III. Die Erben von Jan van Eyck und Rogier van der Weyden

Hans Memling: Weltgerichtsaltar, 1466-1473
Hans Memling: Weltgerichtsaltar, 1466-1473
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Zur nächsten Generation flämischer Maler gehörten der in Löwen tätige Maler Dirk Bouts sowie Petrus Christus, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Brügge lebte und arbeitete. Der bemerkenswerteste unter Van der Weydens Nachfolgern war Hans Memling.[1] Der „duytsche Hans“ stammte aus Seligenstadt am Main. 1465 erwarb er in Brügge das Bürgerrecht. Dort stand er einer gut organisierten und effizient arbeitenden Werkstatt vor, der man so prestigeträchtige Aufgaben wie die Bemalung des kostbaren Reliquienschreines für die Gebeine der heiligen Ursula im Johannisspital übertrug. Memlings Kunst war in der niederländischen Tradition fest verankert. Er war fasziniert von Jan van Eycks Erfindungen und verehrte Rogier van der Weyden, dessen ausgefeilte Kompositionen er übernahm. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Danziger Weltgerichtsaltar. Den mehrflügeligen Altar bestellte Angelo Tani, der Direktor der Brügger Filiale der Medici-Bank 1467 bei Memling für ein Kloster in der Nähe von Florenz. Er sollte auf den Außenseiten die Stifter und auf der Innenseite eine Szene aus den Offenbarungen des Johannes, das sogenannte „Jüngste Gericht“ zeigen.

Rogier van der Weyden: Weltgerichtsaltar, 1448-1451
Rogier van der Weyden: Weltgerichtsaltar, 1448-1451
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Memling orientierte sich bei der Umsetzung des Themas an Van der Weydens Weltgerichtsaltar, den dieser für Nicolas Rolin, den mächtigen Kanzler des Herzogtums Burgund, geschaffen hatte. Er übernahm sein Kompositionsschema mit der zentralen Christusfigur, unter der links die Auserkorenen von Engeln ins Paradies geleitet werden und rechts die Verdammten zur Hölle fahren. Die Szene ist vollkommen symmetrisch angelegt. Unter Christus, der als Richter auf einem Regenbogen thront, wägt der Erzengel Michael die Seelen der Menschen, die nackt aus ihren Gräbern erstanden sind. Trotz der Ähnlichkeiten fällt es schwer, Memlings Gemälde nur als Kopie eines bedeutenden Rogier-Werkes zu verstehen. Denn Memling passte das klassische Schema den neuen künstlerischen Entwicklungen an. Er veränderte das Bildformat, erweiterte den Bildraum, tauschte Michaels prachtvolle Gewänder in eine goldene Rüstung um und nahm traditionelle Motive wie die Teufel der Höllenfahrt wieder auf. Ob er sich bei seinen Änderungen am Vorbild Stefan Lochners orientierte, ist in der Forschung umstritten. Schon Lochner hatte in seinem Weltgericht den Bildraum erweitert und das Figurenensemble aufgestockt. Ob Memling Lochners Gemälde persönlich gesehen hat, kann heute nicht mehr nachgewiesen werden. Auf Grund von stilkritischen Erwägungen nimmt man aber an, dass der Einfluss der deutschen Kunst auf Memling eher gering gewesen ist.[2]

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Die Geschichte des Weltgerichtsaltars beleuchtet ein weiteres Kapitel deutsch-niederländischer Beziehungen. Sie erzählt von den Besonderheiten des Kunsthandels in einer Zeit, in der Kunstwerke noch mit Pferd und Wagen oder mit dem Schiff transportiert wurden. Als Memling den Altar in seinem Brügger Atelier fertiggestellt hatte, wurde das Triptychon per Seefracht nach Italien verschickt. Auf der Fahrt wurde die Schiffsladung von Piraten gekapert. Der Anführer handelte im Auftrag der Deutschen Hanse. Die weigert sich, das wertvolle Gemälde auszuliefern. Obwohl der Burgunderherzog und der Papst intervenierten, wurde das Gemälde nach Danzig verschleppt und auf dem Altar der Georgsgilde in der dortigen Liebfrauenkirche aufgestellt. Als die Italiener Schadensersatz forderten, bezahlte die Stadt Brügge die Entschädigung, um ernsthaften Schwierigkeiten mit der mächtigen Deutschen Hanse aus dem Wege zu gehen.[3]

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Der bedeutendste flämische Maler in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war Hugo van der Goes. 1467 ließ er sich als Meister in Gent nieder und etablierte eine erfolgreiche Werkstatt, die wichtige internationale Aufträge ausführte. Hugos berühmtestes Werk war der Montforte-Altar. Auf der Mitteltafel ist eine Anbetung der Könige dargestellt. Die monumentalen Figuren mit den stark individualisierten Gesichtszügen, die subtile Lichtführung und das warme Kolorit machen den Altar zu einem oft kopierten Kunstwerk, das auch im Norden viele Nachahmer fand. Hugos Leben war überschattet von einer schweren Krankheit. 1482 starb er, wahnsinnig geworden, im Rookloster in Brüssel.[5] 

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