V. Zu neuen Ufern – die Entdeckung der graphischen Kunst

Die Erfindung des Holzschnittes und des Kupferstiches veränderte nicht nur die Arbeitswelt der Buchdrucker sondern erweiterte auch die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten der Maler.[1] Die ersten Holzschnitte waren Einblattdrucke. Sie wurden um 1400 in bayrischen Klöstern erstellt. Die Produktion geschah arbeitsteilig. Ein Zeichner erstellte die Vorlage, ein Formschneider bearbeitete das Holz und ein Briefmaler druckte das Motiv auf Papierbögen und kolorierte es bei Bedarf. Bei den Kupferstichen wurden mit einem Grabstichel Linien in die Kupferplatte gegraben, die anschließend mit Farbe gefüllt und mit einer Presse auf Papier gedruckt wurden. In der Frühzeit waren Zeichner und Kupferstecher häufig identisch, da die Verwendung des Grabstichels das Drehen der Platte erforderte, ein technisches Verfahren, das viel Übung und Kraft verlangte. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Holzschnitt und Kupferstich fand seit den 1450er Jahren statt. Wichtige Protagonisten waren Martin Schongauer und der sogenannte Hausbuchmeister. Ihre Erfindungen waren so revolutionär, dass sie die Kunst diesseits und jenseits des Rheins über Jahrzehnte hinaus bestimmten.

Martin Schongauer

Der in Colmar tätige Schongauer war der größte Kupferstecher seiner Generation. Er fertigte Blätter mit vollkommenen Kompositionen, die in den nordeuropäischen Malerkreisen unerreicht blieben.[2] Der Hausbuchmeister war ein in den Ateliers nordniederländischer Buchmaler ausgebildeter Maler und Zeichner, der eine neue graphische Technik erfand: die Kaltnadelarbeit.[3] Die Blätter des Hausbuchmeisters sind großartige Improvisationen, in denen die subtile Darstellung von Gefühlswelten viel Raum einnimmt. Beide Künstler sind auch Maler. Aber vom Hausbuchmeister haben sich keine Gemälde erhalten. Schongauer wird nur ein gesichertes zugeordnet, eine Madonna im Rosenhag.

Dieric Bouts: Abendmahlsaltar, um 1420
Dieric Bouts: Abendmahlsaltar, um 1420
© Wikimediacommons

Schongauers graphisches Werk ist gut überliefert. 116 seiner Kupferstiche sind erhalten geblieben, alle sind signiert. Scheinbar voraussetzungslos demonstrieren sie eine technische Verfeinerung und Bereicherung, die die Zeitgenossen tief beeindruckte. In Schongauers Blättern erkennt man eine intensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen kölnischen und niederländischen Kunst. Neben Lochner und Van der Weyden interessierte ihn die Kunst Dieric Bouts, jenes holländischen Malers, der 1465 Stadtmaler in Löwen wurde. Dessen aufsehenerregendstes Werk war ein Abendmahlsaltar für die Bruderschaft vom Heiligen Sakrament (Abb. 12), in welchem er die Porträts der Auftraggeber elegant in das heilige Geschehen integrierte. Lange wurde darüber diskutiert, ob Schongauer um 1470 während seiner Wanderschaft nach Burgund und Holland kam. Dokumentarische Belege haben sich dazu noch nicht gefunden. Schongauers Hauptwerk ist ein Passionszyklus. Auf 12 Blättern veranschaulicht er darin den Leidensweg des Herrn. Die klare Darstellung und die Erzählweise, die die Zusammenhänge zwischen den Blättern betont, wurden und werden allseits bewundert. Der bekannteste und am häufigsten nachgeahmte seiner Stiche ist die sogenannte Große Kreuztragung. Das Blatt veranschaulicht seine graphische Virtuosität und kennzeichnet ihn als Meister der Komposition, der die Darstellung von Menschenmassen in Bewegung perfekt beherrscht. Das Vorbild Van Eycks ist unverkennbar. Aber Schongauer entwickelte aus dem Überkommenen Neues. Alle nachfolgenden bedeutenden Kupfersteher haben von ihm gelernt. Dürer, Lucas van Leyden und Rembrandt gelten als die Meister, die ihm ebenbürtig sind.

Martin Schongauer: Große Kreuztragung, um 1474
Martin Schongauer: Große Kreuztragung, um 1474
© Wikimediacommons

Hieronymus Bosch

Zu Schongauers Generation gehörte Heronymus Bosch. Seine Werke entziehen sich jeder einfachen Deutung. Generationen von Kunsthistorikern haben versucht, seine hermetisch verschlossene Bildersprache zu entschlüsseln. Doch eine abschließende Interpretation seines Oeuvres gibt es bis heute nicht. Hieronymus Bosch lebte und arbeitete in s’ Hertogenbosch. Seine Familie stammte aus Deutschland, aber schon der Urgroßvater und der Großvater arbeiteten als Maler in Nijmegen und s’ Hertogenbosch. Hieronymus Familie war wohlhabend, er selbst heiratete eine Patriziertochter und gehörte zur besseren Gesellschaft seiner Heimatstadt. 1488, mit knapp vierzig Jahren, wurde er Mitglied der Liebfrauen-Bruderschaft, einer religiös geprägten Gemeinschaft, die enge Kontakte zu den höchsten adeligen Kreisen, zur hohen Geistlichkeit und zu den städtischen Eliten in den Niederlanden unterhielt. Die Bruderschaft gehörte der Johanniskathedrale von Den Bosch an und hatte sich die besondere Verehrung der Gottesmutter Maria zur Aufgabe gemacht.

Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste, 1480-1505
Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste, 1480-1505
© Wikimediacommons

Bosch malte für Mitglieder der Bruderschaft[4] sowie für den regierenden Fürst der Niederlande, Erzherzog Philipp den Schönen, und Herzog Hendrik von Nassau, der Erzieher des späteren Kaisers Karl V. am Hof der Statthalterin Margarete war. Aus dem Wettstreit dieser Staatsmänner, die beide begeisterte Kunstsammler waren, entstand eines von Boschs bekanntesten Gemälden, der Garten der Lüste (Abb. 14). Das Triptychon, das heute in Madrid im Prado hängt, hat unzählige Interpretationen hervorgerufen. Heute geht man davon aus, dass es auf seinen drei Innentafeln den Garten Eden, ein imaginäres Paradies und die Hölle zeigt. Der Kunsthistoriker Hans Belting wies 2002 in einer umfassenden Werkanalyse darauf hin, dass es sich beim Garten der Lüste weder um eine individuelle Auseinandersetzung Boschs mit kirchlichen Dogmen noch um eine opulente Illustration der Schöpfungsgeschichte handle.[5] Der Garten der Lüste sei vielmehr eine gemalte Utopie, deren Bildsprache mit den humanistischen Theorien der Zeit in Einklang stehe. Dass Boschs Bildsprache in kirchlichen Kreisen akzeptiert wurde, zeigt der Ankauf des Gemäldes durch Kaiser Philipp II., dem noch heute der Ruf eines extrem konservativen Katholiken nacheilt. Belting betont, dass die Inhalte von Boschs Triptychon erst um 1600 als suspekt empfunden wurden. Seither bestimmte der Verdacht, Bosch habe in seinem Triptychon verdeckt ketzerisches Gedankengut in Umlauf gebracht, die Auseinandersetzung mit seinen Gemälden. Weniger heftig war die Reaktion auf Boschs Zeichnungen. Die Landschaften und Gebäude, die er in freier Natur skizzierte, lösten eher Bewunderung als Unverständnis aus. Auf seinen Blättern verschmelzen Naturstudien mit Phantasiegebilden zu bizarren Kompositionen, die noch heute sehr gesucht sind. Bosch ist der erste Künstler, der ein eigenständiges zeichnerisches Werk hinterlässt.[6] 


[1] Vgl. Koschantzky, Walter: Die Kunst der Graphik, München 1972.
[2] Unterlinden Museum (Hrsg.): Der hübsche Martin. Kupferstiche und Zeichnungen von Martin Schongauer (ca. 1450-1491), Austellungskatalog, Colmar 1991.
[3] Vgl. Rijksprentenkabinet Amsterdam (Hrsg.): ’s Levens felheid. De Meester van het Amsterdamse Kabinet of de Hausbuch-meester (ca. 1470-1500), Ausstellungskatalog, Amsterdam 1985. Inzwischen wird vermutet, dass dem Notnamen „Hausbuchmeister“ Blätter mehrerer Künstler zugordnet werden. Deren Beziehungen untereinander sind noch nicht abschließend geklärt.
[4] Zu Boschs Tätigkeit für die Liebfrauenbrüderschaft vgl. Unverfehrt, Gerd: Wein statt Wasser. Essen und Trinken bei Hieronymus Bosch, Göttingen 2003.
[5] Vgl. Belting, Hans: Hieronymus Bosch. Im Garten der Lüste, München 2002.
[6] Vgl. Pokorny, Erwin/Koreny, Fritz (Hrsg.): Hieronymus Bosch. Die Zeichnungen in Brüssel und Wien, Rotterdam 2001.

Autorin: Mechthild Beilmann-Schöner
Erstellt: Mai 2012