Theater und Kleinkunstbühnen. Ende der 90er Jahre war die Situation günstiger. Staatssekretär van der Ploeg hatte 35 neue Theater in die Cultuurnota aufgenommen.

Zur Rolle des Theaters in der niederländischen Gesellschaft gibt es unterschiedliche Meinungen. Auf der einen Seite ist die Zahl der Besucher, die ins Theater geht, inklusive Kabarett, Kleinkunst und Musicals, seit Jahren stark gewachsen. Auf der anderen Seite beschäftigt sich das Theater sehr wenig mit Gesellschaftsproblemen. Es gibt viel Raum für Formexperimente und wenig Bemühungen, ein breites und junges Publikum anzusprechen. Der Raad voor Cultuur trug den Theatern daher auf, „ihre gesellschaftliche Rolle neu zu formulieren“. „Weniger aber besser“ war die Vorgabe des Rates 2004.

Die Gesellschaften haben sich den Rat zu Herzen genommen. Auch das niederländische Jugendtheater hat in den vergangenen Jahren an Qualität gewonnen. Zu nennen sind das Huis aan de Amstel, Max, Stella, Theater Artemis oder Jeugdtheater Sonnevanck.

Die meisten Theater erhalten ihre staatlichen Subventionen vom Fonds voor de Podiumkunsten, der 1993 errichtet wurde für den Vollzug von Projektsubventionen. 2002 fusionierte der Fonds mit dem Fonds voor Amateurkunsten und heißt seither Fonds voor Amateurkunst en Podiumkunsten.
In der Theaterszene bestimmen drei Fragen die Diskussion: Die Abstimmung des Theaterangebots, das Angebot von kleinen Theatern und die Entwicklung von jungen Talenten.

Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist das Bestreben, junge Theatertalente von den kleinen Bühnen an die großen Theater heranzuführen. Die kleinen Theater sollen als Kaderschmiede für die großen dienen. Aber dies geschieht nach Meinung des Raad voor Cultuur noch zu wenig. Wilfried Takken vom NRC Handelsblad benannte schon 2003 Gründe, die bis heute gültig sind: „Die meisten Schauspieler kleiner Theater wollen gar nicht an einem großen Schauspielhaus spielen. Die kleinen Theater bilden einen eigenen Sektor, mit einem eigenen Publikum, das sonst oft gar nicht ins Theater geht.“ Die großen Gesellschaften müssen sich daher ihr Personal selbst „heranzüchten“. Die ersten Schritte wurden bereits unternommen. Die Theaterkompagnie, Toneelgroep Amsterdam und das Nationale Toneel haben ihre Talentschulen ausgebaut. Allerdings ist der Raad voor Cultuur auch nach zehn Jahren Talentförderung immer noch der Meinung, dass die Erfolge zu spärlich sind.

Obwohl sich die Zahl der Theaterbesuche in den vergangenen zehn Jahren dank Kabarett und Musical verdoppelt hat, bleibt die Besucherzahl subventionierter Bühnen seit 25 Jahren knapp unter einer Millionen. Die Vorstellungen hingegen haben jährlich zugenommen, sind aufwändiger geworden und teurer. Die großen Theater haben eine stabile, leicht rückläufige Produktion. Die starke Zunahme ist vor allem an den kleinen Theatern zu erkennen. Der Raad voor Cultuur sprach sich besorgt über die Überproduktion aus. Das Motto des Vorgutachtens zur Cultuurnota 2004 lautete denn auch: „Weniger, aber dafür besser“. Konsequenterweise wurden die Theater, die Subventionen erhalten, 2008 stark zusammengestrichen. Nur noch 31 Gesellschaften erhalten Geld vom Staat. Vier Jahre zuvor waren es noch 95.

Dem Regisseur kommt in den Niederlanden eine wichtige Rolle zu. Lange Jahre war es so, dass das Bestehen einer Theatergruppe einzig und allein vom Regisseur abhing. Dies hat sich geändert. Das Rotheater in Rotterdam etwa bleibt bestehen, auch wenn die Spitze gewechselt hat. Insofern geht das niederländische Theater gestärkt in die Zukunft. Der Raad voor Cultuur spricht sich in „Innoveren. Participeren!“ lobend über die neue Kulturförderung aus, die das Theaterleben in den Niederlanden auf gesunde Beine stelle: „Durch die acht Stadt- und Regio-Gesellschaften wird ein anspruchsvolles Erwachsenentheater garantiert.“

Het Nationale Toneel

Das Nationale Toneel in Den Haag ist eine der größten Theatergesellschaften in den Niederlanden. Das Ensemble spielt klassisches und modernes Welttheater und wagt sich auch an experimentelle Vorstellungen. Es hat ein breites Repertoire und will sich einem großen Publikum präsentieren. Sowohl in den großen Theatern als auch in den kleinen Sälen. Das Nationale Toneel betrachtet sich als die größte Reisegesellschaft der Niederlande und wichtigste Kaderschmiede für Spitzentheater. In Den Haag gibt es mit dem Werkhuis eine eigene Bühne für junge Talente. Seit 2007 ist die Koninklijke Schouwburg in Den Haag der feste Sitz des Theaters. Gleichwohl spielt das Nationale Toneel noch an 25 weiteren Theatern im Land. Die künstlerische Leitung haben Johan Doesburg und Direktor Evert de Jager. Jedes Jahr gibt das Nationale Toneel gut 300 Vorstellungen. Das Ensemble setzt sich zum Ziel, jährlich vier große Produktionen zu erarbeiten. Neben Regisseur Johan Doesburg unterhält das Theater drei festangestellte Regisseure, die jeweils eine Produktion im Jahr ausarbeiten. Der Raad voor Cultuur ist mit der Arbeit des Nationale Toneel zufrieden. In der Studie „Basisinfrastructuur 1.0“ schreibt der Raad, dass das Theater sich in den vergangenen Jahren eine gute Reputation erworben habe. Der Raad bezeichnet das Nationale Toneel als eine „solide Theatergesellschaft, mit einer hohen Produktivität“. Vor allem um das konventionelle Qualitätstheater habe sich das Nationale Toneel verdient gemacht: „Das Theater hat sich mit dem Erhalt des klassischen Theaterkanons einen Platz in der Szene erworben.“ Das Angebot habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, vor allem durch die Arbeit junger Regisseure. Zudem sei die Nachwuchsarbeit deutlich besser geworden, lobt der Raad voor Cultuur.


Autor:
Andreas Gebbink
Erstellt:
März 2009