VIII. Amsterdamer Arbeitsgemeinschaft

Jacob Cornelisz. van Oostzanen: Triptychon 'Anbetung der Könige', 1517 Jacob Cornelisz. van Oostzanen: Triptychon „Anbetung der Könige“, 1517
Jacob Cornelisz. van Oostzanen: Triptychon 'Anbetung der Könige', 1517 Jacob Cornelisz. van Oostzanen: Triptychon „Anbetung der Könige“, 1517
© Wikimediacommons

Während Jan Gossaert sich in international ausgerichteten höfischen Kreisen bewegte, schaffte ein Maler wie Jakob Cornelisz. van Oostsanen Kunstwerke für städtische Auftraggeberkreise und ließ sich mehr von der deutschen als von der flämischen und italienischen Kunst inspirieren. Jakob lebte und arbeitete in Amsterdam, damals eine Stadt im Aufschwung. Ihre Bürger waren wohlhabend genug, um die ortsansässige Malerwerkstatt mit ausreichenden Aufträgen zu versorgen. Jakob, der Mitglied der Lukasgilde war, malte Altäre und Bilder mit Szenen aus dem Neuen und Alten Testament, entwarf Glasgemälde und Deckengemälde. Mit dem Verleger Doen Pietersz. pflegte Cornelisz. eine feste Zusammenarbeit. Gemeinsam produzierten sie großformatige Holzschnitte, deren ungewöhnlich großes Format sie deutlich von der zeitgenössischen Massenware unterschied. Doen Pietersz. druckte nicht nur Einzelblätter, sondern auch Serien, die sich zu meterlangen Friesen zusammenfügen lassen. Jakob Cornelisz., der zwischen 1507 und 1522 Vorlagen für mehr als 200 Holzschnitte erstellte, kannte Dürers graphisches Werk und studierte dessen Blätter aufmerksam.[1] Seine präzise gearbeiteten Holzschnitte und die aus der Tradition Geertgen tot Sint Jans entwickelten Gemälde fanden Anklang. Mit seinen Zitaten italienischer Renaissancedekorationen knüpfte er nur verhalten an die neuen Zeiten an.

Jan Scorel

Jacob Cornelisz. Schüler Jan van Scorel interessierte sich deutlich mehr für die neuen Kunstströmungen.[2] Er besuchte die Lateinschule in Alkmaar und arbeitete nach seiner Ausbildung bei Jakob Cornelisz. bei Jan Gossaert in Utrecht. 1519 verließ er die Niederlande für eine Pilgerreise ins Heilige Land. Sein Weg führte ihn über Nürnberg, wo er Albrecht Dürer aufsuchte, nach Venedig und Jerusalem. 1521 kam er nach Rom, wo ihn Papst Hadrian VI. zum Hofmaler ernannte. Hadrian, der Theologieprofessor an der Universität Löwen gewesen war und Kaiser Karl V. in klassischen Sprachen unterrichtet hatte, war der bisher einzige Niederländer auf dem Papstthron. Er verstarb nach einjähriger Amtszeit bereits im Spätsommer 1523. Während seiner Amtszeit übernahm Jan van Scorel die Aufsicht über die päpstlichen Sammlungen, eine Aufgabe, die vor ihm Raffael wahrgenommen hatte. Im Vatikan begegnete er Kunstschätzen, deren Qualität einzigartig war. Da die päpstlichen Sammlungen zu Scorels Zeiten noch nicht öffentlich zugänglich waren, ist die mit dem Amt verbundene Möglichkeit, die antiken Statuen und die erstklassigen italienischen Wand- und Tafelmalereien studieren zu können, ein unvergleichliches Privileg. Nach Hadrians Tod verließ Scorel Rom und kehrt nach Utrecht zurück, wo er Stiftsherr der Marienkirche wurde. Die Kanonikerstelle sicherte ihm einen vom Gildenwesen unabhängigen Arbeits- und Lebensstil. Nach dem Vorbild Raffaels baute er einen effizient organisierten Werkstattbetrieb auf, in welchem der Meister das Kunstwerk entwarf und den Plan für den Produktionsablauf erstellte. Für die Ausführung selbst waren die Mitarbeiter zuständig.

Maarten Heemskerck: Selbstporträt mit Kollosseum, 1553
Maarten Heemskerck: Selbstporträt mit Kollosseum, 1553
© Wikimediacommons

Unter Scorels Leitung entstanden große Altarwerke, aber auch Kopien, Varianten und Repliken, die seinen Ruf als international renommierten Künstler mehrten. Seine umfassende Bildung und seine Kenntnisse der deutschen und italienischen Kunst machten ihn zu einem Maler, der den humanistischen Idealen im hohen Maße entsprach. Seine Bilder steckten voller Innovationen. So schmückte er das Triptychon mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, das die Familie Lokhorst 1527 im Utrechter Dom aufstellen ließ, mit einer topographisch genau wiedergegeben Ansicht der Stadt Jerusalem, die er selbst vor Ort gezeichnet und perspektivisch korrekt in das Gemälde übertragen hatte. Das Figurenarrangement verrät Einflüsse von Michelangelos Sintflut aus der Sixtinischen Kapelle. Die Figurengestaltung verdeutlicht Jans Vertrautheit mit süddeutschen Vorbildern und mit Arbeiten der Raffael-Schüler. Dennoch wirkt das Gemälde nicht wie eine Anhäufung von gelehrten Zitaten. Scorel fügte die einzelnen Elemente vielmehr so zusammen, dass der Eindruck einer harmonischen, ausgewogenen Komposition entstand. Die Auftraggeber waren begeistert von Jans exquisitem, modern gehaltenem Stil. Sie bestellten Altargemälde, Andachtsbilder und Porträts. Noch heute berühmt sind die Bildnisreihen der Utrechter Jerusalemfahrer und das Gemälde mit den 12 Mitgliedern der Haarlemer Jerusalembruderschaft. Sie gehören zur Bildgattung der holländischen Gruppenporträts, einem noch jungen Genre, dem Scorel mit seinen Bildern wichtige Impulse verlieh.

Zu Jan Scorels Schülern gehörten zwei Maler, die auf sehr unterschiedliche Weise am Kunstleben ihrer Generation teilnahmen. Der eine, Maarten van Heemskerk, ging 1532 für vier Jahre nach Italien.[3] Er lebte und arbeitete vorwiegend in Rom , wo er seine Eindrücke in einem Skizzenbuch mit Zeichnungen nach antiken Kunstwerken festhielt, das er sein Leben lang verwenden sollte. Nach seiner Rückkehr nach Haarlem malte Maarten Porträts, Altäre und mythologische Themen und entwarft Bildszenen für Wandteppiche und Glasgemälde. Er schaffte ein umfangreiches druckgraphisches Werk, mit dem er seine Innovationen verbreitete. Unter seinen etwa 600 erhaltenen Blättern sind die sogenannten „leerrijke reeksen“ besonders aufschlussreich. Es handelt sich hierbei um Bildserien, die vom humanistischen Gedankengut des Erasmus und des Coornhert geprägt waren und dem heutigen Betrachter ein authentisches Bild von der Gedankenwelt humanistischer Gelehrten- und Künstlerkreise vermitteln. Der andere von Scorels Schülern, Anthonis Mor, war ein berühmter Porträtist.[4]

Anthonis Mor: Kardinal Antoine Perrenot de Granvelle, 1549
Anthonis Mor: Kardinal Antoine Perrenot de Granvelle, 1549
© Wikimediacommons

Nach einer Italienreise wurde er 1547 als Meister in die Antwerpener Lukasgilde eingeschrieben. Er war einer der ersten Künstler, die sich ganz auf die Porträtmalerei spezialisierten. Sein wichtigster Förderer war Kardinal Antoine Perrenot de Granvelle, einer der einflussreichsten Männer am Habsburgerhof in Brüssel. In seinen höfischen Porträts orientierte sich Mor am formellen Staatsporträt, das Tizian kurz zuvor in Venedig entwickelt hatte. Seine streng aufgebauten Bildnisse mit den subtil geformten Gesichtern und Händen und den prächtigen Stoffmalereien, die, glänzend gemalt, nicht vom Wesentlichen ablenkten, wurden an den europäischen Fürstenhöfen geschätzt. Für seine adeligen Auftraggeber reiste Mor nach Spanien, Portugal und England. Mehrfach arbeitete er für Philipp II., porträtierte die Habsburger Prinzen und Prinzessinnen und die Mitglieder des Hofstaates. Mors Porträts waren für den engen Kreis des europäischen Hochadels bestimmt. Menschen außerhalb des „inner circle“ bekamen sie in der Regel nicht zu sehen. Aber auch die reichen flämischen und in Flandern residierenden Kaufleute schätzten seine Kunst. Und so malte er eine Reihe bürgerlicher Porträts, die sich an das altbewährte Porträtschema seines Lehrers Jan van Scorel anpassten. Typisch für diese Porträts war der meist enge Bildausschnitt und die Konzentration auf die Physiognomie der Dargestellten.


[1] Möller, C./Oostsanen, Jacob Cornelisz van/Piet, Doen: Studien zur Zusammenarbeit zwischen Holzschneider und Drucker im Amsterdam des frühen 16. Jahrhunderts, Münster 2005.
[2] Zu Leben und Werk Jan Scorels vgl.Faries, M.A.: Jan van Scorel, his style and ist historical context, Bryn Mawr 1972.
[3] Zu Leben und Werk Maarten Heemskercks vgl. Veldman, Ilja M.: Maarten van Heemskerck and Dutch humanism in the sixteenth century, Maarssen 1977.
[4] Zu Leben und Werk vgl. Frerichs, L.C.J.: Antonio Moro, Amsterdam 1947.

Autorin: Mechthild Beilmann-Schöner
Erstellt: Mai 2012