VIII. Kabarett in den Niederlanden

Die Elite rümpft die Nase, die Massen sind begeistert. Wenn Youp van ´t Hek auftritt, dann weiß der intellektuelle Niederländer nicht so ganz, ob er mitlachen darf oder lieber eine Schmolllippe ziehen soll. Denn van ´t Hek ist ein Volkskabarettist, der es deftig mag. Bei seinen Auftritten kommen die Massen und die erwarten eine deutliche Sprache, ein rundes Programm, ohne Blatt vor dem Mund und ohne intellektuelle Spitzen. Der Amsterdamer Schnellsprecher van ´t Hek ist zuweilen ein kabarettistisches Großmaul und gehört zur Spitze der niederländischen Kleinkunst.

Die Szene ist überschaubar. Freek de Jonge zieht das akademische und progressive Publikum, Youp van ´t Hek die breite Masse und Brigitte Kaandorp die Frau ab vierzig. Ein paar hundert professionelle Kabarettisten gibt es im Land, die gut 20 flämischen Kabarettprofis darf man ruhig hinzuzählen, denn auch sie treten häufig im Nachbarland auf.

Die große Kabarettvorliebe in den Niederlanden wurzelt in einer protestantischen Kultur, die bis auf den heutigen Tag charakteristisch ist. Freek de Jonge etwa wuchs in einer protestantischen Pfarrersfamilie auf, umgeben von stundenlangen Gesprächen über Religion und Gesellschaft. Kabarett war für ihn ein gutes Ventil, um sich kritisch mit diesem Milieu auseinander zu setzen.

Die Ursprünge der Kabarettkultur liegen in den 50er und 60er Jahren, als im großen Stile Theater gebaut wurden und es noch zu wenige Theatergesellschaften gab. Kabarett bot sich als günstige Alternative an, um die Säle zu füllen. Viel billiger als ein Musical oder eine Oper.

Zu den kabarettistischen Urgesteinen der Nachkriegszeit gehören Wim Sonneveld, Wim Kan und Toon Hermans, die in den 60er Jahren die Theater füllten. Es waren Zeiten, in denen neue soziale und wirtschaftliche Konflikte ausgefochten wurden, das Zeitalter der Säkularisierung und der Frauenemanzipation. Das Vara-Programm „Zo is het toevallig ook nog eens een keer“ (1964) bot Kabarettisten eine Bühne, um sich mit diesen Konflikten auseinander zu setzen. Nummern wie „Beeldreligie“ waren eine wunderbare Persiflage auf das TV-Schauen als neue Weltreligion. Aber nicht nur VARA, auch die Sender VPRO und KRO engagierten sich im Kabarett. Robert Lang besang den Papst als „frommes Arschloch“ und auch Youp van ´t Hek setzt sich immer wieder mit den religiösen Wurzeln seiner Kindheit auseinander.

In den 80er Jahren, so beschreibt Kabarettproduzent Jacques Klöters, begann das „Ich-Zeitalter“. Die Szene setzte sich weniger mit Politik oder Kirche auseinander, sondern stellte die eigene Person in den Mittelpunkt. Kabarett wurde mit Comedy vermischt. Eine politische Bühne sucht man vergeblich: Hans Lieberg, Brigitte Koendorp oder Herman Finkers standen beispielhaft für die neue Generation. Auch das „Leids Cabaret Festival“ spürte dies. Bei der Abschlussbeurteilung des Festivals 2003 notierte die Jury, dass engagiertes, politisches Kabarett unter den jungen Nachwuchstalenten kaum noch existiere.

Gleichwohl ist die Meinung der großen Kabarettisten gefragt. Sie schreiben in Zeitungskolumnen, äußern sich zu politischen Fragen und zeigen Profil. Youp van ´t Hek kommentiert im NRC Handelsblad das Zeitgeschehen. Kollege Raoul Heertje schrieb für Het Parool, heute hat er eine eigene Talkshow beim Fernsehsender VPRO.

Kabarett ist in den Niederlanden ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor geworden. Mit leichter Unterhaltung lässt sich großes Geld verdienen. Das Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) errechnete 2008, dass in der Saison 2005 gut 2,4 Millionen Niederländer eine Kabarettvorstellung besucht haben. Das sind nach Angaben der Vereniging van Schouwburg- en Concertgebouwdirecties (VSCD) 14 Prozent aller Theaterbesucher. Das ist leicht rückläufig gegenüber der Saison 2004, als etwas mehr als 2,4 Millionen Zuschauer eine Kabarettvorstellung besuchten. Zu den bekanntesten Kabarettsendungen im Fernsehen gehört die traditionelle Oudejaarsconference, die 2008 mit Dolf Jansen und Youp van ´t Hek von 3,6 Millionen Zuschauern gesehen wurde. Ein Millionenpublikum ziehen auch Brigitte Kaandorp, Freek de Jonge oder Herman Finkers. Eines der erfolgreichsten Programme war die Serie Kopspijkers, in der u.a. prominente Niederländer imitiert werden.

Kleinkunstfestival

Das Amsterdams Kleinkunst Festival (AKF) wird jährlich in Amsterdam organisiert und ist eines der Höhepunkte der Kabarett- und Comedysaison. Während des AKF werden u.a. der begehrte Wim Sonneveld-Preis an talentierte Nachwuchskünstler und der Annie M.G. Schmidt-Preis für das beste Theaterlied der Saison überreicht. Unter der Leitung von Evert de Vries, der das AKF 1988 gründete, wird auch ein Schriftsteller- und Stand-Up Comedy Wettbewerb organisiert. Zu den wichtigsten Kleinkunstfestivals gehören auch das Leids Cabaret Festival und Cameretten. Das Leids Cabaret Festival genießt einen hohen Status und ist ein Experimentierfeld für junge Talente. Für Jack Spijkerman, Lebbis & Jansen oder Sara Kroos war das Festival ein Sprungbrett ihrer Karriere.


Autor:
Andreas Gebbink
Erstellt:
März 2009