IX. Kunst vor dem Bildersturm

Frans Floris: Engelsturz, 1554
Frans Floris: Engelsturz, 1554
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In der Mitte des 16. Jahrhunderts bestimmten große flämische Ateliers das Kunstleben in Flandern. Frans Floris, Jan Sanders van Hemessen und Pieter Aertsen standen großen Werkstätten vor, die den ungebrochenen Bedarf an religiösen und profanen Themen deckten. Mit seinem Bruder, dem Bildhauer und Architekten Cornelis Floris gehörte Frans Floris zu den Wegbereitern manieristischer Kunstströmungen in den Niederlanden.[1] Seine Vorbilder waren Raffael und Michelangelo. Die zeitgenössischen italienischen Kunstkritiker Guiccardini und Vasari hielten ihn für den größten niederländischen Maler. Floris unterhielt eine riesige Werkstatt mit rund 100 Gesellen und Lehrlingen, die in ausgefeilter Arbeitsteilung Bilder produzierten. Sein Markenzeichen war die mythologische Allegorie. Für den Altar der „Schermersgilde“ in der Kathedrale von Antwerpen malte er den Engelssturz, sein heute wohl bekanntestes Werk.

Für Jan Sanders van Hemessen ist kein Auslandsaufenthalt nachgewiesen, seine Werke lassen jedoch deutliche Einflüsse der norditalienischen Kunst und des Ausstattungsstils des französischen Königsschlosses Fontainebleau erkennen.[2] Dort hatten seit 1530 italienische Künstler Arbeiten im Stil der Renaissance ausgeführt und mit manieristischen Stilelementen und italienischem Formengut die französischen Künstler beeinflusst. Nach dem Tod von Quentin Massys wurde Jans Werkstatt das führende Atelier in Antwerpen. Um 1550 zog er nach Haarlem, wo er vor 1566 starb.

Pieter Aertsen: Vanitas Stillleben, 1552
Pieter Aertsen: Vanitas Stillleben, 1552
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Pieter Aertsen wurde in Amsterdam geboren, übersiedelte aber als junger Mann nach Antwerpen, wo er 1535 Freimeister der Lukasgilde wurde. Seine Spezialität waren moralisierende Bauernszenen und religiöse Gemälde mit monumentalen Stillleben und kleinformatigen biblischen Szenen im Hintergrund.[3] Als er in den fünfziger Jahren in seine Heimatstadt Amsterdam zurückkehrte, malte er große Altarwerke für holländische Kirchen. Mit seinem Schüler Joachim Beuckelaer entwickelte er das Markt- und Küchenstück. In diesen Gemälden werden Fisch, Fleisch, Gemüse und Obst in üppiger Fülle präsentiert. Oft beinhalten sie Verweise auf die „vita activa“ und die „vita contemplativa“, christliche Ideale, die den Betrachter mahnen, ein gottesfürchtiges Leben zu führen.

Vierzehn Fußbogenschützen der Rotte G, 1562
Vierzehn Fußbogenschützen der Rotte G, 1562

In Holland orientierte man sich derweil an der südniederländischen und der italienischen Kunst. Ein wichtiger Vermittler war Dirk Barendsz, dessen Kunst seit einem Venedigbesuch 1555 unter dem Einfluss Tizians stand.[4] Von seinem siebenjährigen Italienaufenthalt brachte er eine Vorliebe für plastisch ausgearbeitete Figuren, lebendige Kompositionen und ausdrucksstarke, individuell ausgeprägte Gesichter der Dargestellten nach Amsterdam zurück. Dort erneuerte er die holländische Gruppenporträtmalerei. Sein Gemälde der 14 Fußbogenschützen der Rotte G aus dem Jahre 1562 war ein Meilenstein in der Entwicklung dieses Genres.

Pieter Bruegel

Ein Künstler, der die Vorstellungen von der niederländischen Kunst vor Rubens und Rembrandt nachhaltig prägte, war Pieter Bruegel. Seine Jahreszeitenbilder, Bauernhochzeiten und die Darstellungen des Schlaraffenlands gehören zu den bekanntesten Werken der niederländischen Malerei. Wie bei vielen Künstlern seiner Generation sind sein Geburtsjahr und sein Geburtsort unbekannt. Karel van Mander berichtet, dass er eine Lehre bei Pieter Coecke van Aelst absolvierte, einem Antwerpener Künstler, der ihn in die Welt des Humanismus einführte. Wichtig für die Einschätzung von Brueghels Lehrzeit ist, dass Pieter Coecke van Aelst nicht nur Maler sondern auch Verleger war. Er übersetzte Vitruvs Bücher über die Baukunst und trug damit wesentlich zur Verbreitung antiker Schriften in den Niederlanden bei. Über Coecke van Aelst erhielt Brueghel Zugang zu den Antwerpener Gelehrtenkreisen, die sich dem humanistischen Motto „ad fontes“, zurück zu den Quellen, verpflichtet fühlten. Unter den Künstlern, die dort verkehrten, nahm er den Rang eines „pictor doctus“, eines gelehrten Malers, ein. Sein Ruhm festiget sich, als er für den bedeutendsten niederländischen Verleger des 16. Jahrhunderts, Hieronymus Cock, arbeitete. In dessen Antwerpener Verlag „Aux quatre vents“ waren mehr als 30 Künstler damit beschäftigt, die Radierungen und Stiche zu erstellen, die Cock zum Kauf anbot. Zum Verlagsprogramm gehörten alte und neue italienische Gemälde, Zeichnungen und Gemälde von Hieronymus Bosch, alte und neue Merkwürdigkeiten, Grotesken, Porträts berühmter Meister sowie Landschaften und Ruinen. Brueghels Hauptaufgabe war es, Vorlagen für Stiche mit Landschaftsdarstellungen zu erstellen und die Zeichnungen und Vorlagen von Hieronymus Bosch zu bearbeiten, die sich im Besitz des Verlages befanden. Die berühmten Landschaftszeichnungen, die auf Brueghels Italienreise entstanden waren, verlegte Cock mit großem Erfolg.[5]

Pieter Bruegel: Schlaraffenland, zwischen 1526 und 1530
Pieter Bruegel: Schlaraffenland, zwischen 1526 und 1530
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1559 änderte Pieter die Schreibweise seines Namens von „Breughel“ in „Bruegel“, mit dem er fortan seine Werke in römischen Majuskeln signierte. Er entwickelte einen neuen Stil, der sich aus den Überlieferungen der Antwerpener Malerschule, den Werken des Hieronymus Bosch und den literarischen Traditionen der Bauernsatiren und Sprichwörter speiste. Seine Spezialität waren bitterböse Satiren, die im Milieu armer Bevölkerungsschichten angesiedelt waren. Deren realistische Details beruhten auf einer genauen Beobachtung des Alltagslebens. Aber hinter der weltgewandten Oberfläche der Gemälde verbarg sich ein allegorisch-moralisierender Gehalt, den aufzudecken die Freude des gelehrten Betrachters war. Neben Genreszenen malte Bruegel Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, in denen er gesellschaftliche Verhältnisse und menschliche Befindlichkeiten kommentierte. Bahnbrechend waren seine Jahreszeitenbilder. In deren Landschaften verschmolzen Patinirs Weltlandschaften mit Tizians diagonaler Überschaulandschaft, eine Synthese, die erst von Ruisdael außer Kraft gesetzt werden sollte, der die Landschaft zum Spiegel menschlichen Empfindens machte. Brueghel starb 1569. Sein Lebensabend war überschattet von religiösen und politischen Auseinandersetzungen. Seit dem Amtsantritt Philipps II. 1555 hatten sich die Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten in den niederländischen Provinzen verschärft. Mit dem Eintreffen des Herzogs von Alba 1567 in Brüssel trat die Inquisition in ihrer blutigste Phase ein. Bezeichnend für die angespannte Situation durch die Ketzerverfolgungen ist die Anekdote, die Karel van Mander von Bruegels Sterbebett berichtet. Dort habe er seine Frau beauftragt, seine Zeichnungen zu verbrennen, damit ihr keine Schwierigkeiten aus deren Besitz erwüchsen.[6]


[1] Zu Leben und Werk vgl. C. van de Velde, Frans Floris. Leven en werken, Brüssel 1975.
[2] Zu Leben und Werk vgl. B. Wallen, Jan van Hemessen, an Antwerp painter between Reform and Counter-Reform, Ann Arbor 1983.
[3] D. Kreidl, Die religiöse Malerei Pieter Aertsens als Grundlage seiner künstlerischen Entwicklung, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 68, 1972, 43-108.
[4] J.R. Judson, Dirck Barendsz., 1534-1592, Amsterdam 1970.
[5] Zu Brueghels graphischen Arbeiten vgl. Nadine Orenstein (Hrsg.), „Pieter Bruegel the Elder. Drawings and Prints“, Ausst.Kat. Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen und New York, Metropolitain Museum of Art, 2001.
[6] Roger H. Marijnissen, Bruegel. Das vollständige WerkAntwerpen 1988, deutsche Ausgabe Antwerpen 2003, 14.

Autorin: Mechthild Beilmann-Schöner
Erstellt: Mai 2012