I. Einleitung

Genter Altar von Jan van Eyck: Eines der bekanntesten Werke der niederländischen Tafelmalerei
Genter Altar von Jan van Eyck: Eines der bekanntesten Werke der niederländischen Tafelmalerei
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Die niederländische Tafelmalerei entstand im 15. Jahrhundert in Flandern. Die Grafschaft Flandern war zu dieser Zeit Teil der burgundischen Niederlande, ein Gebiet, das die heutigen Niederlande, Belgien und Luxemburg umfasste. Im Gegensatz zur heutigen Situation bildeten die nördlichen und südlichen Niederlande damals eine politische Einheit, ein Zustand, der bis zum Ausbruch des Achtzigjährigen Krieges 1568 andauern sollte. Während der burgundischen Herrschaft konzentrierte sich die Kunstproduktion in den südlichen Niederlanden. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hielt der Landesherr, der Herzog von Burgund, in Brüssel glanzvoll Hof. Philipp der Gute und sein Sohn Karl der Kühne liebten und förderten die Schönen Künste und vergaben wichtige Kunstaufträge. Zum anderen lebte in den reichen flandrischen Städten Brügge, Antwerpen, Gent, Brüssel und Löwen eine wohlhabende Mittelschicht, die den wirtschaftlichen Aufschwung trug. An der Spitze der Gesellschaft standen reiche und sehr reiche Kaufleute, die sich mit Luxusgütern umgaben, die früher dem Adel vorbehalten gewesen waren. In diesem Umfeld kam es zu einer Blüte der Kunst, insbesondere der Malerei, des Kunsthandwerks und der Musik. Der Adel, das Bürgertum und die katholische Kirche agierten als Kunstmäzene im großen Stil.

Die nördlichen Niederlande dagegen kamen auf kulturellem Gebiet über den Provinzstatus nicht hinaus. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden nennenswerte Kunstzentren in Utrecht, Amsterdam, Leiden und Haarlem. Zwischen den nördlichen und den südlichen Provinzen gab es einen regen Kulturaustausch. Die Hafenstadt Antwerpen, im 15. und 16. Jahrhundert eine der größten Städte der Welt und die wichtigste Handelsmetropole Europas, war das bedeutendste kulturelle Zentrum der Niederlande.

Hofmaler und Gildenmeister

Die Geschichte der niederländischen Malerei im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde von Künstlern geprägt, die sich an der Schnittstelle höfischer und bürgerlicher Macht bewegten. Ihre gesellschaftliche Stellung unterschied sich deutlich von der ihrer Vorgänger. Die Maler reisten nicht mehr von Auftrag zu Auftrag, sondern banden sich als Hofmaler an einen Fürsten oder als Mitglied einer Gilde an eine Stadt. Politische und soziale Erwägungen spielten bei dem neuen Rollenverständnis eine wichtige Rolle. In der straff organisierten Hofhaltung, wie sie etwa die Burgunderherzöge pflegten, dienten die Künstler mit ihren luxuriösen Produkten vor allem Zwecken der Selbstdarstellung und der Machtdemonstration des Fürsten. Als Mitglied einer Gilde erhielten Maler und Bildhauer Schutz vor ungeliebter Konkurrenz. Ihre Familien wurden in schwierigen Lebenssituationen unterstützt. Darüber hinaus definierte die Gilde Qualitätsstandards und überwachte deren Einhaltung. Ihre Mitglieder beteiligten sich am gesellschaftlichen Leben der Stadt, in der die Gildenmeister oft eine herausgehobene Stellung einnahmen.

Die Künstler arbeiteten in Werkstätten, in denen viele Mitarbeiter am Werkprozess beteiligt waren. Die Atmosphäre an den neuen Wirkungsstätten war kreativ. Den Malern gelangen weitreichende Innovationen, die das europäische Kulturleben über Jahrhunderte hinweg bestimmen sollten. Eine wichtige Rolle im Ideentransfer spielte der deutsch-niederländische Kulturaustausch. Dies galt sowohl für die Pioniere, die die Tafelmalerei als eigenständiges Genre zu Beginn des 15. Jahrhunderts entwickelten, als auch für die Erneuerer, die in der Zeit um 1500 das Kulturleben bestimmten. Im Gegensatz zu späteren Einschätzungen verstanden sich die deutschen und niederländischen Künstler im 15. und 16. Jahrhundert als Angehörige eines gemeinsamen Kulturkreises. Wenn eine Kulturgrenze gezogen wurde, dann die zwischen Italien und den nördlichen Ländern, nicht zwischen Deutschland und den Niederlanden. Einen Nachklang findet diese Einstellung bei den frühen Künstlerbiographen. So behandelte etwa Karel van Mander in seinem 1604 veröffentlichten Schilder-boek niederländische und deutsche Künstler als völlig gleichberechtigt.

Im Folgenden sollen wichtige Entwicklungsschritte in der niederländischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts erläutert und einige Aspekte des deutsch-niederländischen Dialoges vorgestellt werden. Ausgewählt wurden Künstler und Werke, die geeignet erscheinen, das Interesse an einem Forschungsgebiet zu wecken, bei dem noch viele Möglichkeiten für vertiefende Studien gegeben sind.

Autorin: Mechthild Beilmann-Schöner
Erstellt: Mai 2012