VII. Sonstige Kirchen und Religionsgemeinschaften

Juden

Die jüdische Gemeinde in Amsterdam entstand während des 16. und 17. Jahrhunderts, als viele Juden aus Spanien und Portugal in die Niederlande flohen. Einer der bekanntesten portugiesischen Juden in den Niederlanden war Baruch de Spinoza. 1639 wurde in Amsterdam eine der ersten öffentlichen Synagogen Westeuropas erbaut. Später kamen Juden aus Osteuropa und in den 1930er Jahren flüchteten viele Juden vor dem Naziregime aus Deutschland nach Amsterdam. Durch den Zweiten Weltkrieg hat das jüdische Leben in den Niederlanden allerdings tiefe Einschnitte erlitten. Von den 140.000 Juden, die 1940 noch in den Niederlanden lebten, wurden über 100.000 während des Krieges umgebracht. Viele der Überlebende zogen später zudem in den neuen Staat Israel.

Vor allem in Amsterdam besteht nach wie vor eine deutliche Präsenz des Judentums (vor allem im ehemals jüdischen Viertel sind noch viele Erinnerungsorte zu finden). Die Juden nannten die Stadt „Mokum“, nach dem jiddischen Wort für „Zufluchtsort“ oder „Stadt“. Amsterdam hatte über eine lange Periode fast durchgängig einen jüdischen Bürgermeister: Ivo Samkalden (1967–1977), Wim Polak (1977–1983), Ed van Thijn (1983–1994) und Job Cohen (2001–2010). Der Fußballklub Ajax Amsterdam besaß vor dem Krieg eine überdurchschnittliche jüdische Vertretung, sowohl bei den Spielern als auch bei den Fans. Auch nach dem Krieg wurde in der Fan-Community das Image eines „Judenklubs“ gepflegt: Bis auf den heutigen Tag wehen auf den Tribünen israelische Fahnen. Umgekehrt scheuen Fans anderer niederländischer Fußballklubs bei Spielen gegen Ajax krasse antisemitische Parolen nicht.

Das Centrum Informatie en Documentatie over Israël (CIDI) gehört zu den auffälligsten jüdischen Organisationen in den Niederlanden. Es wird regelmäßig von den Medien konsultiert, wenn der Staat Israel oder das Judentum im Mittelpunkt stehen. Das CIDI prangert antisemitische sowie antiisraelische Äußerungen in den Niederlanden an.

Hindus und Buddhisten

Wie der Islam, sind Hinduismus und Buddhismus in erster Linie durch Immigration in die Niederlande gekommen. Der Ursprung der hinduistischen Religionsgemeinschaft in den Niederlanden liegt in der Gruppe Kontraktarbeiter aus Britisch-Indien, die im 19. Jahrhundert nach Suriname gebracht wurden. Die so genannte Hindostanen bilden bis heute eine der größten Bevölkerungsgruppen in der ehemaligen niederländischen Kolonie. In den 1970er Jahren sind viele hindostaanse Surinamer in die Niederlande migriert. Der harte Kern der buddhistischen Gemeinschaft besteht aus chinesischen und vietnamesischen Immigranten, wobei gerade die Buddhisten auch einen Zulauf aus alternativen, lebensreformerischen Kreisen autochtoner Niederländer verzeichnen können. Die chinesischen Viertel von Amsterdam und Rotterdam haben je ihren eigenen buddhistischen Tempel.

Der niederländische Hindoeraad (dt. Hindurat) wurde 2001 als Dachorganisation und Kontaktorgan der Religionsgemeinschaft mit dem niederländischen Staat gegründet. Heute (Stand 2000) leben in den Niederlanden ungefähr 100.000 Hindus und 30.000 Buddhisten.[1]

Altkatholiken

Die altkatholische Kirche ist das Produkt eines Schismas vom Anfang des 18. Jahrhunderts in der niederländischen katholischen Kirche. Im historischen Kontext ging es in erster Linie um einen Kompetenzkonflikt zwischen säkularen und regulären Priestern: Nach Auffassung der durch Rom unterstützten Ordensgeistlichen war die niederländische Republik ein Missionsgebiet, wo sie entsprechend freie Hand für die Glaubensverkündigung hatten. Die lokalen niederländischen Geistlichen widersetzten sich dieser Vision, verwiesen auf die angeblich ungebrochene Kontinuität des Utrechter Erzbistums und dessen kirchlicher Hierarchie. 1723 wurde ein neuer Erzbischof gewählt und geweiht. Die Oudbisschoppelijke Clerezie (dt. altkatholische Kirche der Niederlande) konnte allerdings nie eine größere Anhängerschaft erwerben, da die Mehrheit der niederländischen Katholiken Rom treu blieb.

Indem die altkatholische Kirche grundsätzlich die Autorität des Papstes ablehnt, konnte sie ihren eigenen theologischen Kurs bestimmen. Sie wurde eine dezentralisierte Kirche niederländischer Prägung, mit der Synode als zentraler Instanz. Änderungen in der Liturgie oder überhaupt die Heilige Messe in der Volkssprache wurden hier schon durchgeführt, bevor die katholische Kirche nach dem zweiten Vatikanischen Konzil diesen Schritt tat. Ab 1998 können in der altkatholischen Kirche Frauen zum Priester berufen und geweiht werden.[2] Nach SILA-Angaben zählte diese Gruppe 2010 noch 5.173 Mitglieder.[3] International ist die niederländische altkatholische Kirche mit ihren Schwesterkirchen in Deutschland und anderen europäischen Ländern vernetzt.

Transzendentale Meditation

Einen Sonderfall bei den Glaubensgemeinschaften bildet der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi (1918–2008), der nicht nur die Beatles, sondern auch einige Niederländer für seine „Transzendentale Meditation“ (TM), eine spirituell geprägte Meditationstechnik, gewinnen konnte. Bemerkenswert und illustrativ für die niederländische Religionsgeschichte ist der Ort, wo der Maharishi sich 1990 niederließ. Das Kolleg St. Ludwig im limburgischen Vlodrop war im 19. Jahrhundert als Exilkloster für die aus Preußen vertriebenen Franziskaner gegründet worden. Nachdem das Gebäude jahrelang als Internat für deutsche Schüler gedient hatte, wurde es verkauft. Heute dient dieser geschichtsträchtige Ort, der einst eine Hochburg des grenzüberschreitenden deutsch-niederländischen Katholizismus war, also als Zentrale der internationalen TM-Bewegung.

Orthodoxe Gemeinden

In den Niederlanden gibt es rund 35 östlich-orthodoxe Gemeinden mit rund 10.000 Mitgliedern. Die bekannteste russisch-orthodoxe Kirche ist die vom heiligen Großfürsten Alexander Nevski in Rotterdam. Die jüngste ist die Gemeinde vom Heiligen Tichon und wurde 2004 in Nimwegen gegründet. Die Anzahl der Orthodoxen nimmt vor allem durch die Vielzahl russischer Immigranten zu. Obwohl die Kirchengemeinden bemüht sind, an so genannten „Integrationswochenenden“ den antieuropäischen und antisemitischen Tendenzen entgegen zu wirken, bleibt dies ein Hauptkritikpunkt an der russisch-orthodoxen Kirche.[4]


[1] Vgl. Eijnatten, Joris van/Lieburg, Fred van: Nederlandse religiegeschiedenis, Hilversum 2005, S. 344.
[2] Vgl. o.A.: Vrouwen in de OKK, Onlineversion.
[3] Vgl. SILA: Aantallen bij de SILA geregistreerde personen, 2011, Onlineversion.
[4] Vgl. Hakkenes, Emiel: Uren staan voor een icoon. De God van Nederland, in: Trouw vom 3. Mai 2005, S. V4.

Autoren: Andréa Vermeer und Kristian Mennen
Erstellt:
Juni 2005
Aktualisiert:
November 2013