V. Tanz in den Niederlanden

Die Niederländer sind leidenschaftliche Tänzer. Über 42 Prozent der Bevölkerung schwingt regelmäßig das Tanzbein, geht zu Tanzveranstaltungen, besucht Diskotheken oder nimmt Tanzstunden. Das Sociaal Cultureel Planbureau (SCP) veröffentlichte im November 2006 eine Studie über das Tanzverhalten der Niederländer. 63 Prozent gaben an, regelmäßig zu tanzen: Breakdance, HipHop und Streetdance sind die beliebtesten Formen. Die Älteren halten sich eher an die klassischen Formen: Von Tango bis Walzer. Jeder dritte über 65-Jährige geht regelmäßig tanzen.

Tanzen ist in den Niederlanden ungemein populär. Auch wenn es naturgemäß eine große kulturelle Kluft zwischen dem Gesellschaftstanz und dem professionellen Theatertanz gibt, erfährt auch letzterer einen großen Zuspruch. Trotzdem wünscht sich der Raad voor Cultuur, dass die Tanztheater noch stärker als bisher von dieser positiven Grundhaltung profitieren. Denn bislang würden sich die Tanztheater zu wenig auf die Bedürfnisse des Publikums einstellen, so der Raad in seiner Studie „Innoveren. Participeren!“. „Die vom Reich subventionierten großen Tanzgesellschaften orientieren sich fast alle an modernem, akademischem Repertoire. In diesem kleinen Teil des Sektors gibt es eine große Konzentration des Angebotes. Die Unterschiede sind für das normale Publikum einfach zu klein, um als solche wahrgenommen zu werden.“ Der Raad folgert daraus, dass das breite akademische Tanzangebot am Interesse des Publikums vorbeigeht. Und dies müsse sich in Zukunft ändern.

Den hohen Stellenwert, den der Tanz heute einnimmt, haben sich die Künstler hart erarbeiten müssen. In den 40er Jahren wurde Tanz in den Niederlanden noch nicht einmal als eigene Kunstform betrachtet, eher als lockere Freizeitgestaltung. Durch den Einfluss ausländischer Tänzer wie Isadora Duncan und Anna Pavlova entstanden einige Tanzgruppen und Schulen. Allerdings kann nicht von einer kontinuierlichen Arbeit gesprochen werden. Die erste klassische Ballettgesellschaft Het Nationale Ballet wurde 1940 gegründet und ein Jahr später schon wieder aufgelöst.

Nach dem Krieg entstand das Scapino Ballet, ein Ballett ganz für die Jugend. Finanzielle Unterstützung vom Staat war damals die Ausnahme. Das Ministerium betrachtete Ballett allerhöchstens als Unterrubrik der Oper. Die ersten Subventionen gab es erst – nach großen Protesten – im Jahr 1954.

In den 60er Jahren gab es zwei führende Gesellschaften: das Nederlands Dans Theater und das Nationale Ballet. Choreographen wie Rudi van Dantzig, Toer van Schayk, Hans van Manen und Jiri Kylian machten sich einen Namen und verhalfen dem niederländischen Ballett im In- und Ausland zu einer hohen Reputation. In den folgenden Jahren breitete sich der Tanzsektor aus. Politische Beschwerden über Staatssubventionen wie etwa in den 50er Jahren waren passé.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Tanz in den Niederlanden weiterentwickelt. Vor allem der moderne Tanz hat eine wichtige Position eingenommen. Die modernen Tanzgesellschaften sind gewachsen, aus Tanzwerkstätten sind Festivals entstanden.

Parallel zum gestiegenen Angebot und dem öffentlichen Interesse wurden auch die finanziellen Sorgen größer. 1985 bekam die Landelijke Werkgroep Dansbestel den Auftrag herauszufinden, ob Tanz überhaupt budgetär neutral gehandhabt werden kann. Und die Arbeitsgruppe kam zum Ergebnis, dass der Tanz besonders hilfsbedürftig ist. Der Staat unterstützt den Tanz für die Zeit 2009 bis 2012 mit 12,8 Millionen Euro – das ist eine Halbierung der Subventionen im Vergleich zu den Vorjahren. Die Niederlande haben neben den Tanzgesellschaften drei Tanzwerkstätten und mehrere gute Tanzfestivals, u.a. Holland Dansfestival Den Haag, Springdans Utrecht und die Nederlandse Dansdagen Maastricht.

Der Raad voor Cultuur betont, dass der kleine niederländische Tanzsektor auf hoch qualifizierten Nachwuchs aus dem Ausland angewiesen ist, um auch international auf Spitzenniveau mithalten zu können. „Im Tanzsektor ist ein internationaler Austausch ungemein wichtig. Nicht nur, um sich mit ausländischen Arbeiten zu messen, sondern auch um sich auszutauschen. Niederländische Theater können es sich kaum erlauben, ausländische Tanzvorstellungen mit exzeptioneller Qualität zu programmieren.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
März 2009